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Indien:Fast wie im richtigen Film

Wieder einmal wurde der Bollywoodstar Sanjay Dutt aus der Haft entlassen - die Anwälte nutzten einen Formfehler. Dutts eigenes Leben ist schon lange dramatischer als jede Rolle.

Manchmal ist das wahre Leben der bessere Plot. Als Sanjay Dutt, der Bruce Willis Bollywoods, auch "Deadly Dutt" ("Tödlicher Dutt") genannt, am Donnerstag in aller Früh das Hochsicherheitsgefängnis von Pune verlassen durfte, jeden der freudig erregten Polizisten einzeln grüßte, den wartenden Fernsehleuten sein bestes, also traurigstes Lächeln schenkte und in den Wagen seiner angereisten Schwester stieg, war es, als fände ein indisches Melodrama mit einigem kriminellen Potential ein fast wundersames Happy End. Aber nur fast. Es ist ein Happy End auf Zeit. Nur eines ist sicher. Ganz Indien schaut zu.

Der Bollywood-Star Sanjay Dutt nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis in Pune

(Foto: Foto: AFP)

Formfehler ausgenutzt

Sanjay Dutt, 48 Jahre alt, einer der großen Stars der überdrehten indischen Filmwelt, ist zwischenzeitlich frei - auf Kaution. Vielleicht für einen Monat, vielleicht für zwei Monate.

Seine Anwälte haben im Urteil gegen ihren Mandanten einen kleinen Formfehler ausgemacht. Und den haben sie ausgenutzt. Dutt war Ende Juli in Bombay zu sechs Jahren Haft verurteilt worden - wegen illegalen Besitzes von zwei Schusswaffen: einer Neun-Millimeter-Pistole und einer AK-56 Schnellfeuerwaffe.

Die Waffen hatten ihm Freunde aus der Unterwelt verschafft. Leute, die verwickelt waren in die Bombenattentate in Bombay am 12. März 1993. Dreizehn Bomben, gezündet in Serie, 257 Tote, mehr als 800 Verletzte. Es war ein Vergeltungsschlag von muslimischen Fundamentalisten. Davor hatten radikale Hindu-Nationalisten die alte Babri-Moschee im nordindischen Ayodhya zerstört. Fanatiker gegen Fanatiker.

Es gab schwere Zusammenstöße, es gab viele Tote. Die meisten waren Muslime. Die Unruhen von 1993 stellten den Religionsfrieden Indiens, diese große Errungenschaft, auf eine harte Probe.

Der Name Dutts, Sohn einer Muslimin und eines Hindu, tauchte bald nach den Anschlägen auf. Zwei der Hauptangeklagten hatten ihn ins Spiel gebracht. Man wusste nicht, ob man ihnen trauen konnte, ob sie sich nur aufspielten. Sie berichteten, sie hätten dem jungen Schauspieler Waffen geliefert. Und Munition.

Dutt, Spross und Sorgenkind einer bedeutenden Schauspieler- und Politikerdynastie, war damals 34 Jahre alt und gezeichnet von den Exzessen seiner Jugend. Er hatte harte Drogen konsumiert, gedealt, er verschenkte den Stoff auch an Freunde, die ihn sich nicht leisten konnten. Aber Terrorismus? Das passte nicht.

Die Klatschpresse hatte schon immer ihre Freude an ihm, leuchtete jede Ecke seines turbulenten Privatlebens aus. Er bot den Stoff, den sie brauchte. Aus seiner Jugendzeit stammt das Image, von dem er auch künstlerisch lebte: der böse Junge mit dem großen Herz. Er galt bald als schräger Robin Hood, als liebenswürdiger Gangster. Das ist sein Alter Ego im Film. Das Magazin India Today nannte ihn kürzlich einmal "Forrest Gump in den Klamotten des Marlboro-Mannes".

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