Interview:"Ich werfe nie mit Trollinger!"

Der Fernsehjournalist Ulrich Kienzle war Nahost-Korrespondent im Libanon für die ARD, er war Radio-Bremen-Chefredakteur und Magazin-Direktor bei Frontal (ZDF). Von kommenden Sonntag (15.30 Uhr) an wird der 69-Jährige Vinum TV beim Nachrichtenkanal n-tv präsentieren, ein Wein-Magazin.

Jens-Christian Rabe

SZ: Herr Kienzle, sind Sie zur Ruhe gekommen?

Ulrich Kienzle: Überhaupt nicht. In der Weinwelt geht es wild zu. Was Geschmack und Weingesetz angeht, herrscht ein brutaler Kampf. Nicht zu vergessen, dass Winzer sehr eigenwillige Menschen sind. Da spielen sich Dramen ohnegleichen ab.

SZ: Aber das ist doch etwas vollkommen anderes als harter Journalismus.

Kienzle: Das stimmt. Nirgends kommen aber Arbeit und Genuss so nahe zusammen wie im Weinjournalismus. Das hat mich gereizt.

SZ: Weinjournalismus? Lautet da vielleicht das Motto: In vino veritas?

Kienzle: Nein, das kann man nicht mehr sagen. Denn manchmal ist im Wein heutzutage eben nicht mehr nur Wahrheit, sondern auch so mancher Eichenspan drin oder Flüssig-Tannin. Das ist bei uns verboten, in Australien aber erlaubt. Solche Dinge wollen wir anprangern.

SZ: Über Wein wird ja schon viel geredet im deutschen Fernsehen...

Kienzle: ... aber kaum kritisch. Wenn ich lese, ein Wein schmecke nach Sattel-Leder, kriege ich die Krätze. Dieser Autor sollte lieber reiten.

SZ: Was haben Sie in Vinum TV vor?

Kienzle: Wir wollen eine Art Navigationssystem sein - allerdings für ganz normale Weintrinker. Es wird keine Sendung für Status-Trinker, die 2000 Euro teure Weine schlucken. Und wir werden keine Rücksicht auf Interessenvertreter nehmen.

SZ: Was trinken Sie am liebsten?

Kienzle: Ich trinke den Wein, der mir schmeckt. Der muss nicht nach Limonen oder Cassis riechen. In den Libanon würde ich heute allerdings nicht mehr - wie 1980 - 200 Flaschen Trollinger mitnehmen.

SZ: Stimmt es, dass Sie mal mit Trollinger beworfen wurden?

Kienzle: Als ich noch Chefredakteur bei Radio Bremen war, gab es bei einer ARD-Chefredakteurs-Konferenz in Stuttgart einen netten Weinabend. Und der endete damit, dass der bayerische Chefredakteur Wolf Feller einen Trollinger nach mir warf, weil ich ihn nicht an meinem Tisch haben wollte. Die Flasche ist zum Glück hinter mir an der Wand zerschellt. Die Schlagzeile am nächsten Tag lautete: "Chefredakteure bewerfen sich mit Rotwein." Geworfen hat aber nur der Feller. Ich werfe nie mit Trollinger!

SZ: Kann man sagen, dass Sie für Wein Kopf und Kragen riskieren?

Kienzle: Waffenstillstände während des Bürgerkriegs habe ich im Libanon immer genutzt, um zu den Weingütern in der Beka-Ebene zu fahren. Einmal wurde ich von vermummten Palästinensern aufgehalten, die mein Auto - beladen mit Château Musar - wollten. In meiner Todesangst beschimpfte ich den Anführer auf Arabisch als Maniuk, was so viel heißt wie: "Du bist das größte, schwulste Arschloch, das ich kenne!"

SZ: Aha.

Kienzle: Ich dachte vor allem, jetzt hätte ich mein Leben verwirkt. Aber er fragte: "Wie kommen Sie darauf?" Und ich sagte: "Ihr seid Palästinenser! Es kann doch nicht sein, dass Palästinenser so etwas machen. Das muss ich als Journalist berichten." Dann haben Sie sich kurz beraten und nur "Hau ab" gerufen. Für mein Leben wäre der wunderbare Château Musar und mein Auto allerdings ein annehmbarer Preis gewesen.

(SZ vom 11.10.2005)

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