Illegale Straßenrennen:Warum sich der Mensch am Steuer überschätzt

Würden Sie als Verkehrsminister schärfere Tempolimits einführen?

Nein. Ich würde mich an der Luftfahrt-Industrie orientieren. Ich würde das autonome Fahren massiv fördern, auch die Gesetzgebung anpassen.

Ist die Technik denn schon so weit?

Wir beobachten, dass sie langsam serienreif wird. Aber die Gesetzgebung muss Schritt halten. Autos erkennen heute schon Fußgänger, sie können ihnen auch ausweichen. Das dürfen sie aber nicht. Ein Ausweichmanöver muss vom Fahrer initiiert werden. Denn sollte beim automatischen Ausweichen ein Unfall passieren, würde der Hersteller haften, und die scheuen mit Recht dieses Risiko. Da muss ein gesellschaftliches Diskurs her: Was sollen automatisierte Autos können dürfen? Sehen Sie den Luftverkehr an: Die Piloten fliegen im sogenannten Managed Mode, sie suchen die Route aus, umfliegen Gewitter, kommunizieren nach Außen und achten auf den Spritverbrauch. Den Rest machen die Maschinen weitgehend autonom und entlasten damit die Piloten. Deshalb gehen da die Unfallraten massiv nach unten.

Autofahren hat auch mit Psychologie zu tun. Für viele steht es für Freiheit und Selbstbestimmung. Am Steuer ist der Mensch gerne autonom. Überschätzt er sich da?

Ich habe mit der Uniklinik Essen 2009 eine neurobiologische Forschung durchgeführt. Wir haben Menschen vor einen Fahrsimulator gesetzt und mittels funktionaler Magnet-Resonanz-Tomografie die Sauerstoffversorgung im Gehirn angeschaut. Da konnte man sehr schön sehen, wie die Selbstüberschätzung funktioniert. Zuerst ist alles aufregend, die Leute fahren bewusst, sie haben ein Gefühl für die räumliche Bewegung. Der entsprechende Teil des Gehirns ist stark aktiviert. Dann setzt der Prozess der Routine ein. Nach 20 Minuten wird die räumliche Wahrnehmung regelrecht abgeschaltet, diese Gehirnfunktion braucht nämlich sehr viel Sauerstoff und Energie. Das Gefühl, man fährt mit eineinhalb Tonnen Blech und 220 km/h, kommt nicht mehr beim Fahrer an. Das Gefühl für die Gefahr geht relativ schnell verloren. Es fühlt sich eher wie ein Computerspiel an, wie ein Kinofilm. Das sagt mir, dass der Mensch bei den Routinetätigkeiten im Auto entlastet werden muss. Dafür ist er nicht geschaffen.

Teilnehmer an illegalen Autorennen auf öffentlichen Straßen sind ein extremer Fall.

Psychologisch gesehen spricht man hier von "sensation seeker" - ausprobieren, was geht. Das ist für Menschen im Alltag in allen möglichen Lebenslagen normal, gerade auch für Kinder. Man schaut, wie weit man gehen kann. Beim Autoverkehr schlägt uns das aber ins Gesicht. Gerade junge Verkehrsteilnehmer haben am Anfang noch ein wenig Angst, merken aber nach einer Weile: Ach, geht doch! Ich kann mal 20 km/h zu schnell fahren und es passiert nichts. Und so weiter. Bei einem kleinen Anteil der Fahrer wird das zu einer Sucht. Gerade, wenn die Menschen die Grenzerfahrungen im Beruf, in der Liebe, im Sport oder anderswo nicht finden. Dann suchen sie ihre Grenzen zum Beispiel im Autoverkehr.

Sie haben in Nordrhein-Westfalen die Kampagne Crash Kurs NRW mit initiiert. Ihre Zielgruppe sind Jugendliche, die demnächst den Führerschein machen.

Wir haben inzwischen 250 000 Jugendliche damit erreicht. Polizisten, Feuerwehrleute, Ersthelfer an Unfallorten, aber auch Unfallopfer berichten in der Schule über ihre Erfahrungen. Das Ziel ist, die Jugendlichen für die Gefahr zu sensibilisieren. Der Freundeskreis soll mithelfen, angesichts der tödlichen Gefahr soll das Rasen uncool werden. Unser Vorbild war eine Initiative in England, woraufhin sich dort die Unfallzahlen in der jungen Altersgruppe halbiert haben. Dort kam auch der Gerichtsmediziner mit in die Schule, aber das war uns ein bisschen zu viel englischer Humor.

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