bedeckt München

Indien und das Geschäft mit den Haaren:"Haben sie bei euch keine eigenen am Kopf?"

Das Geschäft mit dem Haar, hier scharrt es und kratzt es, manchmal blutet es leicht. "Er ist der mächtigste aller Götter", sagt Rangaraju, schaut hinauf ins Neonlicht, als würde er dort hocken, Lord Venkateswara, Inkarnation des Gottes Vishnu. Mehr sagt er nicht. Warum auch. Wenn der Mächtige wollte, könnte er aus Köpfen Goldfäden wachsen lassen. Aber er will nicht, er will nur ihre Schönheit, ihr Ego, ihre Eitelkeit. Ihr Haar.

Haar in Tüten: Beim Geschäft mit dem Haar gibt es nur Barzahlung und kein Rückgaberecht.

(Foto: Foto: Karin Steinberger)

So fängt es an, das Geschäft. Voller Ehrfurcht. Sie geben es, weil er ihnen Gesundheit schenkt, gute Noten, einen reichen Schwiegersohn. Es gibt so viele Gründe, sein Haar zu lassen, im Tempel des mächtigen Gottes, der hier seit Jahrtausenden in ewiger Finsternis hockt, mit glühend roten Augen, von Diamanten umsäumt, eine Mähne von Haaren drumherum. Seine Augen, heißt es, werden die Erde verglühen, wenn sie das Sonnenlicht erblicken.

Keiner hier fragt, was die Tonne Haar, die die Menschen hier jeden Tag lassen, wert ist, wenn es gewaschen und gekämmt, entlaust und gewogen wurde. Keiner fragt. Sie haben es Gott geschenkt.

Und der Tempel investiert das Geld, das er mit den Haaren verdient, in Schulen und Universitäten, in Bibliotheken und in die Lehre des Hinduismus, er bezahlt Essen und Massenhochzeiten für die Armen.

Sie zeigen ihre kahlen Schädel

Ein Kopf nach dem anderen neigt sich zu Rangaraju, Kinder, Frauen, Männer, Babys, die schreien, wenn er die kalte Rasierklinge auf ihren Hinterköpfen ansetzt. Die Frau steht jetzt kahl im Saal, ihr Schädel leuchtet weiß. Dann verschwindet sie mit Mann und Kind, duscht, schmiert sich Asche aufs Haupt, geht hinüber zu den Warteschlangen des Tempels, acht Stunden, zehn Stunden, manche stehen Tage, um Gott in seinem finsteren Loch zu sehen. Sie werfen sich auf den Boden, berühren Steine, Blumen, irgendwas, wenn sie vorbeigeschoben werden, Wärter treiben die Menge weiter. Hunderte, Tausende, Millionen, um ihm ihre kahlen Schädel zu zeigen.

In der feuchten Rinne vor Friseur 54 liegt es, das Haar der Frau, schwarz wie Mahagoni. Ein Häuflein. Zweihundert Gramm vielleicht, oder dreihundert. Das reicht am Ende für ein paar hundert U-tip gebondete Echthaar-Strähnchen.

Für was bitte? Die Sammelfrauen schauen sich an. Sie kichern nicht einmal mehr. Sie sammeln Haar, das ist ihr Job, tonnenweise kehren sie es zusammen, Männerhaar, Frauenhaar, kurz, lang, kommt alles in Kanister, die versiegelt sind und verschlossen und bewacht wie Tresore in der Bank of India. Von den anderen Dingen wissen sie nichts. Von Microrings und Shrinkies, von Echthaartressen, Glanzversiegelungen und Single Drawn Qualität. Sie halten ihre Besen in der Hand wie Waffen, kein Haar darf liegenbleiben. Ein Zopf schon gar nicht.

Auf der dritten Seite lesen Sie, warum Echthaar sich wieder so gut verkauft und welche Haarsorten verkauft werden.

Zur SZ-Startseite