Italiens Brücken:"Alles bricht zusammen"

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Feuerwehrleute sichern den zusammengebrochenen Autobahnabschnitt in Savona. (Foto: dpa)
  • Erneut ist in Italien eine Brücke eingekracht. Diesmal nach einem Erdrutsch auf der Autobahn A6, die an der ligurischen Küste verläuft.
  • Mehr als ein Dutzend weitere Brücken in dem Land sollen einsturzgefährdet sein
  • Geld für Maßnahmen gäbe es - aber es kommt nicht an

Von Oliver Meiler, Rom

Italien hat einen neuen Helden, einen zufälligen. Daniele Cassol ist 56 Jahre alt, von Beruf Wachmann, er kommt aus der ligurischen Hafenstadt Savona. Alle Zeitungen zeigen ein Foto, das Cassol mit weit ausgestreckten Armen auf der Brücke Madonna del Monte auf der Autobahn A6 zeigen. Im Regen. Hinter ihm fehlt ein Stück der Brücke, dreißig Meter etwa, die Leitplanken hängen in der Luft. Ein Erdrutsch hatte das Brückenstück gerade weggetragen, nach tagelangem Regenfall war der Berg heruntergekommen. Cassol hatte seinen Fiat Panda rechtzeitig abbremsen können, nun warnte er die heranfahrenden Autos, er wachte über sie.

"Ich habe nur meine Pflicht getan", sagt er. Als er das Loch vor sich sah, habe er natürlich sofort an die Ponte Morandi denken müssen, an die eingestürzte Brücke von Genua. "Es ist eine Sache, so etwas am Fernsehen sehen, eine andere, selbst am Abgrund zu stehen." Sein Pflichtgefühl rettete wohl viele Menschenleben. Auch einen Reisebus mit Dutzenden Passagieren konnte er mit seinem Armschwenken vor der Katastrophe bewahren. Einer der Passagiere nahm das Foto auf. In der Tiefe steckten Straßenschilder im Schlamm. Sie wirkten wie Ausrufezeichen.

Ausufernde Bürokratie

Und wieder klagen die Italiener über sich selbst. Über ihre chronische Unfähigkeit, präventiv zu handeln und sich selbst zu schützen vor den Launen der Natur und den Gefahren einer veralteten, bröckelnden Infrastruktur. Ausufernde Bürokratie, ständig vertagte Versprechen und besserwisserische Kontrolleure, die aber gerade das nur ungenügend tun würden: kontrollieren. "Alles bricht zusammen", hört man jetzt wieder. "Crolla tutto!"

Das italienische Autobahnnetz zählt 7317 Brücken und Tunnels, das ist eine ganze Menge. Die große Zahl erinnert daran, dass dieses Land zwar eine Halbinsel ist, diese halbe Insel aber, abgesehen von einigen Ebenen, von oben bis unten von Bergen und Hügeln durchzogen ist. In Ligurien etwa, einer schmalen und lang gezogenen Region im äußersten Nordwesten Italiens, stehen auf 98 Prozent der Fläche Berge.

Auf der Autobahn von Genua nach Ventimiglia, der so genannten "Autostrada dei Fiori" hoch über dem Mittelmeer, reiht sich streckenweise Tunnel an Brücke ohne Unterbrechung. Die Ingenieure haben da ein Kunstwerk erschaffen. Doch es ist in die Jahre gekommen, wie das gesamte italienischen Straßennetz, das meiste wurde in den Jahren von 1955 bis 1980 gebaut. Die Medien veröffentlichen nun Listen mit mehr oder weniger einsturzgefährdeten Autobahnbrücken. Der "Corriere della Sera" nennt fünfzehn, deren Zustand gerade einer Prüfung unterzogen werde, weil man sie für besonders gefährdet hält. Elf davon befinden sich in Ligurien, fünf auf der A10, der "Autobahn der Blumen".

Eine offizielle Risikokarte gibt es aber nicht, obwohl die Europäische Union dies seit 2008 fordert. In der Richtlinie heißt es, dass die Transportministerien in den Mitgliedsstaaten einer unabhängigen Behörde den Auftrag geben müssten, "hoch detaillierte" Inspektionen aller Transportwege zu erstellen. Nach dem Einsturz der Morandi-Brücke bei Genua im August 2018 schaute man sich die Richtlinie in Rom mal genauer an. Es gibt nun einen Namen und ein Organigramm für eine unabhängige Behörde. Doch ihre Arbeit hat sie noch immer nicht aufgenommen. In der Presse wird sie "Gespensteragentur" genannt.

Ein Großteil des italienischen Autobahnnetzes wird von Privatunternehmen betrieben, die dafür Gebühren erheben: nämlich auf insgesamt 5887 von 7488 Kilometern. Die Morandi-Brücke etwa gehört in die Verantwortung von Atlantia, einer Holding der Familie Benetton. Die hatte früher vor allem mit bunten Pullovern Geschäfte gemacht, nun hält sie den weitaus größten Anteil an den Autobahnen. Die weggeschwemmte Brücke bei Savona wird von Gavio betrieben, einem Bauunternehmen aus dem Piemont. Vielleicht war die Brücke gar nicht so schlecht beisammen. In diesem Fall stellt sich eher die Frage, wie es kommen konnte, dass der Berg ins Rutschen geriet.

Unglück in Genua
:"Die Brücke stand für die Moderne"

Ein Jahr nach dem Einsturz des Ponte Morandi in Genua sind viele Fragen zum Unglück noch offen. Eine Architekturhistorikerin erklärt, was die Brücke für die Anwohner bedeutete - und für ganz Italien.

Interview von Elisa Britzelmeier

Italien hat ein altes, nie ernsthaft behandeltes Problem mit der so genannten "hydrogeologischen Zerrüttung". In Ligurien mit seinen vielen Abhängen ist das Risiko, dass bei Starkregen sich der Boden verselbstständigt, besonders groß. Ein beträchtlicher Teil des Problems ist aber menschgemacht. Auch in Ligurien wurde in Gebieten gebaut, in denen niemals hätte gebaut werden dürfen. Wenn mal ein Fluss im Weg war, verengte man ihn eben oder betonierte ihn ganz zu. So verschwanden viele Abflussrinnen.

An Geld mangelt es nicht. Aber es kommt nicht an.

Nach dramatischen Überschwemmungen gelobt jede Regierung, sie werde sich um die Sanierung kümmern. Überall im Land. Ohne Furcht vor Widerständen. Sofort. Zum Wohl Italiens. "Sicheres Italia" etwa, das Programm des früheren Premiers Matteo Renzi, machte 10 386 Fälle aus, die dringend behandelt werden müssten, mit Dämmen und breiteren Flussbetten. Doch fast nichts kommt voran.

An Geld mangelt es nicht. Für die Sicherung des Bodens gibt es einen Fonds mit zwölf Milliarden Euro. Doch nur etwa zehn Prozent davon sind bisher verplant worden. "Es fehlt an der Fähigkeit, das Geld gut und schnell auszugeben", schreibt der Corriere della Sera. Die Ämter seien langsam, die Prozeduren kompliziert, und viele Bauunternehmer trauten dem Staat nicht, weil der immer viel zu spät bezahle. Das blockiert die Projekte.

Allein für Sarno, einer Stadt am gleichnamigen Fluss im Süden Neapels, sind 400 Millionen Euro veranschlagt worden. Damit sich auch nie wiederholt, was im Mai 1998 passierte, als der halbe Berg ins Tal donnerte. 160 Menschen kamen damals um. Die Sanierung stockt, am vergangenen Wochenende trat der Sarno mal wieder über die Ufer.

© SZ vom 26.11.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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