Im Auftrag von Goebbels Der Wandteppich des Bösen

Bizarrer Streit um Goebbels' Teppich: Im Keller der Polizeiwache Oldenburg lagert ein Gobelin, den der NS-Propagandaminister in Auftrag gab. Doch wer ist der Eigentümer?

Von Wolfgang Luef

Was liegt eigentlich alles in der Asservatenkammer der örtlichen Polizei? Für Lokalzeitungen ist das eine Routine-Reportage. Im besten Fall gibt es Dinge wie Springmesser, Kleiderfetzen oder Pistolenprojektile zu sehen, die nach Verbrechen beschlagnahmt und danach in speziell gesicherten Räumen aufbewahrt werden. Manchmal ist auch das eine oder andere Kuriosum dabei - zur Freude der Journalisten.

Wem gehört er? In der Asservatenkammer der Polizei in Oldenburg liegt der Wandteppich, der vor mehr als 60 Jahren von Joseph Goebbels in Auftrag gegeben wurde. Besitzer unbekannt.

(Foto: Foto: dpa)

Was die Reporter einer Oldenburger Regionalzeitung jedoch vergangene Woche auf Anfrage als "kuriosestes Stück" präsentiert bekamen, dürfte sie ein wenig überrascht haben. Neben Tatwerkzeugen von Einbrüchen, Kleidungsstücken und einigen Schraubenziehern präsentierten die Polizisten: Joseph Goebbels' Wandteppich. Er liegt seit 2007 in einem gepanzerten Raum im Keller der Polizeiwache Oldenburg.

Der 1943 vom NS-Reichspropagandaminister in Auftrag gegebene Gobelin ist kein Beweisstück. Niemand hat ihn als Tatwaffe für ein Verbrechen benutzt - zumindest ist davon nichts bekannt. Auch kunsthistorisch ist er nur mäßig interessant. Und es ist nicht einmal geklärt, ob das Ding jemals irgendwo an der Wand hing. Dennoch ist ein bizarrer Streit über den Gobelin mit Nibelungen-Motiv ausgebrochen.

Wer ist der Eigentümer?

"Wir sind eigentlich bestrebt, den Teppich loszuwerden, sobald der Eigentümer feststeht", sagt Pressesprecher Markus Scharf. Doch wer ist der heutige Eigentümer: Die Bundesrepublik Deutschland? Ein Geschäftsmann aus Baden-Württemberg? Eine Wahrsagerin aus Bremen? Oder doch die Erben eines verstorbenen Antiquitätenhändlers aus Dresden? Jeder davon will den Goebbels-Teppich haben.

Der für die Räume des Reichspropagandaministeriums bestellte Gobelin stellt eine Szene aus der von Goebbels so verehrten Nibelungensage dar: "Wie Hagen den Schatz der Nibelungen im Rhein versenken ließ", steht am Fußende, am anderen Ende sind zwei Hakenkreuze zu sehen. Die Wiener Gobelin-Manufaktur hat ihn 1945 nach Berlin liefern lassen. Goebbels hatte gleichzeitig zwei ähnliche Teppiche mit Nibelungenmotiven dort in Auftrag gegeben, die aber nie geliefert wurden, wie die Kunsthistorikern Anja Prölß-Kammerer erklärt.

Bis 2007 galten die Teppiche - alle drei wurden vom Wiener Künstler Rudolf Hermann Eisenmenger entworfen - als verschollen. Doch dann bekam die Oldenburger Polizei einen Tipp aus Baden-Württemberg. Der Teppich, erfuhren die Ermittler, sei gerade im Gepäck eines Geschäftsmannes bei Oldenburg unterwegs. Der Mann wollte ihn offenbar für 300.000 Euro verkaufen, weil er in Geldsorgen war.

Eine Wahrsagerin zieht die Fäden

Angebahnt hat das Geschäft eine Bremer Wahrsagerin. Zum Abschluss kam es nicht, denn die Oldenburger Behörden griffen zu, konfiszierten den Gobelin und warten seither auf weitere Anweisungen. So erzählt es Markus Scharf, Polizeisprecher in Oldenburg, der jedoch betont, im Grunde nicht zuständig zu sein: "Wir waren nur die Ausführenden. Die Ermittlungen liefen in Rottweil." Dort wollte man die Sache zunächst nicht kommentieren. Straftatbestände dürften keine vorliegen: Es geht nur noch um die Klärung der Besitzverhältnisse.

Neben der Wahrsagerin und dem Geschäftsmann haben auch die Erben eines Dresdner Antiquitätenhändlers Anspruch erhoben: Von ihm hat der Geschäftsmann die in gewissen Kreisen begehrte NS-Devotionalie im Jahr 1987 erhalten, um sie im Westen für ihn zu verkaufen. Doch er betrog seinen Partner offenbar; erzählte ihm, man habe ihn beim Schmuggeln erwischt: eine mögliche Unterschlagung, die längst verjährt ist.

"Laut einem Bescheid ist der Teppich Eigentum des Bundes", sagt hingegen Ellen Händler, Sprecherin des Bundesamtes für offene Vermögensfragen. Obwohl es dagegen Einsprüche gab, bat das Bundesamt die Staatsanwaltschaft, den Teppich herauszugeben. "Wenn ein anderer sich als Eigentümer herausstellt, würden wir ihn wieder zurückgeben", sagt Händler.

Meistens nur Hirschlein und Rehlein

Bis dahin soll er dem Berliner Historischen Museum zur Verfügung gestellt werden. "Er würde gut in unsere Sammlung passen", sagt ein Sprecher.

Ähnliche Wandteppiche erfreuten sich bei NS-Größen großer Beliebtheit. Die Kunsthistorikerin Prölß-Kammerer hat über das Thema ihre Doktorarbeit verfasst. "In großen Städten gab es eigens gegründete Manufakturen - Wien war dabei nur ein Nebenschauplatz." Die Gobelins seien heute nur selten in Museen zu sehen, "weil sie einfach so banal sind. Auf den meisten sieht man Hirschlein oder Rehlein."

Goebbels wollte es etwas prunkvoller. Für sein Minister-Dienstpalais bestellte er einmal einen französischen Wandteppich aus dem 18. Jahrhundert für 283.000 Reichsmark, worauf das Reichsfinanzministerium "ernstliche Bedenken" gegen Goebbels Spendierfreude anmeldete. "Aber er setzte sich durch, wie immer", sagt Goebbels-Biograf Ralf Georg Reuth. Die drei Wiener Gobelins waren dagegen ein Schnäppchen: Sie kosteten 36.900 Reichsmark.