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Friseursalons:"Wir kennen Existenzangst nicht erst seit Corona"

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Das Studio, in dem Lisa Zeitler ihre Kunden empfängt und frisiert.

(Foto: Double Studio/Double Studio)

Friseure dürfen von diesem Montag an wieder öffnen. Die Stylistin Lisa Zeitler über Lockdown-Frisuren, die Angst vor der Ansteckung und darüber, wie Corona ihren Beruf verändert.

Von Hannah Beitzer, Berlin

Wochenlang sind die Haare der Deutschen im Home-Office wild gewachsen, nun öffnen die Friseure wieder. Lisa Zeitler, 36, ist selbständige Friseurin und Stylistin und betreibt in Berlin das "Double Studio", eine Art Coworking Space für Friseure und Stylisten. Im Interview spricht sie über Existenzsorgen, die Angst vor der Ansteckung, das Problem der Kinderbetreuung und darüber, wie Corona in Zukunft ihren Beruf verändern wird.

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SZ: Frau Zeitler, frisurentechnisch waren wir in den vergangenen Wochen auf uns gestellt, nun dürfen Friseure wieder öffnen. Rechnen Sie mit einem Ansturm von Kunden, die während des Lockdowns an sich selbst herumgeschnippelt haben?

Lisa Zeitler: Ich bin bis Anfang Juni voll ausgebucht. Allerdings hoffe ich, dass nicht allzu viele meiner Kunden sich selbst die Haare geschnitten oder gefärbt haben. Ich habe ihnen jedenfalls immer geraten: Kauft euch lieber eine neue Brille, einen neuen Lippenstift oder ein scharfes Haarband und wartet ab, anstatt in Eigenregie die Strähnchen aufzufrischen. Das kann schnell schiefgehen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

In Ihrem Beruf gehört Körperkontakt dazu - wie können Sie ihn nun überhaupt ausüben?

Es gibt verständlicherweise sehr viele Auflagen. Grundsätzlich dürfen so wenige Leute wie möglich in einem Raum sein und sie müssen untereinander eineinhalb Meter Abstand halten. Wir haben deswegen im Studio mit Klebeband Wege markiert, haben keinen Wartebereich mehr, sondern rufen die Kunden an, sobald sie reinkommen dürfen. Sie müssen drinnen sofort die Hände waschen. Wir dürfen keine Getränke mehr servieren, den Kunden keine Zeitschriften mehr geben. Und natürlich müssen wir ebenso einen Mundschutz tragen wie unsere Kunden. Man muss sich schon etwas einfallen lassen, um die ganzen Vorschriften einhalten zu können. Ich habe zum Beispiel mein EC-Kartengerät in Folie eingepackt, um es desinfizieren zu können. Den Mundschutz der Kunden werde ich beim Haareschneiden mit Klebeband festmachen, weil sie ihn nicht abnehmen dürfen - ich aber keine Haare schneiden kann, wenn er hinter den Ohren befestigt ist.

Stichwort Maske: Ein Haarschnitt muss zum Gesicht passen. Ist es nicht schwer, den richtigen zu finden, wenn das halbe Gesicht verdeckt ist?

Die allermeisten meiner Kunden sind Stammkunden, da ist man ein eingespieltes Team und ich kann mein Gegenüber gut einschätzen, weiß, was zu den Leuten passt. Für mich ist ein anderer Aspekt entscheidender. Meine Arbeit ist ein Handwerk, das Fingerspitzengefühl erfordert. Ich arbeite mit Material, das zu jemand anderem gehört und will damit liebevoll umgehen. 1,50 Meter Abstand sind mit einem Haarschnitt schwierig zu vereinbaren, eine gewisse Nähe gehört dazu. Ebenso Getränke, eine entspannende Kopfmassage, ein Lächeln, nette Gespräche. Wegen Corona ist es schwer, eine angenehme Atmosphäre herzustellen. Ein Beispiel: Wenn ich den ganzen Tag eine Maske aufhabe, dann rede ich automatisch weniger, weil es viel zu anstrengend ist. Ich denke, in meinem Studio wird die Musik deswegen in den nächsten Wochen und Monaten eine viel größere Rolle spielen.

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Trotz aller Regeln können Sie in Ihrem Beruf nicht auf Körperkontakt verzichten. Haben Sie Angst vor Ansteckung?

Das ist eine schwelende Sorge, klar. Ich habe das schon kurz vor dem Lockdown gemerkt. Das Thema war ständig präsent, in den Gesprächen im Salon ging es um nichts anderes. Eigentlich rechne ich damit, dass ich mich irgendwann anstecke. Ich sage mir schon jetzt immer wieder: Du gehörst nicht zur Risikogruppe, du wirst es hoffentlich einigermaßen gut überstehen. Ich muss aber in Zukunft noch einen Weg finden, die Angst vor Ansteckung nicht zu sehr an mich heranzulassen. Einige meiner Kollegen haben sich schon vor dem Lockdown gar nicht mehr eingebucht. Die Sache ist aber: Keiner von uns hat so große Rücklagen, dass er es sich leisten kann, nicht zu arbeiten. Unser Beruf ist ja leider nicht gut bezahlt, wir kennen Existenzangst nicht erst seit Corona.

Wie sind Sie denn wirtschaftlich mit dem Lockdown zurechtgekommen?

Zu Beginn des Lockdowns dachte ich: Das war's jetzt. Ich war dann sehr überrascht, wie gut das mit den wirtschaftlichen Hilfen funktioniert hat. Da ist mir bewusst geworden, wie privilegiert wir in Deutschland bei allen Schwierigkeiten doch sind - selbst wenn man in einem Handwerk wie meinem arbeitet, das leider keine große gesellschaftliche Wertschätzung erfährt. Allerdings weiß ja keiner, wie es weitergeht, ob noch ein Lockdown kommt. Und Geld vom Staat gibt es auch nicht endlos. Die Existenzangst bleibt also. Ich denke aber, dass ich damit nicht allein bin, für viele Menschen in den unterschiedlichsten Berufen ist es gerade sehr schwer. Wir müssen da jetzt alle durch, eine neue Normalität, vielleicht auch Alternativen zum alten Job finden.

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Für die Berliner Friseurin Lisa Zeitler ist Mindestabstand schwierig.

(Foto: Double Studio)
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Wie könnten diese Alternativen aussehen?

Ich zum Beispiel entwickle schon seit einiger Zeit meine eigene Shampoo-Linie, während des Lockdowns habe ich endlich die Webseite fertig gemacht. Viele Kollegen und Kunden, die kreativ arbeiten, verändern sich gerade. Die Musiker produzieren wie wild, andere fangen an zu schreiben, wieder andere geben Online-Seminare. Richtig große Sorgen machen mir andere Aspekte der Pandemie.

Welche denn?

Zum Beispiel: Was macht das mit unseren Kindern? Ich habe eine vierjährige Tochter, sie ist sehr verstört, weil sie die Einschränkungen nicht versteht. Sie ist auch traurig, dass sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr in die Kita durfte, keine anderen Kinder mehr sehen. Wir Erwachsenen wissen ja, warum es die Einschränkungen gibt. Kinder können sie aber überhaupt nicht einordnen.

© SZ/lot
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