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Interview mit "Titanic"-Autor Martin Sonneborn:"Wir reagieren nur"

Darf man Witze machen über die vermisste Madeleine? Nach einem umstrittenen Artikel im "Titanic"-Magazin spricht Autor Martin Sonneborn über seine aktuelle Satire.

"In Ihrem Supermarkt ist eine Maddie versteckt": So ist eine Doppelseite im aktuellen Satiremagazin Titanic überschrieben. Zu sehen sind Produkte mit dem Foto des vierjährigen Entführungsopfers, darunter ein Haushaltsreiniger "gegen den selbst DNS-Spuren nichts ausrichten können". Als "extrem verletzend" hätten die Eltern des Mädchens, Gerry und Kate McCann, diese Satire empfunden, berichtet deren Sprecher. Haben die Frankfurter Satiriker diesmal daneben gelangt? Ein Interview mit Titanic- Autor Martin Sonneborn.

Martin Sonneborn; Reuters

Titanic-Autor Martin Sonneborn mit der umstrittenen Persiflage des Falls Madeleine im aktuellen Heft.

(Foto: Foto: Reuters)

SZ: Herr Sonneborn, ein vierjähriges Mädchen ist entführt und wahrscheinlich getötet worden. Ist das wirklich ein Fall für Satire?

Martin Sonneborn: Es geht nicht um dieses Kind, sondern es geht um diese ungeheure Werbekampagne für das Bild der kleinen Maddie. Das ist beispiellos, und wir hatten die Befürchtung, dass irgendein Discounter sich denkt, das ist eine gute Marke und so eine geschmacklose Werbekampagne startet, wie wir sie dann gezeigt haben.

SZ: Bei allem Willen zur Satire: Können Sie nicht verstehen, dass die Eltern Ihre Aktion daneben finden?

Sonneborn: Natürlich kann ich das verstehen, aber ich glaube, die Empörung sollte eher an die Adresse des Sun-Reporters gehen, der nichts Besseres zu tun hatte, als dieses Heft den Eltern unter die Nase zu halten. Die sind keine Titanic-Abonnenten, wir haben das überprüft.

SZ: Das Problem ist also nur, dass die Eltern es gesehen haben?

Sonneborn: Das ist deren Problem, ja. Wissen Sie, Robert Gernhardt hat mal gesagt: Man kann Witze eigentlich nur noch über Wüsten und nicht entdeckte Planeten machen. Bei jedem anderen Thema wird sich immer jemand finden, der betroffen ist oder eine Stellvertreterbetroffenheit ins Feld führt. Ich habe da kein schlechtes Gewissen. Im übrigen gibt es kritische Medien in England, die schreiben, dass den Eltern diese neue Kampagne ganz recht ist, weil sie jetzt wieder als Opfer dastehen und nicht als Beschuldigte.

SZ: Also profitieren alle Beteiligten...

Sonneborn: Genau. Eine Win-win-Win-Situation! Die Eltern bekommen den Fall warmgehalten, die Boulevardmedien haben etwas zu berichten, und die Titanic hält sich in den Medien.

SZ: Haben Sie mit dieser riesigen Empörung gerechnet?

Sonneborn: Nein. Wir haben ja viel Erfahrung mit derartigen Aktionen, eine solche Reaktion lässt sich nicht planen.

SZ: Kommt jetzt wieder mal eine Klage auf Sie zu?

Sonneborn: Wir ermuntern grundsätzlich jeden, uns zu verklagen. Helmut Markwort, Benjamin von Stuckrad-Barre und die SPD können ein Lied davon singen. Obwohl die Bilanz unterm Strich negativ ist. Björn Engholm hat uns damals schwer reingerissen, dem mussten wir 40.000 Mark überweisen. Weitere Fälle konnten wir zum Glück mit kleinen Summen abspeisen. Nicht mal die SPD hat was bekommen, obwohl wir Kurt Beck als Bär Bruno auf dem Titel hatten mit der Zeile "Knallt die Bestie ab".

SZ: Aber das Heft durften Sie nicht mehr verkaufen.

Sonneborn: Nicht mehr nachliefern!

SZ: Rechnen Sie jetzt mit größeren diplomatischen Verwerfungen zwischen England und Deutschland?

Sonneborn: Nein, obwohl es schön wäre, wenn es dazu kommen würde. Wir tragen jedenfalls immer gerne dazu bei.

SZ: Ein bisschen heuchlerisch ist Ihre Aktion ja schon. Sie werfen mit Ihrer Satire den Medien eine Kampagne vor, von der Sie nun selbst profitieren.

Sonneborn: Nein, wir werfen niemandem etwas vor, sondern wir reagieren nur. Wenn ein ganzer Kontinent mit diesen Maddie-Bildern zugekleistert wird, dann muss man das aufgreifen dürfen.

SZ: Aber muss Satire nicht jemanden verletzen, braucht sie nicht einen Feind? Wer ist denn Ihr Feind in diesem Fall, wenn nicht die Medien, die von Maddies Gesicht profitieren?

Sonneborn: Satire ist eine Kunstform, die ich hier nicht erklären werde.

SZ: Sie machen es sich einfach.

Sonneborn: Nein, wir machen so etwas ja nicht, um 100.000 Hefte mehr zu verkaufen. Es ist unsere Art, den Zustand dieser Welt zu kommentieren. Wenn das eine auflagensteigernde Wirkung hat, nehmen wir das natürlich gern in Kauf.

© SZ vom 3.11.07
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