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Insekten im Sommer:Die Wucht-Fliege

Kinder - Fruchtfliegen haben ´freien Willen"

Mal ehrlich: Die ist doch wunderschön, oder?

(Foto: dpa)

Für die Drosophila melanogaster haben die meisten Menschen nur Ablehnung übrig - dabei haben wir der Fruchtfliege viel zu verdanken. Über ein verkanntes Lebewesen.

Von Violetta Simon

Zugegeben, im Schwarm können sie einem echt auf die Nerven gehen. Zumal es meistens zu spät ist, wenn man sie entdeckt (zu spät jedenfalls für Pfirsich, Kirschen und Blaubeeren). Doch als Einzelwesen sind Fruchtfliegen die reine Schönheit. Allein die karminrot schimmernden Augen, ein jedes unterteilt in 600 Facetten, könnten Dior zu der zeitlos genialen Farbnuance Rouge 999 inspiriert haben.

Mit der in diesen Wochen wieder allgegenwärtigen Mensch-Fruchtfliege-Beziehung, die im Wesentlichen aus Verscheuch-Gesten besteht, hat das schicke Tier auf dem Foto zwar wenig zu tun. Doch es lohnt sich, genauer hinzuschauen auf die schwarzen Punkte, die hinfortstäuben, wenn man sich dem Obst nähert.

Die Fruchtfliege ist, damit fängt es schon mal an, genügsam: Nicht auf das Obst selbst hat sie es abgesehen, nein, sie gibt sich mit den Bakterien und Pilzen auf den fauligen Stellen zufrieden. Dazu ein Tröpfchen Wasser, mehr braucht sie nicht: "Tau-liebende Schwarzbäuchler", das bedeutet wörtlich ihre altgriechische Bezeichnung Drosophila melanogaster. Nach wenigen Tagen Tönnchenverpuppung kommt sie bereits geschlechtsreif auf die Welt, ganze 48 Stunden später ist sie in der Lage, 400 Eier abzulegen. Ein Leben auf der Überholspur, in jeder Hinsicht: Eine echte Drosophila biegt schneller um die Ecke als ein Düsenjet. Kein Wunder, dass man die Viecher so gut wie nie erwischt: In einer Hundertstelsekunde schlägt sie einen 90-Grad-Haken.

Ausweichmanöver einer Fruchtfliege

Dagegen ist der Mensch chancenlos: Ausweichmanöver einer Fruchtfliege.

(Foto: F. Muijres, Univ. of Washington)

Dann ihre Nase, eine Sensation: Die Riech-Rezeptoren der Fruchtfliege sind derart sensibel, dass sie Krebszellen bereits im frühen Stadium wahrnehmen, ja sogar verschiedene Krebsarten voneinander unterscheiden kann. Sie kann jede süßlich duftende Quelle aufspüren und sie tappt in jede Falle, die man ihr hinstellt - ist allerdings nicht clever genug, wieder hinauszufinden. Ein wirklich netter Zug.

Ganz anders der Mensch: Fernhalten, vertreiben, bekämpfen, fangen, mehr fällt den meisten zur Fruchtfliege nicht ein. Das jedenfalls sind die Begriffe, die im Zusammenhang mit ihr am häufigsten in Suchmaschinen im Internet gesucht werden. Männliche Fruchtfliegen leben dabei ohnehin gerade einmal zehn Tage. Und doch ähneln die Gene der Fruchtfliege denen der Menschen. Ihre DNA lässt sich allerdings leichter analysieren und erlaubt zahlreiche Rückschlüsse, die die Forschung in der Humanbiologie vorangebracht haben.

Ihre Begeisterung für Obst erregt den Unmut der Menschen.

Auf diese Weise hat die Fruchtfliege bereits fünf Wissenschaftlern zu Nobelpreisen verholfen, unter anderen einem Team aus drei US-amerikanischen Chronobiologen, die mithilfe der kleinen Tiere das Geheimnis der inneren Uhr des Menschen entschlüsselten. Wenn die Forschung also demnächst den Jetlag abschafft, dürfen wir uns bei der Fruchtfliege bedanken.

Dass sie ihr Werk dabei nahezu lautlos verrichtet, statt theatralisch vor sich herzusummen, passt zu ihrer bescheidenen Art. Sie selbst hört übrigens so gut wie der Mensch, allerdings benötigt sie dazu weder aufsehenerregende Hörtrichter noch einen schlauchförmigen Gehörgang. Sie lauscht da, wo der Schall auftritt: außen am Kopf, über kleine Antennen zwischen den Augen. Weil sie ihre Ohren derart offen trägt, ist es Forschern sogar möglich, mithilfe künstlicher Gene Hörzellen zu regenerieren und Gehörlosen zu helfen.

Aber das Schönste kommt noch: Im Gegensatz zu Stuben- und Schmeißfliegen sind Fruchtfliegen absolut hygienisch, sie können keine Krankheiten übertragen. Wer es jetzt noch übers Herz bringt, eine Fruchtfliegenfalle aufzustellen, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Man möge dann aber, um sie anzulocken und zu ertränken, zumindest auf einen edlen Roten zurückgreifen.

© SZ/olkl
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