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Indien:Delhi verbietet den Nebel des Grauens

Hindu-Aktivisten protestieren in Neu Delhi gegen das Verbot von Feuerwerkskörpern.

(Foto: AFP)
  • Wegen der extrem schlechten Luft in Neu Delhi hat Indiens oberstes Gericht den Verkauf von Feuerwerkskörpern zum hinduistischen Lichterfest verboten.
  • Die indische Hauptstadt ist laut der Weltgesundheitsorganisation WHO die Stadt mit der weltweit schlimmsten Luftverschmutzung.
  • Es ist aber nicht so, dass gar nicht geböllert wird diesmal - und das macht diese Geschichte noch erstaunlicher.

Im alten Markt in Delhi buhlen die Händler um ihre Kunden, das Geschäft vor dem großen Fest will sich hier keiner entgehen lassen. Die Juweliere haben ihre Auslagen aus Silber und Gold aufpoliert, auf der Straße liegen knallbunte Kalender aus, auf denen Lakshmi gütig lächelt. Für die Göttin des Wohlstands werden die Familien nun Türen und Fenster öffnen, damit ihr Segen bald durch die Häuser weht. Diese Woche ist Diwali, das Lichterfest, das für Hindus so bedeutsam ist wie Weihnachten für Christen. Gefeiert wird der Sieg des Guten über das Böse: In der Legende bezwingt Gott Rama den Dämonen Ravana. Diwali gilt deshalb als sehr lebendiges und fröhliches Fest. Was nicht heißt, dass alle etwas zu lachen haben in diesen Tagen.

Man muss ja nur einmal in das versteinerte Gesicht des Händlers Amit Jain blicken. Der 41-Jährige sitzt stumm vor seinem Laden mitten in der Millionenmetropole, als ginge ihn das Treiben in der Gasse gar nichts an. Die blaue Tür seines Geschäfts ist mit einem Vorhängeschloss verriegelt. Diwali feiern? "Das wird für uns dieses Mal nichts", murrt Jain.

Diwali-Fest

Warten auf die Glücksgöttin

Mit "uns" meint er sich und all die anderen Kaufleute, die rund um die alte Moschee ihre Läden für Feuerwerkskörper betreiben. Normalerweise ist das ein prächtiges Geschäft, denn Kracher und Raketen gehören zu Diwali wie der Glühwein zum Christkindlmarkt. Doch in diesem Jahr ist alles etwas anders. Das oberste Gericht hat vergangene Woche den Verkauf von Krachern und Böller untersagt - an Diwali, ausgerechnet, soll künftig weniger geböllert werden. Besser noch: gar nicht mehr.

Man kann das kurios finden, dass am wohl bekanntesten Festtag im hinduistischen Jahr, dem Lichterfest, künftig weniger Lichter leuchten sollen; für Händler wie Jain aber ist das nichts anderes als eine Katastrophe. "99 Prozent meines Geschäftes mache ich in den Tagen vor Diwali", sagt Jain, ein hagerer Mann im blauen Poloshirt. "Ich habe eine Lizenz, ich habe die Ware bestellt, bezahlt und auf Lager. Jetzt werde ich sie nicht los. Ist das fair?"

Die Richter allerdings argumentieren, das Verbot sei nötig, damit die Luft in der indischen Hauptstadt nicht noch giftiger wird als sie schon ist. Nirgendwo auf der Welt ist die Luft schmutziger als in Delhi, besonders in den Wintermonaten, denn da kommt viel zusammen.

Der Smog kann in kalten Monaten schlechter abziehen, der Dreck hält sich wie unter eine Glocke. Außerdem brennen Bauern rund um die Metropole die Stoppeln auf den Feldern ab, mehr als zehn Millionen Autos pusten Abgase in die Luft, die Armen zünden nachts ihre Feuer auf den Straßen an, überall brennt Plastik, von den Baustellen wehen dicke Staubwolken durch die Straßen, Industrieschlote rauchen. Kurz: Die Luft von Delhi ist zum Fürchten.

Experten warnen vor irreversiblen Schäden durch Feinstaub

Und sie hat verheerende Auswirkungen auf die Gesundheit. 2015 testeten Ärzte die Atmung von Schülern und kamen zu schockierenden Ergebnissen: 40 Prozent litten unter einer verminderten Lungenkapazität. Experten warnen vor irreversiblen Schäden durch den Feinstaub. Da haben die Kracher an Diwali gerade noch gefehlt. Gewöhnlich werden so viele entzündet, dass die 25-Millionen-Metropole innerhalb kurzer Zeit von einem Nebel des Grauens verhüllt ist. Vergangenes Jahr war es so schlimm, dass Baustellen und Schulen tagelang schließen mussten. Und dennoch: Viele Bewohner hängen an ihrem Brauch, sie lieben es, wenn es blitzt und kracht und Funken durch die Nacht sprühen. Der Drang, Diwali so bunt zu feiern wie immer, ist keineswegs verweht.

Existenzangst: Amit Jain, 41, hat einen Laden in Delhi, in dem er Feuerwerkskörper verkauft. 99 Prozent seines Geschäftes, sagt er, machte er bislang an Diwali.

(Foto: Perras)

Es gibt jetzt also viele Debatten vor den Hauptfeierlichkeiten am kommenden Donnerstag. Die Meinungen unter den Bewohnern sind zweigeteilt, was man auch in einem Kleidergeschäft hinter der alten Moschee beobachten kann. "Unbedingt muss man die Kracher verbieten", sagt der Besitzer, ein Mann mit großem Bauch und Schnurrbart. "So geht das nicht mehr weiter." Seine Kundin, die 20-jährige Puja Kumari, sieht das anders. "Das Knallen gehört zum Feiern dazu, mir hat das schon als kleines Mädchen gefallen." Und außerdem: "Ist doch nur für ein paar Tage."

Puja Kumari sucht an diesem Vormittag nach einem festlichen Sari, sie probiert eine Kombination aus rot und blau, mit goldener Stickerei. An Diwali muss alles leuchten und glitzern, Männer und Frauen putzen sich heraus. Und ihre Häuser wischen und schmücken sie nun schon seit Tagen. Dazu gehören auch zahllose Kerzen und Öllampen, wie die Frauen erzählen. Kumari ist mit ihrer Freundin unterwegs, aber sie können sich nicht für ein Kleid entscheiden, "die Tage vor Diwali sind echt hektisch," sagt die junge Frau. Morgen will sie noch mal losziehen. Ein neuer Sari muss sein; auch wenn die beiden fürs Shoppen kaum Zeit haben, zuhause wartet viel Arbeit auf sie, um das Fest vorzubereiten.

Geböllert wird schon: Es ist ja nur der Verkauf verboten - für Hänfler ist das absurd

Anders ist das für den Feuerwerkshändler Jain, wie gerne würde er jetzt Überstunden machen und die Kartons mit den Krachern über die Theke schieben. Aber er ist zum Stillsitzen verdammt. Seinen Nachbarn geht es nicht anders, einige fuchteln mit den Händen, wenn man sie auf das Verbot anspricht, sie sind geladen. "Sollen die von der Regierung doch lieber was gegen die Autostaus machen. Oder den Bauern das Abrennen der Felder verbieten", lamentiert ein junger Mann. Er klagt über große Verluste, er hat Frau und Kinder, die er ernähren muss. "Warum müssen nur wir leiden?" Es ist ja nicht so, dass gar nicht geböllert wird diesmal, und das macht diese Geschichte nur noch erstaunlicher.

Jeder, der schon vor dem Verbot Kracher gekauft hat oder noch von früher besitzt, darf diese auch benutzen - nur den Verkauf haben die Richter verboten, das Abbrennen nicht. Die Händler halten das für völlig absurd.

Puja Kumari, die junge Kundin im Kleidergeschäft, ist darüber allerdings froh. "Ich will auf das Feuerwerk nicht verzichten", sagt sie. Diwali ohne Kracher, das wäre für sie nur ein halbes Lichterfest.

© SZ vom 16.10.2017/ick
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