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Indien:Rassismus aus der Tube

A customer picks up 'Fair & Lovely' brand of skin lightening product from a shelf in a shop in Ahmedabad

In Indien gilt helle Haut oft als Ausweis eines höheren Status - und Cremes sollen beim gewünschten Hautton nachhelfen.

(Foto: REUTERS)

Aufhellende Hautcremes gibt es in Indien in fast jedem Drogeriemarkt. Nun werden sie zum gesellschaftlichen Streitobjekt.

Von Arne Perras

Seit Jahrzehnten steht die Creme in vielen Drogeriemärkten des indischen Subkontinents. Auf der Packung prangt: "Fair & Lovely" - hell und wunderbar. Das Produkt des Herstellers Hindustan Unilever verspricht Schönheit durch ein helleres Antlitz. Es findet rasenden Absatz. Der Inhalt der Tuben steht für die Sehnsucht, seine Haut aufzuhellen - oder auch den gefühlten Zwang. Nun ändert sich der bekannte Markenname, wie der Hersteller Ende vergangener Woche mitteilte. Künftig steht auf der Packung: "Glow & Lovely" - strahlend und wunderbar. Ob diese kleine Korrektur die wachsende Kritik an den Cremes eindämmen wird, ist fraglich. Die Kosmetika sind zum Streitobjekt geworden, angefacht durch die Rassismusdebatte in den USA und die Bewegung "Black Lives Matter". Aktivisten wollen das Stigma dunkler Haut beseitigen, das sie als asiatische Variante des westlichen Rassismus betrachten. Vorurteile, die Menschen mit dunkler Haut treffen, spalten viele Gesellschaften Asiens, sie demütigen Menschen und grenzen sie aus. Hindustan Unilever geriet vor allem in sozialen Medien unter Druck. Zwei Petitionen prangerten den Konzern öffentlich an. Das Unternehmen profitiere von einem "internalisierten Rassismus", klagen Kritiker, die Creme vermittele die Botschaft, dass etwas falsch sei mit der Hautfarbe vieler Menschen. Der Konzern gab sich reuig und versicherte, er wolle kein falsches "singuläres Schönheitsbild" stützen, sondern künftig "eine größere Vielfalt zelebrieren". Aktivisten sprechen von Etikettenschwindel, solange das Produkt im Handel bleibe. Auch die Kosmetikunternehmen L'Oreal und Johnson & Johnson wollen Begriffe wie "hell" oder "weiß" aus ihren Produktnamen streichen oder deren Verkauf sogar einstellen.

In Indien gilt helle Haut oft als Ausweis eines höheren Status, während dunklere Töne bei vielen negative Assoziationen hervorrufen: Rückständigkeit, Armut, mangelnde Bildung. Das Stigma, bei dem in Indien auch die Sortierung von Menschen nach Kasten eine Rolle spielt, trifft viele Millionen Menschen, denen Würde und Anerkennung versagt werden.

Die Kosmetikindustrie kämpft mit Vorwürfen, dass sie sich Minderwertigkeitsgefühle zunutze mache. Außerdem gab es wiederholt Warnungen vor möglichen Gesundheitsschäden. Kürzlich berichtete die Agentur Reuters, dass zahlreiche Cremes von kleineren Herstellern mit potenziell gefährlichen Quecksilberwerten immer noch online verfügbar seien.

"Offene Diskriminierung hat bei uns eine lange Geschichte"

Aktivisten in Asien wollen die globale Dynamik gegen Rassismus nutzen, um einen Wandel anzustoßen. Ob dies auch in Indien zu einer größeren Bewegung wird, ist ungewiss. "Die offene Diskriminierung dunkelhäutiger Menschen hat bei uns eine lange Geschichte", schreibt die indische Journalistin Anuradha SenGupta. Sie berichtete darüber, wie unterschiedliche Hautfärbung Vorurteile über vermeintliche Charakterzüge geprägt haben soll.

Dabei beruft sie sich auf indische Marktforscher. Die haben offenbar herausgefunden, dass hellhäutige Menschen als ehrlicher eingestuft werden als solche mit dunkler Haut. "Die meisten von uns glauben nicht wirklich daran, dass Menschen mit dunkler Haut etwas zählen", sagt SenGupta.

© SZ vom 13.07.2020/pram
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