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Interview:Das Gefühl, mehr bieten zu müssen

Warum sich Menschen beschenken, weiß der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger - die Gründe sind beileibe nicht nur altruistisch.

Hermann Bausinger, 80, war bis zu seiner Emeritierung Professor für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Alltagskultur und Kultur- und Sozialgeschichte.

Spezialist des Schenkens: Hermann Bausinger

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Bausinger, man schenkt, um jemandem eine Freude zu machen. Richtig?

Bausinger: Bei einigen Naturvölkern kann man noch heute sehr deutlich beobachten, dass zum Schenken auch immer die Erwartung gehört, dass man im Gegenzug selber mit etwas beschenkt werden möchte.

SZ: Das rein altruistische Schenken gibt es unter Menschen also gar nicht?

Bausinger: Das kann man so nicht sagen. Aber bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es auch in unseren Breitengraden so, dass sich die Menschen vor allem notwendige Dinge schenkten. Man schenkte sich Alltägliches, zum Beispiel etwas zu essen. Natürlich hoffte man, auch selbst wieder etwas geschenkt zu bekommen. Irgendwann wurden sogenannte Schenkfiguren - Osterhase, Weihnachtsmann und Christkind - erfunden. Durch sie wurde der Charakter eines zwischenmenschlichen Tauschs ausgesetzt.

SZ: Und jetzt?

Bausinger: Jetzt bleibt das Gefühl, immer mehr bieten zu müssen, damit man selbst nicht schlecht dasteht. Ein Beispiel: In meiner Kindheit spielte sich ein Kindergeburtstag in der Familie ab. Vielleicht wurde noch der Freund aus dem Nachbarhaus eingeladen. Wenn heute ein Kind Geburtstag hat, meinen die Eltern, sie müssten gleich Dutzende von Kindern einladen. Nur, damit ihr Kind möglichst viele Freunde hat. Vielleicht auch, damit es möglichst viele Geschenke bekommt. Das Schenken wurde zuletzt immer drastischer. Aber ich spüre eine Gegenbewegung.

SZ: Ja?

Bausinger: Durchaus. Es ist nicht mehr so wie früher, wo die Braut auf Paradehochzeiten ihren Besitz demonstrieren musste. Im Donauschwäbischen war es bis zum Krieg so, dass zur Hochzeit der Pferdewagen mit dicken Betten, Kissen und dem Geschirr der Braut öffentlichkeitswirksam übers Land gefahren wurde. Heute geht es in Ordnung, wenn eine Hochzeit nicht über drei Tage geht, und man zu Weihnachten vielleicht auch mal nur eine Kleinigkeit bekommt.

SZ: Wird irgendwann das Schenken ganz abgeschafft?

Bausinger: Nun, die Pietisten lehnen das Verschenken ja ab. Das ist ihnen zu weltlich. Wenn sie was verschenken, dann höchstens mal ein Gesangbuch oder einen Bibeltext. Außerdem weiß man, dass Schwaben nicht die Schenkfreudigsten sind.

SZ: Ein Vorurteil.

Bausinger: Zu 80 Prozent schon. Zu 20 Prozent aber nicht. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin Schwabe.

SZ: Trotzdem: Werden sich die Menschen - auch wenn es jedes Jahr der gleiche Stress ist - auch künftig zu Weihnachten etwas schenken?

Bausinger: Schenken ist eine anthropologische Eigenheit, die überall auf der Welt auftaucht. Allerdings in unterschiedlichen Formen und Größenordnungen. Aber schauen Sie sich die Kinder an: Die hamstern nicht nur, sondern sie verschenken auch. Schenken und verschenken - das wird es immer geben.