Italien:Herrscher der Lüfte

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Weil die Mächtigen das Bergdorf Seborga vergessen haben, regiert dort ein Blumenhändler als Fürst. Das "Principato" hat eigene Briefmarken, Münzen und Pässe. Konflikte gibt es kaum, denn "wir sind zu klein, um Krieg zu führen".

Stefan Ulrich

Sein Reich ist nicht ganz von dieser Welt und auch noch von fremden Mächten bedroht, doch das kann Giorgio I. nicht schrecken: Am Mittwoch ließ sich der vollbärtige Monarch von seinen 330 Untertanen feiern, schließlich hatte er 70. Geburtstag.

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Giorgio Carbone, Herrscher von Seborga - um das Staatswappen zu sehen, klicken Sie auf das Bild

(Foto: Foto: Reuters)

Die Staatsflagge mit dem weißen Kreuz auf blauem Grund und der goldenen Krone flatterte im Grecale, dem Nordostwind, die Menschen gönnten sich ein Extragläschen ihres guten Weines, und sogar ein Fernsehteam war nach Seborga gekommen. Schließlich ist Giorgio I. nicht irgendein Fürst, sondern ein vom Volk gewählter Monarch und Herrscher über ein tausendjähriges Reich.

Zugegeben, groß ist es nicht, das Principato di Seborga. Genau genommen besteht es aus einem Dorf in luftiger Höhe über der ligurischen Blumenriviera und ein paar Hügeln und Feldern darum herum. Doch was ist schon Größe, wenn man die Geschichte auf seiner Seite weiß. Schließlich sind auch das nahe Monaco und der Vatikanstaat keine Riesenreiche, und dennoch von aller Welt anerkannt. Also könnte sich Giorgio I. weiter genüsslich auf seinem Thron räkeln, wenn da nicht die fremden Mächte wären.

So wurden die Seborganer dieser Tage von einer Meldung aufgeschreckt, die in den großen italienischen Zeitungen kursierte: Eine in Frankreich lebende Prinzessin Yasmin von Hohenstaufen, die sich als Nachfahre Kaiser Friedrich II. betrachte, habe kurzerhand das Fürstentum verschenkt. Demnach schrieb Yasmin in einem Brief an den italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano, Seborga solle fortan zu Italien gehören.

"Die Prinzessin wollte ihre Großzügigkeit zeigen", zitiert der Corriere della Sera eine Tochter der Hohenstauferin. Doch in Seborga kam die noble Geste schlecht an. "Diese Person kann nicht verschenken, was ihr nicht gehört", knurrte Giorgio I. Er denkt gar nicht daran, das Reich aufzugeben, das er einst selbst aus den Tiefen der Geschichte hervorgeholt hat.

Der sture Monarch Giorgio I.

Das alles begann Anfang der sechziger Jahre. Damals versenkten sich der Blumenhändler Giorgio Carbone und ein paar Freunde in die Ortshistorie und kamen erstaunlichen Dingen auf die Spur: Im Jahre 954 schenkte der Graf von Ventimiglia den Landstrich um das heutige Seborga an Benediktinermönche.

1079 wurde das Gebiet zum Fürstentum im Heiligen Römischen Reich erklärt und bald darauf entstand daraus ein souveräner Staat der Zisterzienser-Mönche. Die Äbte fungierten als Fürsten, und die kleine Mönchsmonarchie durchlebte in der Abgeschiedenheit der ligurischen Berge die Jahrhunderte.

1729 verkauften die Äbte das Fürstentum an den Herzog von Savoyen, der zugleich König von Sardinien war. Doch dabei passierte ein Fehler. Der Kaufvertrag wurde Giorgio Carbone zufolge nie registriert und daher nicht wirksam. Demnach blieb Seborga unabhängig - und von den Mächtigen vergessen. Weder trat es 1814 auf dem Wiener Kongress dem Königreich Sardinien bei, noch schloss es sich 1861 Italien an. Angeblich soll sogar der faschistische Diktator Mussolini zugegeben haben, Seborga gehöre nicht zum italienischen Staatsgebiet.

Das Fürstentum lebt

Die Dorfforscher kamen also zu dem Schluss: Das Fürstentum lebt. Nur ein Fürst fehlte noch. So wurde aus Giorgio Carbone Fürst Giorgio I. Bereits 1963 wählten ihn die Seborganer zum Monarchen, 1993 stimmten sie für die Unabhängigkeit von Italien, zwei Jahre später billigten sie eine Verfassung.

Der Blumenhändler verkündete daraufhin: "Wir, Giorgio I., von Gottes Gnaden und Volkes Willen, bekräftigen und dekretieren die territoriale, rechtliche, religiöse, zivile, moralische und materielle Souveränität des Fürstentums Seborga."

Herrscher der Lüfte

Gesagt, getan. Mittlerweile hat das Principato eigene Münzen und Briefmarken, eine Flagge, Autokennzeichen, Pässe und was sich sonst an die Abertausenden Touristen verkaufen lässt, die nun Jahr für Jahr in Bussen vom Meer herauffahren, um etwa im Restaurant "Il Principe" des Außenministers Walter Ferrari Gnocchi al Pesto und Zicklein zu verspeisen. "Giorgio I. hat es geschafft, dass uns heute die ganze Welt kennt. Er hat Seborga geholfen zu überleben", lobt Bürgermeister Franco Fogliarini, der ja eigentlich der "Kolonialmacht" Italien untersteht. Im Gegensatz zu anderen Bergorten sei Seborga so nicht ausgestorben.

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Giorgio I. feiert heute seinen 70. Geburtstag

(Foto: Foto: Reuters)

Zu klein, um Krieg zu führen

Und was sagt Rom zu der ganzen Geschichte? Bislang gar nichts. Zwar drohte die Staatspolizei einmal, bei Missachtung der nationalen Gesetze einzugreifen. Aber solange die Seborganer Steuern an Italien bezahlen, könnten sie unter ihrem Fürsten wohl noch lange im Frieden leben - zumal Giorgio I. erklärte: "Wir sind zu klein, um Krieg zu führen."

Doch dann ist Prinzessin Yasmin in die Idylle gebrochen. "Sie beanspruchte als Erbin Kaiser Friedrich II. das Fürstentum Seborga", erzählt der Bürgermeister. "Wir haben sie eingeladen, doch sie ist nicht gekommen. Und wie sollten wir eine Prinzessin anerkennen, die wir nicht kennen?" Giorgio I. zweifelt sogar an der Existenz der Hohenstauferin. "Ich habe sie noch nie gesehen und nenne sie nur die Principessa Internet", sagte der Fürst der Süddeutschen Zeitung.

Doch noch etwas treibt Seborga in diesen Tagen um: ein angeblicher Beschluss des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag. "Den Haag gibt uns Recht. Es erklärt, dass Seborga nicht zu Italien gehört", frohlockt Ferrari, der Außenminister. Bürgermeister Fogliarini will sich das Dokument nun besorgen. Am Weltgericht aber weiß man gar nichts von der Sache.

"Der Gerichtshof hat diesen Fall nicht behandelt", versichert ein Sprecher des Tribunals. Seine Hoheit wird sich trotzdem nicht unterkriegen lassen. Auf die Frage, ob er weiter auf dem Thron bleibe, antwortet Giorgio I. halb seufzend, halb lachend: "Leider. Denn es ist soviel Arbeit."

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