Interview zur Schwarzen Szene "Da ist ein rechter, vielleicht sehr rechter Rand"

Was macht diesen Lebensstil aus?

Losgegangen ist das Ganze ja mit der Punk- und Industrial-Musik der siebziger Jahre. Aber heute spielt Musik nicht mehr die Hauptrolle. Literatur, Filme, die Art, wie man seine Wohnung einrichtet - eigentlich erstreckt sich die schwarze Kultur auf jeden Lebensaspekt. Der kleinste gemeinsame Nenner, die universelle Gemeinsamkeit, ist natürlich die schwarze Kleidung. Aber ansonsten ist die Szene sehr individualistisch. Es geht darum, das eigene Leben zum Kunstwerk zu machen, aber jeder interpretiert Gothic anders. Auf dem Wave-Gotik-Treffen (WGT) wird man das jetzt wieder ganz gut beobachten können.

Bei dem Treffen handelt es sich um eines der größten Festivals der Szene weltweit. Was laufen da für Leute rum?

Als ich zum ersten Mal dort war, Anfang der Neunziger, war das ein ganz kleines Fest für ein paar Freaks. Und jetzt ist es riesig! Manche reisen extra aus dem Ausland an. Und die Besucher sind ganz unterschiedlich. Da läuft dann der blutüberströmte Zombie neben der Manga-Prinzessin durch die Gegend. Insgesamt würde ich sagen, die Besucher des Festivals sind ein Abziehbild unserer Gesellschaft, nur eben in Schwarz.

Und Braun.

Sie sprechen den Vorwurf an, dass in der Gothic-Szene auch viele Rechtsradikale ihren Platz gefunden haben sollen. Diesen Vorwurf gibt es schon so lang wie die Szene. Und sicher ist da ein rechter, vielleicht sehr rechter Rand. Vor allem in den neunziger Jahren haben Nazis versucht, sich anzubiedern. Die ganze Sache mit den Runen, Themen aus der europäischen Geschichte, die in den Texten mancher Bands verarbeitet werden, das Dunkle - davon geht schon eine große Verführungskraft aus. Aber die Szene ist grundsätzlich unpolitisch. Goths lassen sich ungern belehren.

Wie kann man unpolitisch bleiben, wenn Rechtsradikale versuchen, die eigene Szene zu infiltrieren?

Infiltrieren ist nicht das richtige Wort. Die Rechten haben es nicht geschafft, Szenegänger in großem Stil für ihre Ideologie einzunehmen. Es gibt ein paar Rechte, auch auf dem WGT. Aber das sind einzelne und die werden eigentlich gar nicht bemerkt. Goths suchen auch nicht nach ihnen, sie wollen keine Konfrontation, das sind meist ganz zurückhaltende, introvertierte, sensible Leute. Es gibt jetzt eine Aktion, die heißt "Schwarz gegen Braun". Die Initiatoren sind aber weniger politisch-dogmatisch, sondern leisten Infoarbeit bei Veranstaltungen wie jetzt beim WGT.

Wenn Sie von der Szene sprechen, geraten sie gelegentlich ins Schwärmen. Warum haben sie sich 1993 die Haare abgeschnitten und ein Jahr lang keine schwarze Kleidung mehr angerührt?

Ich glaube, ich habe immer nach mehr Tiefe gesucht. Ich dachte, wenn ein Mensch den Mut hat, sich so krass vom Mainstream abzuwenden, dann muss da doch auch ein intellektueller Hintergrund sein. Meine Erwartungshaltung wurde enttäuscht - Gothic war nicht die sensibel-intellektuelle Szene, die ich damals gesucht hatte. Das hat mich irgendwann ermüdet. Trotzdem hat mich das Ganze nie wieder richtig losgelassen, sodass ich mich heute auch aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit der Szene beschäftige. Nur meine Hardcore-Phase, die ist eben vorbei.