Indischer Ozean Tagebuch von getötetem US-Amerikaner veröffentlicht

John Allen Chau auf seinem eigenen Instagram-Account.

(Foto: Instagram/Reuters)
  • Im Fall des im Indischen Ozean getöteten US-Amerikaners hat die Mutter des Toten seine letzten Tagebucheinträge veröffentlicht.
  • Sie bestätigen, dass der junge Mann auf der Insel war, um die dort lebenden Sentinelesen zum Christentum zu bekehren.
  • Die Sentinelesen gelten als eines der letzten "unkontaktierten Völker" der Welt und müssen von der Außenwelt abgeschnitten bleiben, um ihr Überleben zu sichern.
Von Arne Perras

Schon im indischen Polizeibericht zum Todesfall des US-Amerikaners John Allen Chau ist notiert, er sei "zu missionarischen Zwecken" nach North Sentinel Island aufgebrochen, jener Insel im Indischen Ozean, auf der das abgeschottete Volk der Sentinelesen lebt. Inzwischen hat die Familie seine letzten Aufzeichnungen der Washington Post überlassen, 13 handgeschriebene Seiten, die der junge Mann offenbar bei Fischern ließ, bevor er in seinem Kajak auf den Strand zusteuerte. Die Zeilen bestätigen sein Motiv.

Der junge Amerikaner war besessen von der Idee, den Menschen auf der Insel die Bibel zu bringen. "Herr, ist diese Insel die letzte Hochburg des Satans, wo niemand Deinen Namen gehört hat oder wenigstens die Chance hatte, ihn zu hören?" So zitiert das Blatt aus Chaus letzten Aufzeichnungen, die teils auch in indischen Zeitungen erschienen.

Die Reaktionen auf den ungebetenen Besucher waren feindselig

Chau wusste, dass seine Reise illegal war. Er hatte ein Touristenvisum und die Insel ist durch den Staat streng gesetzlich abgeschottet, weil die Sentinelesen als "unkontaktiertes Volk" gelten. Für sie ist nichts gefährlicher, als sich mit Keimen der Außenwelt anzustecken, gegen die ihnen die Immunität fehlt. Gott selbst habe ihn versteckt vor der indischen Küstenwache und deren Patrouillen, schreibt Chau. "Ihr Leute mögt vielleicht denken, ich bin verrückt in alldem, aber ich denke, es ist es wert, Jesus zu verkünden".

Dann schreibt er an einer Stelle: "Ich habe Angst." Doch sie hielt ihn nicht zurück, und so starb er auf der Insel. Offenbar waren jene, die ihm begegneten, nicht davon überzeugt, dass sie sich diesen Mann zum Freund machen sollten. Offenbar unternahm Chau zwei Versuche, Kontakt aufzunehmen mit Angehörigen des Volkes am Strand. Der Polizeibericht notiert, er habe versucht, ihre Gunst durch Geschenke zu gewinnen. "Ein kleiner Fußball, ein Spielring, eine Schere, eine Angelschnur, Verbandszeug." Doch die Reaktionen waren feindselig. Und schließlich starb Chau offenbar im Pfeilhagel. Schon früher haben die Sentinelesen Menschen getötet, die ihrer Insel zu nahe kamen.

Man weiß nur wenig über die Sentinelesen

Über den Alltag und ihre Lebensgewohnheiten wissen die Ethnologen sehr wenig, auch sie bekommen keinen Zugang zur Insel. Es bleibt Forschern nicht viel mehr, als die wenigen Beobachtungen aus der Ferne auszuwerten und historische Berichte über die kurzen Besuche, die es gegeben hat. Ansonsten liegt es nahe, aus den Gewohnheiten benachbarter Völker Rückschlüsse auf den möglichen Alltag der Sentinelesen zu schließen. Das allerdings sind alles andere als gesicherte Erkenntnisse.

Immerhin weiß man, dass sie als Jäger und Sammler leben und Speere und Pfeil und Bogen einsetzen, um sich Nahrung zu beschaffen - im dichten Wald und in den Korallenbänken rund um die Insel. Außerdem besitzen sie Steinäxte als Werkzeug. Der genaue Ursprung des Volkes ist nicht bekannt, man nimmt an, dass es schon Zehntausende Jahre in der Region lebt. Niemand - außer den Sentinelesen selbst - hat je ihre Sprache erlernt. Und so weiß die Außenwelt nicht einmal, wie sich dieses Volk, von dem vielleicht noch 100 Menschen leben, selbst nennt.

Die Sentinelesen wollen keinen Besuch

Die britische Kolonialmacht schickte im 19. Jahrhundert einmal einen Erkundungstrupp auf die Insel, die Bewohner versteckten sich. Nur zwei ältere Erwachsene und einige Kinder wurden aufgegriffen, man nahm sie "im Interesse der Wissenschaft" mit in den Haupthafen der Andamanen, nach Port Blair. Die erwachsenen Insulaner starben bald an Krankheiten, die Kinder brachte man zurück und gab ihnen Geschenke mit. Immer wieder gab es Versuche, sich mittels Gastgeschenken anzunähern, in den Siebzigerjahren landeten Besucher mit zwei Schweinen und einer Puppe im Gepäck. Die Insulaner spießten die Schweine und die Puppe auf und begruben sie im Sand.

Diese Menschen wollen keinen Besuch und haben das nun erneut unmissverständlich deutlich gemacht. Der indische Staat hat das Mitte der Neunzigerjahre schon verstanden und die Insel deshalb komplett isoliert, um den Sentinelesen ein Überleben zu ermöglichen. Die Küstenwache wird nun vermutlich noch etwas wachsamer sein, damit keine weiteren unerwünschten Besucher mit missionarischem Eifer am Strand landen und nicht mehr zurückkommen.

Isoliert wie kaum ein anderes Volk

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