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Indien:Das Gesetz ist nur ein toter Buchstabe

In der Glasindustrie im indischen Firozabad ist jeder fünfte Arbeiter jünger als 14 Jahre - obwohl das illegal ist

Es ist die Hölle, finster und heiß. Licht und Luft sickern nur durch ein kleines Loch in die Hütte, in der Vinod und Ajay, Kanti und Shivani um eine Flamme kauern, die aus einer Gasleitung schießt.

Die Kinder, zwischen acht und zwölf Jahre alt, löten Glaskringel zu Armreifen zusammen - eine einfache, aber gefährliche Arbeit, die ihnen die immer gleichen Handgriffe abverlangt, 4500 mal am Tag. Ein Windstoß wäre verheerend bei der zwölfstündigen Akkordarbeit, mit der sie umgerechnet je 60 Cent am Tag verdienen.

Das Quartett ist nur ein Glied in einer Kette, die mehr als 40 Produktionsstufen und kaum weniger Zwischenhändler umfasst, bevor die gläsernen Armreifen reich verziert in alle Ecken Indiens verschickt werden - für eine Rupie das Stück. Das sind zwei Cent.

Mit den spottbilligen Armreifen, den so genannten Bangles, schmücken sich seit altersher verheiratete Inderinnen. Der zerbrechliche Zierrat stammt meist aus Firozabad, das zwei Drittel aller Glaswaren made in India produziert - unter erbärmlichen Bedingungen.

Qualm benebelt den Blick, und ständiges Hupen betäubt die Ohren in der eine Million Einwohner zählenden Stadt, die sich entlang der Hauptverkehrsachse Delhi-Kalkutta ausbreitet wie ein Krebsgeschwür. Die hundert Glasmanufakturen der Stadt erinnern in westlichen Augen weniger an Fabriken als an Industrie-Ruinen aus den Anfangstagen des Kapitalismus.

Indiens Regierung, die das Land bis zum Jahr 2020 wirtschaftlich an die Weltspitze katapultieren will, residiert nur 250 Kilometer entfernt. Das Gesetz, das seit fast zwei Jahrzehnten verbietet, Kinder unter 14 Jahren zu beschäftigen, ist jedoch nur ein toter Buchstabe in der Glasindustrie von Firozabad.

Schätzungsweise ein Fünftel der 250.000 Arbeiter der Branche sind dem UN-Entwicklungsprogramm zufolge keine 14 Jahre alt - und sie verdienen nur halb so viel wie die Erwachsenen. Die Heimwerkstätten, die unzählige Produktionsschritte auf Vertragsbasis leisten, unterliegen keiner Kontrolle.

Die Behörden lassen der Kinderarbeit im unorganisierten Sektor landesweit freien Lauf. Die Menschenrechtsorganisation International Human Rights Watch spricht von einer empörenden Vernachlässigung der Kinderrechte. In einfachen Restaurants und in besseren Familien tragen Knirpse Tee und Snacks auf.

Minderjährige stellen Zündhölzer her und rollen Zigaretten, pflücken Baumwolle und besticken Kleider, knüpfen Teppiche und hämmern Kupferkessel. Selbst im Bergbau werden Kinder eingesetzt - in besonders engen Schächten.

Wie viele indische Kinder unter 14 Jahren sich abrackern, ist umstritten: Die Regierung in Delhi weist 14 Millionen aus, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef schätzt ihre Zahl auf 100 Millionen. Erwiesen ist nach Auffassung der UN, dass Indien weltweit die höchste Werktätigen-Quote und die größte Analphabetenrate unter Minderjährigen besitzt.

Die südasiatische Allianz gegen die Kinderknechtschaft warnt, dass das Heer der indischen Kinder, die nichts anderes lernen als zu schuften, seit der Unabhängigkeit 1947 stetig und schneller als die Bevölkerung wächst, welche die Milliardenmarke überschritten hat.

Die Rechnung der Arbeitgeber ist simpel: Kinder verrichten anspruchslose Tätigkeiten ebenso gut wie Erwachsene, aber weit billiger. Der Boom der Informationstechnologie, der das indische Wirtschaftswachstum vergangenes Jahr auf 8,5 Prozent hochschraubte, ändert daran nichts. Der Rückgriff auf kindliche Billigstarbeitskräfte hat die Tagessätze für unqualifizierte Arbeiter in den vergangenen Jahren noch nach unten getrieben.

Kaum einer der 370 Millionen erwachsenen Tagelöhner landesweit erhält noch den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, der ausreichen würde, eine vierköpfige Familie zu ernähren. Die nackte Not zwingt immer mehr Eltern, ihre Kinder arbeiten zu schicken, wenn sie der Schuldknechtschaft entgehen wollen, welche die ganze Familie faktisch zu Leibeigenen macht.

Gasdämpfe füllen den Raum, in dem Sombati und ihre drei Kinder heißen Lack auf reich verzierte Armreifen aus Glas pinseln und diese anschließend in eine Säurelösung tauchen zum Fixieren. Ihr Jüngster ist vier Jahre alt, die Älteste gerade 13 geworden. Die Kinder klagen über Gliederschmerzen, Kopfweh und Atembeschwerden. Die Lebenserwartung ist niedrig in Firozabad.

Die elenden Arbeitsbedingungen schlagen sich im Laufe der Zeit in chronischen Krankheiten nieder. Das weiß Sombati. Sie habe aber keine andere Wahl, als ihre Kinder zur Arbeit zu zwingen. "Mein Mann", erklärt die Frau, die mit Anfang 30 bereits so alt aussieht wie ihre eigene Mutter, "ist arbeitslos und trinkt."