Flugzeugabsturz in Indonesien "Wir sind auch verwirrt über das Warum"

  • An Bord der in Indonesien abgestürtzten Boeing 737 befanden sich 181 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder.
  • Zuletzt war die Maschine bei Karawang in der Provinz West-Java geortet worden.
  • Die Hoffnung, noch Überlebende zu finden, ist gering. Am Montagnachmittag (Ortszeit) haben Rettungskräfte erste Leichenteile entdeckt.
  • Nach Angaben der indonesischen Flugsicherheit war die Maschine erst vor zwei Monaten von der Billigfluglinie Lion Air in Betrieb genommen worden.
Von Arne Perras, Singapur, und Jens Flottau

Dreizehn Minuten war Pilot Bhavye Suneja in der Luft, 57 Minuten später hätte er laut Plan landen sollen auf dem Flughafen von Pankgal Pinang, mit ihm 181 Fluggäste und sieben Crewmitglieder von Flug Lion Air JT610. Die Provinzhauptstadt ist von der Metropole Jakarta gerade mal 450 Kilometer Luftlinie entfernt, ein Luftfahrt-Katzensprung, Tickets ab 23 Euro. Doch nach dreizehn Minuten Flugzeit bricht der Kontakt zur indonesischen Flugsicherung ab. Zum Zeitpunkt befindet sich die Maschine bereits über der Javasee. Das Flugzeug stürzt ins Meer.

Inzwischen scheinen die schlimmsten Befürchtungen Gewissheit zu sein: Offenbar 189 Menschen kommen bei dem Absturz am Montagmorgen (Ortszeit) ums Leben. Die Hoffnung, noch Überlebende zu finden, ist schnell gewichen. Videoaufnahmen, die einen Ölteppich und treibende Gegenstände im Wasser zeigten, führten den in Pangkal Pinang wartenden Angehörigen und den Verantwortlichen der indonesischen Flugsicherheit vor Augen, dass es zu einem Aufprall auf der Wasseroberfläche gekommen sein muss.

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Unmittelbar nachdem die Maschine von den Überwachungsmonitoren verschwunden war, waren Suchtrupps mit Helikoptern und Schiffen zur mutmaßlichen Absturzstelle nordöstlich der indonesischen Hauptstadt Jakarta ausgeschwärmt. Taucher stiegen in die Tiefe ab, um das Wrack aufzuspüren. 300 Soldaten, Polizisten, Fischer und Bergungsfachleute beteiligten sich an der Suche. Am Montagnachmittag (Ortszeit) meldeten die Behörden, dass Rettungskräfte erste Leichenteile geborgen hätten. Zunächst hatten die Suchtrupps nur Trümmer, Taschen und Ausweise entdeckt, wie es in lokalen Medienberichten hieß.

Eine Boeing 737-800 der Fluglinie Lion Air (Archivbild).

(Foto: ADEK BERRY/AFP)

Die Unfallursache muss nun untersucht werden. Die Vermutung liegt nahe, dass auch technische Mängel eine Rolle spielen. Der genaue Ablauf des Fluges ist derzeit zwar nur bruchstückhaft zu rekonstruieren. Der Chef der Billigfluglinie Lion Air, Edward Sirait, sagte jedoch am Montag, dass Pilot Bhavye Suneja kurz nach dem Start um Erlaubnis gebeten habe, zum Flughafen Jakarta zurückzukehren. Sirait bestätigte, dass die abgestürzte Maschine schon zuvor bei einem Flug von Denpasar nach Jakarta mit technischen Problemen zu tun hatte. Angeblich war dieser Defekt aber behoben worden, hieß es in einem Bericht der Jakarta Post. Weitere Details nannte der Lion-Air-Boss nicht.

Daten des Portals Flightradar 24, das operationelle Details von Linienflügen aufzeichnet und veröffentlicht, deuten auf ungewöhnliche Flugmanöver gut eine Minute nach dem Start hin. Die Maschine war zunächst auf rund 2000 Fuß (gut 800 Meter) gestiegen, dann aber in den folgenden 25 Sekunden wieder auf 1500 Fuß gesunken. Anschließend stieg Flug JT610 auf gut 5000 Fuß (etwa 1800 Meter) und blieb auf dieser vergleichsweise geringen Höhe, bis der Kontakt mit der Flugsicherung abbrach. Auch am Vortag hatten die Piloten beim Flug JT43 von Denpasar nach Jakarta offenbar Probleme: Nach dem Start und kurzem Steigflug verlor die Maschine an Höhe, bevor sie den Flug normal fortsetzte. Sollten allerdings die Messungen der Bordgeräte fehlerhaft gewesen sein, wären auch die Daten von Flightradar24 unrichtig.

Flugzeugtyp Boeing 737 MAX

Flug JT610 ist der erste Unfall überhaupt einer Boeing 737 MAX. Dabei handelt es sich um die aktuelle Variante der 737, die Boeing 2016 auf den Markt gebracht hat. Das Flugzeug unterscheidet sich vom Vorgänger 737 NG (Next Generation) vor allem durch die neuen Triebwerke von CFM International. Die erste Version der 737 wurde 1968, also vor genau 50 Jahren, an den Erstkunden Lufthansa ausgeliefert. Die Variante MAX ist die vierte Neuauflage. Der Kurz- und Mittelstreckenjet ist mit 10 271 ausgelieferten und 14 900 bestellten Maschinen bislang der erfolgreichste Typ aller Zeiten. Die konkurrierende Airbus A320-Familie kommt auf 8419 Auslieferung und 14720 Bestellungen.

Nach Angaben der indonesischen Flugsicherheit hatte die Maschine seit Inbetriebnahme etwa 800 Flugstunden hinter sich. Erst vor zwei Monaten hatte Lion Air sie in Betrieb genommen. Pilot und Co-Pilot kamen auf 6000 respektive 5000 Flugstunden, wie die Airline mitteilte. Die Crew galt als erfahren. "Wir sind auch verwirrt über das Warum", sagte Airline Chef Sirait.

Lion Air ist die größte Billigfluglinie des Inselstaats Indonesien mit seinen etwa 250 Millionen Einwohnern und rund 15000 Inseln. Die 1999 gegründete Gesellschaft, die moderne Jets der Hersteller Boeing und Airbus einsetzt, fliegt hauptsächlich Ziele innerhalb des Landes an. Die Flotte umfasst nach Angaben der Fluglinie derzeit 112 Maschinen.

Lion Air machte in den vergangenen Jahren mit einer ganzen Reihe von Zwischenfällen und Unfällen Schlagzeilen. Mindestens dreimal kollidierten Maschinen der Airline leicht mit anderen Flugzeugen auf dem Rollfeld, Tote gab es dabei nicht. 2013 verpasste eine Maschine auf Bali die Landebahn und brach im flachen Wasser in zwei Teile, alle 108 Menschen an Bord überlebten. 2004 starben bei der Landung einer Lion-Air-Maschine im javanischen Solo zwei Dutzend Menschen, als die Maschine bei Regen über die Rollbahn hinausschoss.

Indonesische Airlines waren lange wegen Sicherheitsbedenken in Europa und den USA auf der Schwarzen Liste. Erst 2016 hatte die EU-Kommission Lion Air von der Liste jener Airlines gestrichen, die nicht den europäischen Sicherheitsstandards genügen. In Indonesien hatten Reformen den Flugsektor und die Sicherheit der Maschinen zuletzt deutlich verbessert. Indonesien verzeichnet im Flugverkehr jedoch ein besonders rasantes Wachstum. Das wirft die Frage auf, ob der gewaltige Bedarf durch ausreichend erfahrene Piloten gedeckt werden kann. Der indische Pilot Bhavye Suneja, der Flug JT610 steuerte, stammt aus Delhi, er hatte seine Pilotenlizenz nach Medienberichten im Jahr 2009 erhalten und begann seine Arbeit bei Lion Air im Jahr 2011.

Der Absturz ist das schlimmste Flugzeugunglück in Indonesien seit dem Jahr 1997 respektive 2014. Vor über 20 Jahren war eine Maschine der Fluggesellschaft Garuda Indonesia in der Stadt Medan abgestürzt, 214 Menschen waren dabei ums Leben gekommen. Im Jahr 2014 war auf dem Weg von Surabaya nach Singapur eine Air-Asia-Maschine mit 162 Insassen ins Meer gestürzt.

In der Javasee suchen nun Taucher weiter nach den vermissten Insassen von Flug JT610 und dem Flugzeugwrack. Es wird in 30 bis 40 Metern Tiefe vermutet. Erst wenn die Black Box, der Flugschreiber, gefunden ist, werden sich die Experten ein genaueres Bild machen können.

Mit Material der Agenturen.

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