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Interview mit DJ Basti Schwarz:"Ein großer, eingezäunter Affenzoo"

Basti Schwarz spielte das letzte Set auf der wahrscheinlich letzten Loveparade der Geschichte. Er berichtet von einer bizzaren, aggressiven Stimmung - und erklärt, warum die Musik nicht abgeschaltet werden konnte.

Andrian Kreye

sueddeutsche.de: Wann hast Du gestern auf der Loveparade aufgelegt?

Basti und Ali Schwarz Tiefschwarz DJ

Das DJ-Duo Tiefschwarz.

(Foto: online.sdepanorama)

Basti Schwarz: Ich war der letzte DJ, der gespielt hat. Danach wurde abgeschaltet. Ich habe schon die ganze Zeit so eine komische Stimmung in mir gespürt.

sueddeutsche.de: Als Du angekommen bist, wusstest Du aber noch nicht, was da gerade passiert war?

Schwarz: Nein. Das ist ja so gegen fünf Uhr passiert und ich habe um kurz vor sechs angefangen. Ich kam aus Belgien mit dem Auto und der Fahrer hatte sich verfahren und wir mussten durch eine Menschenmenge. Danach konnte man das Auto wegschmeißen. Die haben Bierflaschen drauf zerkloppt, die haben das Auto verkratzt, Beulen reingeschlagen, gerufen: "Schlagt die Scheibe ein, schlagt die Scheibe ein." Da dacht' ich mir schon: "Um Gottes Willen, wo bin ich denn hier gelandet." Ich hab' mir dann das ganze Ding mal angeschaut und irgendwann festgestellt, dass auch die ganzen Lastwagen im Kreis fahren. Das hatte nichts mehr mit Parade zu tun. Das war wie ein großer, eingezäunter Affenzoo.

sueddeutsche.de: Hatte die aggressive Menge etwas mit dem Tunnel zu tun?

Schwarz: Nein. Aber dann hat man mich direkt nach dem Auflegen abgeholt, weil ich zum Flieger musste. Ich fahr' dann mit dem Shuttle Richtung Ausgang und denke mir: "Da sind ja diese ganzen Krankenwägen - was ist denn hier passiert, was ist denn hier passiert?" Und dann haben die sich einfach totgedrückt. Da wurden Leichensäcke an mir vorbei transportiert. Es war einfach ein totales Desaster.

sueddeutsche.de: Und man hat Dir nichts gesagt?

Schwarz: Da kam nur einer der Veranstalter vorbei und meinte, wir werden überrannt, Zäune werden eingerissen, die Polizei sagt, lasst's laufen, lasst's laufen, weil wir haben keine Chance. Fürchterlich.

sueddeutsche.de: Hast Du denn planmäßig gespielt?

Schwarz: Ja bis 18:10 Uhr. Danach wurde abgeschaltet.

sueddeutsche.de: Danach gab es keine Musik mehr?

Schwarz: Doch. Die können die Musik ja nicht einfach ausmachen. Sonst wären die alle durchgedreht. Die waren doch alle besoffen und in Partylaune.

sueddeutsche.de: War das denn anders als bei anderen Loveparades? Warst Du denn bei anderen?

Schwarz: Ja, in Berlin schön öfters. Da hattest Du einfach noch die Chance rechts und links rauszugrätschen. Wenn's Dir zu viel wird, gehst du einfach in den Tiergarten oder läufst die Straßen entlang. In Duisburg waren die Leute einfach nur eingepfercht. Das war einfach nur eine Horroshow.

sueddeutsche.de: Und wie hast Du dann vo dem Unglück erfahren?

Schwarz: Ich habe das alles über Telefon und SMS erfahren. Da kamen so SMS: "Was ist denn da in Duisburg los? Geht's euch gut?" Und am Flughafen später übers Fernsehen.

sueddeutsche.de: Ist so ein Unglück schon einmal bei einem Rave oder einer Technoveranstaltung passiert?

Schwarz: Das gab's noch nie. Massenpanik kann immer ausbrechen, wenn viele Menschen aufeinander prallen, im Stadion oder bei einem Rockkonzert. Aber bei einer Loveparade oder einer großen Veranstaltung im Techno- oder elektronischen Musikbereich gab's das noch nie. Das ist echt erschreckend.

sueddeutsche.de: Und Deine Einschätzung, wie es dazu kommen konnte?

Schwarz: Die wurden einfach überrannt. Die haben mit 500.000 gerechnet. Und da kamen einfach eine Million mehr.

Basti Schwarz gehört zum DJ-Duo Tiefschwarz.

© sueddeutsche.de/bavo/dmo

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