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Illegale Autorennen:Russisches Roulette auf dem Ku'damm

Tödliches Autorennen - Mordprozess gegen Fahrer

Nach dem illegalen Autorennen mit einem Toten in der Berliner Innenstadt Anfang Februar beginnt jetzt ein Mordprozess.

(Foto: Autorennen Berlin)
  • Nach einem tödlichen Unfall in Folge eines illegalen Autorennens müssen sich zwei junge Männer vor dem Berliner Landgericht wegen Mordes verantworten.
  • Die angeklagten Marvin N. und Hamdi H. wollten sich nach Angaben ihrer Verteidiger vorerst nicht äußern.
  • Das Fahrzeug von Hamdi H. war mit dem Auto eines Unbeteiligten kollidiert, dessen Fahrer verstarb.

Von Verena Mayer, Berlin

Der Kurfürstendamm ist weltweit bekannt als Ort der Luxuslabels, Cafés und teuren Restaurants. Doch die glitzernde Prachtstraße hat auch eine Nachtseite. Dann nämlich, wenn spätnachts die Tuner-Szene zusammenkommt und sich auf der zweispurigen Fahrbahn mit ihren Sportwagen Straßenrennen liefert. Die "Ku'damm-Raser", so nennt man sie in Berlin.

Zum Beispiel im Februar dieses Jahres: Da standen zwei junge Männer nebeneinander an der Ampel, kurbelten die Scheiben hinunter und einigten sich mit Handzeichen auf ein sogenanntes Stechen. Sie fuhren los, mit 160 Kilometern pro Stunde über elf rote Ampeln. Sie kamen bis zur Kreuzung an der Tauentzienstraße. Dort rammten sie einen Jeep, der gerade Grün hatte. Der Fahrer des Wagens, ein 69-jähriger Rentner, war sofort tot.

Illegale Straßenrennen sind in vielen deutschen Städten ein Problem. Berlin, Frankfurt und Köln haben eine große Szene, immer wieder sterben Unbeteiligte. Autolenker, Fußgänger, Radfahrer. Um die Raser zu stoppen, gibt es inzwischen verschiedene Ansätze. Es gibt etwa spezielle Ermittlerteams in den Städten, Kontrollen, bei denen frisierte Autos aus dem Verkehr gezogen werden. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen macht sich seit einiger Zeit zudem dafür stark, Gesetze so zu verschärfen, dass Leute, die an illegalen Autorennen teilnehmen oder sie organisieren, mit Gefängnis bestraft werden können. Raserei sei "russisches Roulette, allerdings ist der Spieleinsatz das Leben der anderen", so formuliert es der NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD).

Die Staatsanwaltschaft hat die Männer wegen Mordes vor Gericht gebracht

Thomas Kutschaty (SPD), Justizminister von Nordrhein-Westfalen

"Raserei ist russisches Roulette, allerdings ist der Spieleinsatz das Leben der anderen."

Die Berliner Justiz versucht es indessen mit Abschreckung. Meistens werden Leute, die bei einem Straßenrennen einen tödlichen Unfall verursachen, wegen fahrlässiger Tötung bestraft. Doch die Staatsanwaltschaft hat die beiden jungen Männer vom Kurfürstendamm nun wegen Mordes vor Gericht gebracht. Weil jeder bei dem Wettrennen gewinnen und sich dadurch "Selbstbestätigung" sichern wollte, so sagt es der Staatsanwalt. Und weil die beiden Männer billigend in Kauf genommen hätten, dass dabei jemand stirbt. Also: Mord mit dem Auto.

Am Donnerstag sitzen die beiden Männer auf der Anklagebank im Berliner Landgericht. Hamdi H., 27, schwarzes Hemd, hat den Kopf gesenkt und wischt sich hin und wieder das Gesicht mit einem Taschentuch ab. Marvin N., 24, Vollbart, kurz geschorenes Haar, guckt geradeaus, als fixiere er ein fernes Ziel. "Können wir irgendetwas Berufliches aufnehmen?", fragt der Vorsitzende Richter. Hamdi H. schüttelt den Kopf. Er wollte mal Kfz-Mechatroniker werden, doch daraus wurde nichts. Seither lebt er von Hartz IV. Marvin N. war bei der Bundeswehr, danach hat er bei einer Sicherheitsfirma gejobbt. Wenn es nach Verkehrsexperten geht, sind die beiden typische Angehörige der Tuner-Szene. Zwischen 18 und 25 Jahre alt, Geringverdiener, ohne Ausbildung und feste Jobs.

Die beiden kannten sich nur flüchtig

Dafür aber eben im Besitz von Autos, und zwar von schnellen Autos, die sie leasten oder mit ihren Ersparnissen kauften. Marvin N. fuhr einen weißen Mercedes-Benz CLA, Hamdi H. einen weißen Audi A6 Quattro. Die beiden kannten sich nur flüchtig, als sie in jener Februarnacht am Kurfürstendamm zusammentrafen. Marvin N. war eigentlich mit einer Freundin unterwegs, die beiden waren in einem Steakhouse essen gewesen und danach in einer Shisha-Bar. An der Ampel stieg Hamdi H. sofort aufs Gas und raste los. Marvin N. sagte noch zu seiner Freundin: Warum fährt denn der wie ein Verrückter? Dann trat auch er das Gaspedal durch. Die beiden fuhren so schnell und dicht nebeneinander her, dass Zeugen, die damals unterwegs waren, dachten, es sei nur ein Auto.

Olesya K., 22, saß in jener Nacht auf dem Beifahrersitz von Marvin N. Damals war sie seine Freundin, heute ist sie Nebenklägerin, bei dem Unfall wurden ihre Lunge und ihr Rücken verletzt. Sie kann sich noch gut an die Fahrt erinnern. "Es fühlte sich an wie auf dem Rummel in der Achterbahn." Ob sie nicht mal zu N. gesagt habe, er solle langsamer fahren, will der Richter wissen. Nein, sie sei zu schockiert gewesen, sagt Olesya K. "Und dann kam ja schon der Schlag." Hamdi H. rammte an einer Baustelle erst den Jeep, der noch 70 Meter über die Straße geschleudert wurde, dann wurde sein Audi gegen den Mercedes von Marvin N. gedrückt. Das Nächste, was Olesyia K. weiß, ist, dass sie im Rettungswagen saß, und ein Sanitäter zu ihr sagte: Der andere ist tot. Da erst sei ihr klar geworden, dass bei dem Straßenrennen jemand ums Leben gekommen war.

Die beiden Angeklagten schweigen am ersten Verhandlungstag. Ihre Verteidiger verlesen stattdessen eine Erklärung, in der es heißt, dass N. und H. die Geschehnisse bedauern würden, man aber nicht von Mord sprechen könne. Denn dann sei ja jeder, der im Straßenverkehr einen Unfall verursache, ein potenzieller Mörder. Dem widerspricht der Vertreter der Nebenklage. So schnell mit dem Auto durch die Stadt zu fahren sei bereits ein Vorsatz. "Das waren fahrende Bomben."

Der Prozess wird kommende Woche fortgesetzt.

© SZ vom 09.09.2016/fie

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