Spiel des Jahres "Mehr als 400 Spiele habe ich im letzten Jahr ausprobiert"

Auf der Spiel-des-Jahres-Verleihung 2017 enthüllen Bernhard Löhlein (r.) und Tom Felber, Vorsitzender der Jury, den Sieger.

(Foto: Spiel des Jahres)

Der Spiel-des-Jahres-Preis ist der Oscar für Brettspiele. Juror Bernhard Löhlein erklärt, was die Auszeichnung ausmacht.

Interview von Daniel Wüllner

Die unter Kennern liebevoll als "roter Pöppel" bezeichnete Auszeichnung für das Spiel des Jahres wird bereits seit 1979 verliehen. Es ist der wichtigste Preis für Gesellschaftsspiele und schmückt entweder ein Brett-, Karten- oder Würfelspiel. An diesem Montagmorgen wird er erneut verliehen. In der Kategorie Kinderspiel des Jahres 2018 wurde bereits der Titel "Funkelschatz" ausgezeichnet. Ein anspruchsvolleres Niveau bietet der anthrazitfarbende Preis: das Kennerspiel des Jahres. Sowohl Sieger als auch alle Nominierten verzeichnen einen deutlich höheren Absatz als vergleichbare Spiele. Bernhard Löhlein ist Sprecher und Mitglied der zehnköpfigen Jury und erläutert im Interview am Morgen, was ein Spiel mitbringen muss, um den Preis zu verdienen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich tagesaktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

SZ.de: Was macht ein Spiel des Jahres aus?

Bernhard Löhlein: Das Spiel des Jahres soll möglichst viele Menschen zum Spielen motivieren. Dafür müssen die Regeln leicht verständlich sein, Spieltiefe und Spieldauer dürfen niemanden überfordern. Das heißt nicht, dass man es am Weihnachtsabend einfach nur auspacken und sofort losspielen können muss. Man darf ein Spiel auch erst entdecken und seine Tiefe nach mehreren Partien erleben. Kurzum: Der Spiel-des-Jahres-Preisträger ist Botschafter für das Kulturgut "Spielen".

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In Regalen der Spielwarenläden stapeln sich Dutzende Versionen von "Monopoly" und "Risiko". Wie finde ich das Spiel des Jahres?

Ich habe kein Problem mit "Monopoly" oder "Risiko". Aber es ist unsere Aufgabe als Jury, die Öffentlichkeit auf die Perlen hinzuweisen. Die werden "Spiel des Jahres". Der Preis gilt als Oscar für Brettspiele. Auch die Nominierungen sind wichtige Auszeichnungen, um die die Verlage kämpfen. Das merkt man an der steigenden Qualität und dem Boom der Branche in den vergangenen Jahren. In den meisten Spielen verbirgt sich mehr als nur Holz oder Pappe. Da steckt die Leidenschaft der Autoren drin und auch viele Geschichten, die es zu entdecken gibt.

Überzeugende Haptik und simple Spielregeln lassen sich leicht erkennen. Doch wie bewerten Sie als Juror ein einzigartiges Spielerlebnis?

Meine Faustregel lautet: Ein Spiel darf mich nicht langweilen! Das ist natürlich immer eine subjektive Einschätzung. Trotzdem merkt man während der Partie, was Mitspieler nicht verstehen und welche Spielelemente sie mögen. Auch in den anschließenden Unterhaltungen und im ständigen Austausch mit anderen Mitgliedern der Jury wird schnell deutlich, welche Spiele überzeugen.

Ein Smartphone am Tisch wäre dann ein deutliches Zeichen für ein langweiliges Spiel?

Nicht unbedingt. Vielleicht schreibt jemand seinem Partner gerade eine Whatsapp: "Hey, wir brauchen unbedingt dieses Spiel hier."

Schützen uns Brettspiele vor der fortschreitenden Digitalisierung des Alltags?

Viele Menschen suchen den Rückzug ins Private. Auch Brettspiele sind eine Form der Entschleunigung. Doch glaube ich nicht, dass deshalb alle plötzlich Brettspiele spielen. Diese Renaissance begründet sich aus der Vielfalt und Qualität der neuen Titel. Das nimmt die Öffentlichkeit mehr und mehr wahr. Ich glaube, dass diese analoge Form der Unterhaltung Bestand haben wird.

Der Boom der Branche zeigt sich in 1000 neuen Brettspielen pro Jahr. Wie viele davon haben Sie gespielt?

400 bis 500. Natürlich gibt es darunter auch kleine Karten- und Würfelspiele, die nicht viel Zeit brauchen. Trotzdem muss man sorgfältig auswählen, denn als Jury haben wir eine große Verantwortung.

Wie verläuft der Auswahlprozess?

Die Spiel-des-Jahres-Auszeichnung ist ein Kritikerpreis. Alle Juroren setzen sich journalistisch mit Brettspielen auseinander und können ihre Kritik kompetent an den Verbraucher weitergeben. Ein täglicher Austausch in einem Online-Forum dient der Jury dazu, sich das ganze Jahr über auf interessante Spiele hinzuweisen und die Auswahl einzugrenzen. Im Mai setzen wir uns zur abschließenden Klausurtagung zusammen. Wir diskutieren die ungefähr 50 verbleibenden Titel und stimmen geheim ab. Obwohl wir bis dahin alle gut vorbereitet sind, kann es passieren, dass wir ein Spiel dort noch mal auspacken und gemeinsam spielen.

Verstoßen Sie gegen die Spielregeln und verraten Ihren Favoriten?

Jeder der drei Nominierten hat das Zeug zum Spiel des Jahres.

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