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Iranischer Ringer hingerichtet:"Opfer einer grausamen Unrechtskette"

Demonstration gegen Hinrichtung von Ringer Afkari im Iran

An vielen Orten weltweit gab es Proteste gegen die Hinrichtung des Ringers Navid Afkari, etwa hier vor der iranischen Botschaft in Berlin. Vergeblich.

(Foto: Annette Riedl/dpa)

Trotz internationaler Proteste richtet Iran den zum Tode verurteilten Ringer Navid Afkari hin - und bestattet seinen Leichnam heimlich. Das Vorgehen des Regimes sorgt für Entsetzen, auch in Iran.

Von Moritz Baumstieger, München

Über die ambivalente Verbindung zwischen Sport und Politik gibt es viele Geschichten, oft handeln sie davon, dass Despoten sich mit Stars schmücken oder autoritäre Regime sich mit straff durchorganisierten Großveranstaltungen. Seltener gehen diese Geschichten so: Sportler nutzen ihre Prominenz, um einem Anliegen Kraft zu verleihen. Colin Kaepernick etwa ist ein Beispiel, der Football-Quarterback, der aus Protest gegen Polizeigewalt bei der US-Hymne zu knien begann.

Auch Navid Afkari, ein aufstrebender Ringer aus der iranischen Stadt Schiras, protestierte gegen die Verhältnisse in seinem Land. Im Gegensatz zu Kaepernick, der sein Anliegen kameragerecht zu inszenieren wusste, ging Afkari mit seinen Brüdern im Sommer 2018 einfach nur auf die Straße, wie Hunderte andere zu diesem Zeitpunkt auch. Korruption und Misswirtschaft, Dürre und neue US-Sanktionen führten dazu, dass die Lebenshaltungskosten rapide stiegen und die Währung verfiel. Die Not und die Wut vieler Iraner waren plötzlich größer als ihre Angst vor Repressionen.

Bei seinem angeblichen Geständnis wirkt er wie paralysiert

Seinen Mut hat Navid Afkari nun mit dem Leben bezahlt. Am Samstagvormittag erfuhr seine Familie aus dem Staatsfernsehen, dass er im Gefängnis der südiranischen Stadt hingerichtet wurde. Afkari war im Anschluss an die Proteste wegen einem guten Dutzend Vergehen angeklagt worden, die von Beleidigung des Obersten Führers Ali Chamenei reichten bis hin zur Störung der öffentlichen Ordnung. Die Vorwürfe, die aus Sicht der iranischen Justiz aber die Todesstrafe für den 27-Jährigen rechtfertigten, waren noch gravierender: Mit seinen Brüdern soll Afkari bei den Protesten einen Sicherheitsmann getötet haben.

Nach Ansicht von Menschenrechtsaktivisten, Exil-Iranern und vor allen auch Afkaris Familie waren die Vorwürfe aber vor allem eines: haltlos. "Navid Afkari ist das Opfer einer grausamen Unrechtskette geworden, die aus Anschuldigung, Folter, Geständnis und Strafe besteht", sagt etwa Omid Nouripour der Süddeutschen Zeitung, in Teheran geborener Bundestagsabgeordneter der Grünen. "An ihm sollte ein Exempel statuiert werden, um Angst und Schrecken in der chronisch unzufriedenen Bevölkerung zu verbreiten." Afkaris angebliches Geständnis war im Staatsfernsehen gezeigt worden, der Ringer wirkte dabei emotionslos, fast paralysiert. Für seine Unterstützer ein Hinweis, dass er zu dem Auftritt durch Folter gezwungen wurde.

Nicht einmal die Familie war bei der Vollstreckung anwesend

Nach der Verurteilung hatte Omid Nouripour wie viele andere gehofft, Iran durch das Schaffen von Öffentlichkeit zum Einlenken bewegen zu können. Tatsächlich war die Anteilnahme groß: Die internationale Sportgemeinschaft, die sich oft gerne auf den Standpunkt zurückzieht, dass Politik und Sport besser zu trennen seien, solidarisierte sich. Die Gewerkschaft Athleten Deutschland forderte Weltverbände und Sponsoren auf, Druck auszuüben, das Internationale Olympische Komitee äußerte sich "überaus besorgt", Politiker weltweit appellierten an Teheran, sogar US-Präsident Donald Trump twitterte.

Vergeblich. Das Urteil, von dem es zunächst hieß, es werde erst in sechs Jahren vollstreckt, wurde nach nur wenigen Tagen vollzogen, Afkaris Leichnam noch am selben Tag in aller Heimlichkeit bestattet. So wollte das Regime vermeiden, dass der Ringer bei seiner Beerdigung als Märtyrer gefeiert wird, nicht einmal seine Familie durfte anwesend sein. Die Karriere des Navid Afkari, in der sich Sport und Politik vermengten, endete so auf die denkbar traurigste Weise: Wegen seiner Breitenwirkung - Ringen ist vor allem in den sonst eher unpolitischen ärmeren Bevölkerungsschichten Irans ungemein populär - wurde Afkari für das Regime zur Bedrohung. Und von einer gelenkten Justiz getötet.

© SZ/min
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