Interaktive Grafik zu Waldbränden in Europa:"Mir ist nichts geblieben"

La Gomera gilt als Paradies, vor allem deutsche Wanderfreunde und Aussteiger lieben die kleine Kanareninsel mit dem weltberühmten Nationalpark. Dann kam das Feuer - und die Menschen mussten mitansehen, wie ihre Heimat Stück für Stück in den Flammen versank.

Velten Arnold, La Gomera

Vor wenigen Tagen hat sie noch in ihrem kleinen Paradies gelebt, heute steht sie in einem verkohlten Nichts. Ingeborg Singendonk hatte sich in Valle Gran Rey auf der kleinen Kanareninsel La Gomera einen Traum verwirklicht und in liebevoller Kleinarbeit ein altes Haus restauriert und ausgebaut. Nun ist ihre Arbeit von 30 Jahren binnen Stunden in Rauch aufgegangen. Ihr Haus fiel dem verheerenden Feuer zum Opfer, das den vor allem bei Deutschen beliebten Touristenort zu Beginn der Woche heimgesucht hat.

Waldbrände in Südeuropa

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Alles ist weg. Meine Möbel, meine Bücher, die vielen Sachen von früher, die zum Teil noch von meiner Oma stammen, alles." Fassungslos steht die 69-jährige Sprachwissenschaftlerin in dem verkohlten Raum, der eben noch ihr Wohnzimmer war. "Genau vor 30 Jahren habe ich das hier gekauft, das alte Haus und die Finca mit den Wasserrechten, und ganz langsam habe ich dann hier gebaut, allein und mit Hilfe der Leute aus dem Dorf", erzählt sie. Das Haus heißt "La casa del poeta", Haus des Dichters, weil hier einst der gomerische Poet José Hernández Negrín gelebt hat. 1997 ist Ingeborg Singendonk ganz auf die Insel gezogen, ihr "kleines Paradies", wie sie es nennt. Oder besser: nannte.

La Gomera brennt. Wie in weiten Teilen Südeuropas (siehe Grafik) hatte die Dürre die Waldbrandgefahr auch hier drastisch erhöht. Auf der beliebten Ferieninsel haben die Flammen in den vergangenen zwölf Tagen bereits ein Zehntel der Landfläche zerstört, darunter Teile des Nationalparks Garajonay. Mehr als 5000 der knapp 23.000 Einwohner mussten zeitweise in Sicherheit gebracht werden.

Schilfrohr als Brandbeschleuniger

Aus den Holzfenstern im Haus von Ingeborg Singendonk, dort, wo heute nur noch ein rußgeschwärztes Loch klafft, blickte man auf den idyllischen Barranco von Valle Gran Rey. Zu allen Seiten Palmen, so weit das Auge reicht. Aber auch ein Meer aus Schilfrohr, das die Gomeros einst angebaut und zur Herstellung von Möbeln oder als Viehfutter genutzt hatten. Irgendwann lohnte sich die Verarbeitung des Schilfrohrs nicht mehr, es wurde sich selbst überlassen und überwucherte das Tal. Touristen fanden das hübsch, doch die Einheimischen wussten, dass sie auf einem Pulverfass saßen. Schilfrohr wirkt im Fall des Falles wie ein Brandbeschleuniger.

Ich habe in den vergangenen 20 Jahren so oft darum gebeten, dass dieses Schilfrohr beseitigt wird", sagt Ingeborg Singendonk. "Doch vergeblich." Nun wurde ihr die Nähe zu dem Dickicht zum Verhängnis. Die Flammen des zuvor im Nationalpark Garajonay wütenden Waldbrandes übersprangen die Hänge, der Wind blies die Funken ins Tal. Dort, im trockenen Gestrüpp, gab es dann kein Halten mehr.

In Valle Gran Rey kamen mehrere Faktoren zusammen", erklärt der Waldbrandexperte und Forstingenieur Federico Grillo, "der starke Wind, der Kamineffekt, der in engen, abfallenden Barrancos herrscht, und die ungeheure Masse an Schilfrohr". Augenzeugen berichten, die Flammen seien in einem regelrechten Feuerball durchs Barranco gerast. Ingeborg Singendonk bestätigt das. "Das Schilfrohr unter meinem Haus muss regelrecht explodiert sein, und das Feuer muss so hohe Temperaturen entwickelt haben, dass sogar mein Porzellan komplett geschmolzen ist", sagt sie.

Inselbewohner stehen vor dem Nichts

Die 69-jährige Deutsche ist nicht die Einzige in Valle Gran Rey, die vor dem Nichts steht. Zwei Bauexperten, die sich spontan zur Verfügung gestellt haben, um zu helfen, sind in den vergangenen Tagen durchs Tal marschiert und haben bilanziert, wie viele Häuser der 5000-Einwohner-Gemeinde beschädigt wurden. "Keine schöne Aufgabe", berichtet Dailos Dorta, einer der beiden Schadensbilanzierer: "Immer wieder stehst du mit Menschen, die du seit Jahren kennst, in den Überresten ihrer Häuser und all dessen, was sie besaßen." Insgesamt, so die Bilanz, wurden 74 Häuser beschädigt, 44 davon sind bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

Am stärksten betroffen ist der Ortsteil El Guro, in dem vor allem Deutsche mit viel Liebe zum Detail und nach traditioneller kanarischer Bauweise das bunte "Künstlerviertel" geschaffen haben. Eines der ausgebrannten Häuser hier gehörte Marie Nieves Chinea Ramos. Sie ist vor allem wütend auf die Politiker. "Wenn ich selber durch Nachlässigkeit verschulde, dass mein Haus abbrennt, trage ich die Verantwortung. Aber in diesem Fall trifft mich keine Schuld daran, dass ich von heute auf morgen vor dem Nichts stehe", sagt sie, den Tränen nahe.

Die Schuld trifft ihrer Meinung nach Inselpräsident Casimiro Curbelo. Der habe am vorvergangenen Mittwoch beantragt, den Brand auf La Gomera von Stufe zwei auf Stufe eins zurücksetzen zu lassen. Daraufhin seien Hubschrauber, Löschflugzeuge und Einsatzkräfte von der Insel abgezogen worden. Ramos sagt, sie sei fassungslos gewesen: "Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass das Feuer noch nicht gelöscht war." Mittlerweile macht die Zentralregierung Spaniens die Regierung der kanarischen Inseln für die Herabstufung auf Stufe eins verantwortlich.

"Politischer Pyromane": Diskussion um Inselpräsident

Während das Feuer im Nationalpark Garajonay auch nach zwölf Tagen noch immer nicht vollständig unter Kontrolle ist, ist nun der politische Streit darüber entbrannt, ob das Feuer, dem rund ein Viertel des zum Weltnaturerbe erklärten Nationalparks Garajonay zum Opfer gefallen ist, vermeidbar gewesen wäre. Der Generalsekretär der kanarischen Partido Popular, Asier Antona, bezeichnete Inselpräsident Curbelo wegen der Herabstufung des Feuers bereits als "politischen Pyromanen". Curbelo selbst teilte zunächst mit, er werde sich an der Auseinandersetzung nicht beteiligen, solange das Feuer nicht gelöscht sei. Inzwischen stellte er klar, dass eine Herabstufung gar nicht in der Kompetenz der Inselregierung liege.

Währenddessen hat sich via Facebook bereits eine Gruppe "Zur Klärung der Verantwortung für das Feuer auf La Gomera" gegründet, die nach zwei Tagen mehr als 5000 Mitglieder hatte und für diesen Samstag zu einer ersten Demonstration aufgerufen hat.

In Valle Gran Rey und auf La Gomera fürchten die Menschen unterdessen, dass die mittelfristigen Folgen des Feuers für ihren Ort und die Insel schlimmer sein werden als das Feuer selbst. "Wenn jetzt auch noch die Touristen ausbleiben, stehen uns wirklich harte Zeiten bevor", sagt Petra Draeger, die in Valle Gran Rey seit 15 Jahren ein kleines Geschäft für Schmuck, Dekoration und Geschenkartikel betreibt.

Lokalpolitiker tun, was sie können, um ihre Insel ins rechte Licht zu rücken. Fernando Méndez etwa, der in der Inselregierung für Tourismus zuständig ist, betont, dass große Teile des Nationalparks nach wie vor völlig intakt sind. Die Wanderwege würden wieder geöffnet, sobald das Feuer gelöscht sei. Und Miguel Ángel Hernández, Bürgermeister von Valle Gran Rey, stellt klar: "Valle Gran Rey ist ja nicht abgebrannt. Im unteren Teil des Tals ist gar nichts passiert. Man kann hier nach wie vor unbeschwert seinen Urlaub verbringen." Wer wirklich helfen wolle, sollte "jetzt erst recht kommen".

Ingeborg Singendonk, die ihr kleines selbsterrichtetes Paradies im Feuer verloren hat, weiß noch nicht, wie es für sie weitergehen soll - mit 69 Jahren. Nur eines weiß sie, und das bringt die Tragödie, die ihr widerfahren ist, in zwei Sätzen zum Ausdruck: "Wenn ich mich entscheiden sollte, erst einmal abzureisen, bräuchte ich nicht mal einen Koffer. Mir ist ja nichts geblieben, was ich mitnehmen könnte."

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