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Indonesien:Musste ein Tiger wegen der Holzmafia sterben?

Makabre Szene: Dorfbewohner betrachten den Kadaver des Tigers.

(Foto: Muhammad Agussalim/AFP)
  • Ein Bild zeigt, wie Bewohner eines Dorfes in Indonesien einen unter dem Dach hängenden toten Tiger anstarren.
  • Sie glauben der Tiger sei ein "Siluman" und besitze übernatürliche Kräfte. Tierschützer versuchen nun die Hintergründe der Jagdszene herauszufinden.
  • Erste Hinweise führen zu der dortigen Holzmafia. Die würde profitieren, wenn die Tiere verschwinden. Beweise gibt es allerdings nicht.

Von Arne Perras

Sie nennen ihn "Siluman". Er besitzt übernatürliche Kräfte und kann sich verwandeln, mühelos wechselt er seine Gestalt, mal ist er Tiger, dann Mensch, dann wieder Tiger. Auf der indonesischen Insel Sumatra hat sich der Glaube an solche geheimnisvolle Wesen im Wald Jahrhunderte lang gehalten und selbst die digitale Revolution überlebt. Jetzt verbreiten sich Bilder eines solchen angeblichen "Siluman" über soziale Netzwerke und provozieren Staunen. Zu sehen ist ein ausgeweideter Tiger, der in einem Dorf unter einem Dach hängt, darunter versammeln sich Menschen, die auf den mächtigen Kadaver unter der Decke starren.

Umweltschützer versuchen, die Hintergründe der makabren Jagdszene zu ergründen. Warum ist der männliche Tiger in Konflikt mit den Dorfbewohnern gekommen? Die Art gilt als extrem gefährdet, ihre Zahl kann nur geschätzt werden. "Sie liegt irgendwo zwischen 350 und 1200", sagt Sunarto, Tigerexperte des World Wildlife Fund (WWF). "Sumatratiger sind äußerst scheu, sie halten sich fern von Menschen, wo sie können. Es sei denn, die Verhältnisse zwingen sie, ihr Verhalten zu ändern." Der Tiger, den die Leute aus Hatupangan jagten, suchte offenbar die Nähe des Dorfes, nur ist unklar warum.

Er könnte verletzt gewesen sein oder krank. Oder er floh aus dem Wald, weil er gestört wurde. Gerüchte, dass ein Siluman herumschlich, gab es offenbar schon seit Wochen. Eines Tages zogen neugierige Männer los, um ihn aufzuspüren. Als sie die Raubkatze fanden, wurden sie attackiert, es gab einen Schwerverletzten. Später stellten Dorfbewohner das Tier erneut, töteten es mit Speer und Kugel. Die Forstbehörde hatte von dem Tiger bereits vorher erfahren und das Dorf gewarnt, ein geschütztes Tier zu erlegen. Doch die Zusage der Ranger, den Tiger lebend zu fangen, überzeugte viele nicht.

Steckt in dem Tiger der Geist der Ahnen?

Der Fall bleibt mysteriös. Laut Recherchen der Jakarta Post wurden die Gerüchte über einen gefährlichen Siluman von Leuten gestreut, die in der Gegend illegal Holz schlagen. Schnell machte es die Runde, dass ein geheimnisvolles Wesen die Dörfer heimsuche, das schürte Angst unter den Bewohnern. "Wenn die Holzmafia dahintersteckt, dann war ihre Taktik sehr erfolgreich. Es wäre ein Beispiel, wie sich traditioneller Glaube manipulieren lässt", sagt der Biologe Sunarto.

Allerdings gibt es dafür nur Indizien, keine Beweise. Sicher ist nur: Die Holzfäller werden profitieren, wenn die Tiger verschwinden. Denn dann sinkt der Druck, die Wälder langfristig wegen ihrer einzigartigen Tierwelt zu schützen. "Bisher haben wir eher beobachtet, dass der traditionelle Glaube hilft, Tiger zu schützen", sagt Sunarto. Viele betrachten die Katze als Verkörperung ihrer Ahnen, so dass man sie besser nicht stört oder jagt.

Das Foto aus dem Dorf sieht so aus, als sollte der Tiger zur Schau gestellt werden, doch womöglich ist es anders. "Ich hörte, der Dorfchef wollte verhindern, dass der ganze Tiger verschwindet", sagt Sunarto. Viele Organe fehlten schon. Manche Menschen glauben, sie bekämen Tigerkräfte, wenn sie Teile der Katze aufbewahren. "Vielleicht sah der Bürgermeister keine andere Chance, um wenigstens den toten Tiger für Behörden und Forscher noch zu retten."

© SZ vom 07.03.2018/ankl
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