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Israel:Vom anderen Stern

scientific-technological kindergarten, Israel

Bereit für die Erkundung des Roten Planeten: In Kirjat Malachi bauen Fünfjährige Mars-Mobile.

(Foto: Guy Yechiely)

Astronomie, Physik und Robotertechnik schon im Kindergarten? In zwei israelischen Städten wird das ausprobiert. Um einen Platz für ihren Nachwuchs zu ergattern, stehen manche Eltern schon um Mitternacht an.

Von Peter Münch, Kirjat Malachi

Wer einen Mars-Rover baut, der will ihn auch fahren sehen. Mit einer Anleitung aus dem Internet hat Yona-tan das Gefährt zusammengebaut, nun setzt er die Räder auf dem Boden auf, ganz vorsichtig. Alles ist vorbereitet für die Erkundung des Roten Planeten. Ein kurzer Blick aufs Tablet, die Eingabe knapper Befehle, dann setzt sich das Fahrzeug in Bewegung, ferngesteuert über Bluetooth. Der Rover blinkt, Yonatan strahlt. Yonatan ist fünf Jahre alt.

Der kleine Mars-Rover tuckert durch ein aufgeräumtes Spielzimmer in Kirjat Mala-chi, einer Kleinstadt südlich von Tel Aviv, auf halbem Weg gelegen zwischen Strand und Wüste. Hier hat im vorigen September ein "wissenschaftlich-technologischer Kindergarten" eröffnet für insgesamt 33 Kinder aller Haut- und Haarfarben. Am Eingang empfängt sie eine lebensgroße Astronauten-Figur, die Wände sind geschmückt mit bunten Bildern, die Wunder aus Natur und Technik zeigen. "Die Kinder lernen hier, die Wissenschaft zu lieben", sagt die Leiterin Alona Rachman. "Wir zeigen ihnen, dass alles machbar und alles ganz einfach ist."

Der Kindergarten zählt zu einem Pilotprojekt, das weit über das hinausgeht, was in Deutschland auf diesem Gebiet passiert. Geht es dort in der Regel darum, die Kinder durch den spielerischen Umgang mit Computern auf die digitalisierte Welt vorzubereiten, wird in Israel ein viel breiterer Ansatz verfolgt. Astronomie, Physik, Chemie und Robotertechnik stehen in Kirjat Malachi sowie im Parallelprojekt in Beerschewa auf dem Stundenplan des Kindergartens. Finanziert werden die Einrichtungen zu großen Teilen vom US-Luftfahrtunternehmen Lockheed Martin, das in Beerschewa ein Entwicklungszentrum betreibt. Die private Rashi-Stiftung unterstützt das Projekt ebenso wie das israelische Erziehungsministerium und die ausgewählten Kommunen. Das Ziel ist klar definiert: die nächste Generation von Wissenschaftlern großziehen.

Die angehenden Chemiker zum Beispiel haben sich in ihrem Zwergenlabor um einen Tisch versammelt, auf dem Plastikflaschen mit bunten Flüssigkeiten gefüllt sind. Es geht um Experimente zur Dichte, Kindergärtner Assaf Yogev macht sich daran, Öl und Wasser zusammenzuschütten und fragt vorher, was wohl dabei passieren werde. "Es explodiert", sagt Ofir. Yair weiß es besser: "Wasser sinkt, Öl bleibt oben."

"Der Gewinn für die Gesellschaft ist, dass die Kinder wichtige Fähigkeiten früh erwerben, die ihnen später auf jedem Gebiet helfen werden", sagt Alona Rachman. Doch nicht um Drill gehe es dabei, sondern um die Überwindung von Scheu. "Chemie oder Physik können einem ja sonst auch schon mal Angst machen", meint sie.

Um einen Platz für ihre Kinder zu bekommen, standen Eltern schon um Mitternacht an

Matan Sokol, der Projektmanager, rückt den Spaß in den Vordergrund, den die Kinder beim Lernen haben sollen. Er berichtet von Besuchergruppen aus Japan und Taiwan, die sich über das israelische Konzept des "wissenschaftlich-technologischen Kindergartens" informieren wollten. "Von unseren Anlagen waren sie nicht sonderlich beeindruckt", erzählt er. "Gestaunt haben sie erst, als die Kinder drin geblieben sind, obwohl es an der Zeit war, draußen zu spielen."

Alona Rachman, die seit 17 Jahren schon als Kindergärtnerin arbeitet, lobt das Konzept dafür, dass es "das Beste aus jedem Kind an die Oberfläche" bringe. "Die Kinder sind von Natur aus sehr neugierig und stellen ständig Fragen", sagt sie. "Hier finden sie auch die Antworten." Angetan sind auch die Eltern, der Andrang jedenfalls ist groß. Am Tag der Einschreibung stellten sich die Ersten schon um Mitternacht an. "Wer um vier Uhr morgens kam, der war schon zu spät", sagt Alona Rachman.

Etti Mor Peled hat es geschafft, ihre Tochter Mika anzumelden. Nun preist sie "das tolle Personal" und die "tolle Ausrüstung". Ihr Fazit: "Das ist ein Geschenk, dieser Kindergarten." Zu Hause erkläre Mika ihren Geschwistern und Freundinnen jetzt, wie die Dinge zusammenhängen und die Welt funktioniert. "Man kann gar nicht früh genug damit anfangen, ihnen die Freiheit zu geben, zu denken und zu fragen", meint die Mutter. Mikas Zukunft sieht sie in gesicherten Bahnen: "Klar, sie wird Wissenschaftlerin. Sie ist so schlau, dass sie alles werden kann, was sie will."

Mika hat natürlich aufmerksam den Lobeshymnen ihrer Mutter gelauscht. Sie ist ein Mädchen mit blonden Locken, "Little Cat" steht auf ihrem rosafarbenen Trainingsanzug. Wenn man sie fragt, was sie am liebsten macht im Kindergarten, dann sagt sie: "Draußen spielen." Als nächstes dann: "Mit den Puppen spielen", und schließlich auch: "Einen Roboter bauen, einen der fährt."

Yonatan hört das sicher gern. Ihm ist ein wenig langweilig geworden mit dem Mars-Rover. Nun sucht er jemanden, der ein Wettrennen gegen ihn fährt.

© SZ vom 10.03.2017

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