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Interview am Morgen: Katholische Kirche:"Wir müssen Stellung gegen alle ausländerfeindlichen Positionen beziehen"

Kirchen geben Auskunft zu Mitgliederentwicklung 2016

Gläubige sitzen im Dom St. Petri im sächsischen Bautzen während eines Ökumenischen Festgottesdiensts auf ihren Plätzen.

(Foto: dpa)

Das fordert Christian Weisner von der Reformbewegung "Wir sind Kirche". Auch bei anderen Themen sollten sich die konservativen deutschen Bischöfe am liberalen Papst orientieren.

SZ: Herr Weisner, an diesem Montag beginnt die Frühjahrskonferenz der deutschen Bischöfe in Ingolstadt. Was erwartet ihre Bewegung​ "Wir sind Kirche" von dieser Zusammenkunft?

Christian Weisner: Natürlich ist es notwendig, dass sich die Bischöfe regelmäßig treffen, aber es reicht nicht aus, dass dies immer nur hinter verschlossenen Türen wie beim Konklave zur Papstwahl geschieht. Das Kirchenvolk, dessen Hirten die Bischöfe sein wollen, ist in keiner Weise beteiligt, nicht einmal das Zentralkomitee der deutschen Katholiken als offizielle Vertretung aller Katholikinnen und Katholiken. Wir kritisieren das seit Jahren. Das Ergebnis dieser Verschlossenheit ist dann, dass die Bischöfe nicht zu Lösungen für viele aktuelle Probleme kommen.

Christian Weisner, Sprecher der katholischen Reformbewegung "Wir sind Kirche".

(Foto: Niels P. Joergensen)

Sprechen Sie die Finanzprobleme des Bistums Eichstätt an, über die die SZ kürzlich berichtete?

Natürlich, aber das ja nicht der einzige Fall. Die Finanzkontrolle hat ja kürzlich auch bei den Hamburger Schulen oder bei den Sozialabgaben in Freiburg nicht funktioniert. Völlig versagt hatte sie beim Bischofshaus des früheren Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst in Limburg. Die Kirche sollte ein Vorbild in ethischer Geldanlage sein und nicht nur auf hohe Rendite schielen. Außerdem braucht es effektive Kontrollen und auch Mitentscheidung. Denn das sind ja nicht Privatgelder des Bischofs, es handelt sich um das Vermögen von uns allen. Dieses Umdenken und vor allem die Umsetzung sehe ich in meiner Kirche noch lange nicht gewährleistet.

Das Treffen wird von Aussagen des emeritierten Salzburger Weihbischofs Andreas Laun überschattet, der die Segnung homosexueller Paare mit der Segnung von KZs verglichen hat?

Jeder Vergleich mit dem Holocaust ist unsäglich, zumal wenn man weiß, dass in den Konzentrationslagern der Nazis auch Tausende Homosexuelle gelitten haben und ermordet wurden. Dass ein Christ die Segnung zweier sich liebender Menschen mit der Institutionalisierung von Massenverbrechen vergleicht, ist unbegreiflich. Es ist gut, dass führende österreichische Bischöfe diese Äußerungen unverzüglich verurteilt haben.

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Hat sich seit der Wahl des Papstes Franziskus denn nichts an den konservativen bis chauvinistischen Positionen mancher Kirchenführer verändert?

Seit fünf Jahren bemüht sich dieser weit über die eigene Kirche hochangesehene Papst um eine Öffnung der Kirche, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil vor mehr als 50 Jahren beschlossen hat. Und auch im Umgang mit vermeintlichen Sünden und Sündern muss unsere Kirche dem Beispiel Jesu folgen und Ausgrenzungen eindämmen. Da hat Papst Franziskus schon viele positive Signale gesetzt, etwa auch beim Umgang mit geschiedenen wiederverheirateten Paaren. Nur ist es sehr bedauerlich, dass seine Vorgaben und Impulse von den deutschen Bischöfen immer noch nicht genügend aufgenommen werden.

Jahrzehntelang bestimmten Positionen wie die des erzkonservativen, im Jahr 2000 verstorbenen Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba die Themen der katholischen Kirche in Deutschland. Gibt es solche Meinungen noch heute unter den deutschen Kirchenfürsten?

Bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr hatte Dybas Rolle der Kölner Erzbischof und Kardinal Joachim Meisner übernommen, heute versuchen der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und der junge Bischof Stefan Oster in Passau, besonders konservative Positionen zu vertreten. Deshalb wäre es notwendig, dass sich endlich mehr Bischöfe noch deutlicher für den Reformkurs von Franziskus einsetzen. Dazu fallen leider einzelne Skandale und Verfehlungen immer auf die gesamte katholische Kirche zurück und überdecken all das Positive, das von Franziskus ausgeht.

Die deutschen Bischöfe werden auch über aktuelle Fragen der Flüchtlingshilfe reden. Wie bewerten Sie das Engagement Ihrer Kirche?

Die katholische und die evangelische Kirche sind wesentliche Teile der Zivilgesellschaft und waren ganz erheblich an der Aufnahme der Geflüchteten beteiligt. Jetzt geht es vor allem darum, die Integration der Flüchtlinge voranzubringen. Da ist es auch wichtig, Stellung gegen alle ausländerfeindlichen Äußerungen und Positionen zu beziehen. Es wird noch viel Bildungs- und Bewusstseinsarbeit zu leisten sein, denn solche Einstellungen und Ängste sind leider auch in Kirchenkreisen vorhanden und nicht nur bei AfD oder CSU.

An der Bischofskonferenz in Ingolstadt werden auch drei Vertreter der katholischen Kirche in Indien teilnehmen. Werden die deutschen Bischöfe um weiteres theologisches Personal von dort werben?

Die Teilnahme sehe ich als Ausdruck dafür, dass sich die deutschen Bischöfe als Teil der Weltgemeinschaft empfinden. Ich hoffe, dass es dabei nicht um eine Werbekampagne geht, um indische Priester nach Deutschland zu holen, denn der Subkontinent hat noch einen viel größeren Priestermangel als wir. Ohne denen wehtun zu wollen, die bereits hier sind und einen guten Dienst leisten - der "Import" von Geistlichen kann das Problem des eigenen Priestermangels nicht lösen. Da sind die deutschen Bischöfe gefragt, in ihren Diözesen mutige neue Wege anzubieten, wie es Papst Franziskus und auch die Gemeinden von ihnen erwarten.

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