Süddeutsche Zeitung

Israel:Warum in Jerusalem massenhaft Katzen vermisst werden

Mehr als zwei Millionen Katzen streunen auf israelischen Straßen herum. Seit einigen Wochen verschwinden besonders viele in Jerusalem - aber wohin?

Für die einen sind sie eine Plage, für die anderen ein Quell der Freude: Die Briten haben Katzen im vergangenen Jahrhundert zur Rattenbekämpfung nach Palästina gebracht. Der Spruch aus dem ersten Buch Mose "Seid fruchtbar und vermehret euch", gilt auch für die Katzen im Heiligen Land. Mehr als zwei Millionen sollen es sein, die auf Israels Straßen und Stränden herumstreunen. Besonders hoch ist ihre Konzentration in Jerusalem, angeblich weltweit die höchste: 2000 Katzen pro Quadratkilometer.

Seit einigen Wochen machen aber beunruhigende Meldungen in den sozialen Medien die Runde. Tierschutzorganisationen schlagen Alarm, und die englischsprachige Jerusalem Post stellt bange die Frage, ob eine Cat-astrophe, also eine Katzen-Katastrophe, passiert sei. Bewohner der heiligen Stadt berichten nämlich, dass massenweise Katzen verschwinden. In einigen Stadtteilen sollen sogar keine mehr auf den Straßen zu sehen sein. Das löst Spekulationen aus: Sind Entführer am Werk? Wurden die Katzen vergiftet? Hat ihnen die Hitzewelle den Garaus gemacht? Es wurden aber nur vereinzelt Kadaver gefunden, einer davon war grausam verstümmelt.

Das städtische Veterinäramt beteuert, keinen Versuch unternommen zu haben, im großen Stil Katzen zu fangen und zu sterilisieren. Mit der Forderung, binnen sechs Monaten 80 Prozent der Katzen unfruchtbar zu machen, hatte die Behörde in der Vergangenheit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Wer seine Katze vermisst, kann eine Notfallnummer wählen

Tierschützer verbündeten sich mit ultraorthodoxen Juden, die gegen solche Eingriffe sind, weil den Kreaturen damit ihr gottgegebenes Recht auf Vermehrung genommen werde. Umgerechnet rund eine Million Euro war für das Sterilisationsprogramm vorgesehen. Es wurde wegen der Proteste auf Eis gelegt. Die von Landwirtschaftsminister Uri Ariel ersonnene Alternative, die Katzen ins Ausland zu bringen, erregte erst recht die Gemüter.

In Jerusalem ist seit Kurzem ein erklärter Katzenfreund Bürgermeister: Als eine seiner ersten Amtshandlungen richtete Mosche Lion hundert Futterstationen für die streunenden Katzen ein und machte dafür rund 25 000 Euro locker. Sein Programm löste heftige Kontroversen zwischen Katzenliebhabern und solchen aus, die diese Tiere nicht so gerne mögen. Für die herumstreunenden Tiere ist es in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, sich Futter zu beschaffen. Mehr und mehr Müllbehälter werden inzwischen in Gebäuden und nicht mehr im Freien aufgestellt, sodass die Katzen nur schwer herankommen.

Vom Bürgermeister eingeladen, haben rund hundert Bewohner in den Stadtvierteln Jerusalems Komitees gebildet, die sich um das Wohl der Streuner kümmern sollen: Sie füllen Schüsseln mit Futter und bringen verletzte Katzen zum Tierarzt. Diese Katzenfreunde haben als erste Alarm geschlagen wegen des mysteriösen Verschwindens der Tiere.

Die aufgeschreckte Stadtverwaltung hat nun die Bewohner Jerusalems aufgefordert, sich an die Polizei oder an die Notfallnummer 106 zu wenden, wenn sie Katzen vermissen. So wollen die städtischen Mitarbeiter herausfinden, ob es tatsächlich einen Grund für den Katzenjammer gibt.

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Quelle:
SZ vom 30.08.2019
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