Italien Oumohs Reise

Wie ein Flüchtlingsmädchen aus Zentralafrika in Italien seine Mutter nach einer Irrfahrt wiedertrifft.

Von Oliver Meiler, Rom

Ein weißes Röckchen aus Tüll, ein rosa Band im Haar, Schuhe mit rosa Schnallen. Als sie Oumoh zum Flughafen von Palermo brachten, sagten sie ihr, das sei ein Festtag. Oumoh ist vier Jahre alt und von der Elfenbeinküste. Und wenn man sich die Bilder anschaut, die Italiens Polizei nun von Oumohs Wiedersehen mit ihrer Mutter in der Ehrenlounge des Flughafens veröffentlicht hat, dann gewinnt man den Eindruck, dass da ein Wunder geschehen ist. Es ist eine dieser seltenen Geschichten mit glücklichem Ende auf der oftmals tödlichen Fluchtroute über das zentrale Mittelmeer. Auch die Mutter, Zenabou Carami, 31 Jahre alt, trug viel Rosa. Die beiden umarmten sich minutenlang, ohne zu reden.

Ihre Geschichte begann vor fünf Monaten. Da rettete die italienische Küstenwache in der Straße von Sizilien ein Schlauchboot in Seenot und brachte die Passagiere zur Insel Lampedusa. Auch Oumoh war dabei, ohne Begleitung. Es gibt in Italien inzwischen zahlreiche minderjährige Flüchtlinge. Aber mit so kleinen Kindern haben es die Helfer selten zu tun. Oumoh sagte zunächst kein Wort, die Reise hatte sie wohl traumatisiert. Das Mädchen wurde nach Palermo gebracht und einer Gemeinschaft anvertraut.

Die Helferinnen zupften am Haarband, weinten und filmten

Dank dem Hinweis eines anderen Flüchtlingskindes, das Oumoh auf einem Foto erkannt hatte, erfuhren die italienischen Behörden doch noch mehr über das Schicksal des Mädchens: Die Mutter Zenabou Carami war aus der Elfenbeinküste geflohen, um Oumoh der schmerzhaften Infibulation zu entziehen, einem Eingriff, bei dem den Mädchen die Genitalien zugenäht werden. Die beiden schafften es nach Tunesien, wo Zenabou ihr Kind bei der Freundin ihrer Schwester unterbrachte. Sie selbst kehrte in die Heimat zurück, um Geld zu besorgen, sie wollte sich mit Oumoh in Tunesien niederlassen. Doch in der Heimat habe man sie festgehalten und bedroht, erzählt Zenabou, die eigene Familie habe ihr den Tod gewünscht.

Als sie wieder in Tunesien ankam, war ihre Tochter weg. Die Freundin war mit ihr geflohen, ohne etwas zu sagen. Als die Küstenwache die Flüchtlinge rettete, täuschte die Freundin vor, Oumoh nicht zu kennen. Die Mutter rechnete in Tunesien mit dem Schlimmsten, zu der Freundin hatte sie seitdem nie mehr Kontakt. Als die Italiener Zenabou schließlich gefunden hatten, konnten Mutter und Tochter täglich skypen. Nach Italien aber durfte sie nicht reisen, sie besaß keinen gültigen Pass. Oumoh wurde derweil beim Skypen immer gleichgültiger, so erzählt es ihre Psychologin, "sogar etwas kühl". Sie hatte Freunde gefunden in der Kinderkrippe und begonnen, Italienisch zu lernen. Die Betreuer hängten ein Foto der Mutter über Oumohs Bett. Alles habe man unternommen, damit die Verbindung nicht reiße.

Dann endlich erhielt Zenabou Carami ihren Pass. Italien, sonst eher gemächlich in administrativen Dingen, billigte die Zusammenführung binnen 24 Stunden. Gerade genug Zeit, um das Fest vorzubereiten. Als sich Mutter und Tochter in den Armen lagen, Rosa in Rosa, standen Helferinnen und Polizistinnen um die beiden herum. Zupften am Haarband, weinten und filmten. Als richteten auch sie sich an diesem seltenen Wunder auf.