Süddeutsche Zeitung

Kampf gegen illegale Autorennen:"Was gibt es Einfacheres, als sich über ein Auto zu definieren?"

Drei Raser haben einen Menschen getötet. Mal wieder. Obwohl die Polizei illegale Rennen längst bekämpft. In Köln gibt es sogar eine eigene Dienststelle. Über eine Szene, die sich jeder Rationalität entzieht.

Von Moritz Geier

Am vergangenen Samstag um etwa 13.15 Uhr schieben sich auf der A66 zwischen Wiesbaden und Frankfurt drei wuchtige Boliden durch den Mittagsverkehr. Zwei Lamborghini, ein Porsche, dröhnende Motoren wie in der Formel 1. Handyaufnahmen zeigen, wie die Autobahn zur Rennstrecke wird.

Am gleichen Tag gegen 21.30 Uhr springt 150 Kilometer weiter nordwestlich, im Kölner Stadtteil Neustadt-Nord, eine Ampel auf Grün um. Motoren heulen auf, Reifen drehen durch, zwei Fahrzeuge rasen los, so steht es später im Polizeibericht. Mercedes gegen Mercedes, einer hat 475 PS.

Die Kölner Raser werden in der Woche danach nicht mehr sein als eine Randnotiz in den Nachrichtenspalten, was vor allem daran liegt, dass sie keinen Menschen getötet haben. Hätte auch anders ausgehen können, als sie da über die Straße jagten, mitten in der Stadt. Als plötzlich ein langsames Auto auf dem rechten Fahrstreifen auftauchte und nur noch eine Vollbremsung verhindern konnte, was auf der A66 nicht mehr zu verhindern war.

Bei Tempo 200 hat einer der Fahrer zwischen Wiesbaden und Frankfurt die Kontrolle über seinen Lamborghini verloren, er krachte gegen die Mittelplanke und dann in einen Kleinwagen. Dessen Fahrerin verbrannte, als das Auto Feuer fing. Und so spricht das Land in der Woche danach über diesen Fall, über die Fahrer, gegen die nun wegen Mordes ermittelt wird. Über ihre kalte Bereitschaft, das Leben anderer dem Zufall auszuliefern. Über eine Rennszene, die sich jeder Rationalität zu entziehen scheint. Und über die Frage, was eine Gesellschaft dem Wahnsinn eigentlich noch entgegensetzen kann.

Verkehrspsychologen haben das hinlänglich analysiert

Anruf bei Jürgen Berg, 59, Polizeihauptkommissar in Köln. Seit eineinhalb Jahren leitet er dort den Einsatztrupp "Rennen", eine eigene Dienststelle und die erste ihrer Art in Nordrhein-Westfalen, die sich ausschließlich mit illegalen Autorennen befasst. Zivilfahnder aus seinem Team hatten sich am Samstag zum richtigen Zeitpunkt unauffällig an die beiden Mercedes gehängt, waren ihnen gefolgt, als das Rennen sich anbahnte. Nach der Vollbremsung stellten die Polizisten einen Raser, der andere entkam.

Berg kennt die Kölner Rennszene, ihre Treffpunkte, den Tanzbrunnen etwa, einen Abschnitt am Rheinufer. Von hier machen sie ihre Fahrten auf die breiteren Straßen Richtung Leverkusen, wo sie Gas geben können. Auf die Kölner Ringe, die um die Altstadt führen, wo die Menschen in Clubs und Bars feiern, viele draußen sitzen. "Wenn sie da ihren Auspuff laut knallen lassen oder mit durchdrehenden Reifen anfahren, dann haben sie genau das, was sie wollen", sagt Berg. "Ein Publikum und eine Bestätigung, was für tolle Kerle sie sind."

Verkehrspsychologen haben das hinlänglich analysiert, die Selbstwertproblematik, den Teufelskreis aus Risikobereitschaft, der Belohnung Aufmerksamkeit und gesteigertem Selbstwertgefühl. Dazu kommen andere Motive, der Rausch der Geschwindigkeit, der Reiz des Verbotenen und der Gefahr, deren sich die meisten voll bewusst sind. "Das sind junge Männer, die im Leben noch nichts erreicht haben, häufig noch zu Hause bei den Eltern wohnen und sich ihre einzige Bestätigung im Leben über ihr Auto holen", sagt Jürgen Berg über die Kölner Raser. "Was gibt es Einfacheres, als sich über ein Auto zu definieren?"

Überschneidungen mit dem Clan-Milieu

In der Zeit der Ausgangsbeschränkungen fiel den Zivilfahndern Erstaunliches auf: Die Bars waren zu, aber das Publikum kam nun selbst zum Tanzbrunnen, junge Damen aus der Partyszene, "hergerichtet, als würden sie auf eine Hochzeit gehen", sagt Berg. Wen sie dort suchen? Berg betet das Täterprofil der Kölner Rennszene runter: männlich, fahrunerfahren, 18 bis 25 Jahre alt, Deutsche mit türkischen und arabischen Wurzeln. Wie sich so eine Szene zusammensetzt, das unterscheidet sich von Ort zu Ort, Berg spricht nur für Köln. In Berlin etwa gibt es Überschneidungen mit dem Clan-Milieu, in anderen Städten mit der Rockerszene. Als im November 2019 in Bielefeld zwei Raser an einer Kreuzung ein Auto rammten, finden die eintreffenden Polizeibeamten in einem der Wagen den örtlichen Hells-Angels-Chef.

Einer, der Interessantes über das Rennmilieu erzählen könnte, ist Nico Klassen. Klassen war mal Teil der Rennszene im westfälischen Hamm, hat Ende der 90er-Jahre eigenen Aussagen zufolge selbst bei illegalen Rennen mitgemacht. Er will nur gegen eine Vergütung mit der SZ sprechen, deswegen kommt ein Gespräch nicht zustande. Der Welt erzählte er 2016 in einem Interview von der Blenderei der Leute, vom absurden Irrglauben, der beste Fahrer der Welt zu sein. Und er erzählte, warum er aus der Szene ausstieg, als sein Kumpel bei einem Rennen ums Leben kam, die Stelle geht einem nicht mehr so schnell aus dem Kopf: "Das Blut floss nur so über den Bürgersteig. Das war der Moment, an dem wir alle merkten: Was haben wir da für eine Scheiße gemacht? Können wir nicht die Zeit zurückdrehen und einfach auf einem Parkplatz 'ne Cola trinken."

Heute organisiert Klassen legale Rennen auf einem Flugplatz im Sauerland und einer Teststrecke nahe Aachen. Er fordert seit Jahren mehr solche Möglichkeiten in ganz Deutschland, legale Rennen, die den illegalen ähneln: Mann gegen Mann, Auto gegen Auto, eine abgesicherte gerade Strecke entlang. Von der Politik werde er ignoriert, dabei sei das die wirksamste Methode, illegale Rennen zu verhindern. Aber stimmt das auch?

Jürgen Berg hat dazu eine eindeutige Meinung. Aus seiner Szene, sagt er am Telefon, würde wohl niemand zu so einer Veranstaltung kommen. Fehlen ja alle Reize. Das Verbotene, das Risiko, die Mädels am Partyring.

Anfangs kam die Polizei im Passat. Keine gute Idee

Bergs Team macht vor allem zweierlei: Fahnder streifen meist am Wochenende durch die nächtliche Stadt, folgen möglichen Verdächtigen, so wie am vergangenen Samstag. Die Raser suchen Gleichgesinnte, suchen die zufällige Zusammenkunft an einer Ampel oder einem längeren Weg. "Dann gucken die sich an und nutzen den Platz, den sie vor sich haben, um sich zu messen", so erklärt Berg den Ablauf. Auch zu den Treffpunkten fahren die Fahnder, inkognito, in dicken Autos, BMW oder Audi, man will sich ja nicht lächerlich machen. Ganz am Anfang, sagt Berg, als die Truppe aufgebaut wurde, sei man mit einem einfachen Passat dahin gefahren. Keine gute Idee.

Die Hauptarbeit des Kölner Einsatztrupps aber sind die Kontrollen. Da winken die Polizisten sogenannte Poser raus, offensichtlich getunte Autos: dicke Reifen, Heckflügel, Tieferlegung. Wenn die Umbauten in den Fahrzeugpapieren eingetragen sind, dann ist alles okay. Legale Tuningszene. Wenn die Umbauten nicht eingetragen sind: Treffer. Womöglich ein Raser. Wenn der TÜV den Mängelverdacht bestätigt, können die Fahrer ihre Autozulassung verlieren, das Ziel der Kontrollen. "Damit treffen wir sie erheblich", sagt Berg. Denn Anzeige, Umbau und Wiederzulassung sind teuer. Das Auto sei oft das Statusobjekt der ganzen Familie, alles Geld werde da reingesteckt. Jedes Jahr stellt sein Trupp etwa 500 illegal getunte Autos sicher. Nahezu alle würden dadurch ihre Zulassung verlieren. Vorerst zumindest.

Kann das Gesetz noch nachhelfen? Seit wenigen Jahren sind illegale Rennen keine Ordnungswidrigkeit mehr, sondern eine Straftat. In Berlin wurden in einem Präzedenzfall Raser sogar erstmals wegen Mordes verurteilt. Die Abschreckung aber wirkt noch nicht: Mehr als 1200 illegale Autorennen hat die Berliner Polizei seit 2017 registriert. Auch in Köln hat sich nicht viel verändert, sagt Berg, knapp unter 100 angezeigte Rennen jedes Jahr. Deswegen glaubt er auch nicht, dass noch mehr strengere Regeln etwas bewirken können. "Mich hätte damals auch kein Urteil, kein Gesetz abgeschreckt", hat der Aussteiger Nico Klassen mal gesagt.

Die Arbeit der Polizei stößt also an Grenzen, genau am gleichen Punkt, an dem auch die Prävention an Kölner Schulen an Grenzen stößt. In "Crash"-Kursen sprechen da Notärzte und Hinterbliebene von Unfallopfern vor Schülern. Das wirkt. Aber nicht bei allen. Wie unbelehrbar die Szene ist, wie hart ihr beizukommen ist, zeigt vielleicht keine Geschichte besser als jene, die Jürgen Berg am Telefon erzählt.

2015, Köln, Nähe Tanzbrunnen. Ein Rennen, zwei Raser, einer verliert die Kontrolle, erfasst eine Studentin auf ihrem Fahrrad. Das Mädchen wird drei Tage später tot sein, aber der Unfallfahrer, sagt Berg, sitzt teilnahmslos in seinem Wagen. Was um ihn herum passiert, der Trubel, die Sanitäter, das scheint ihn gar nicht zu interessieren. Erst als Bergs Kollegen anfangen, die Unfallstelle mit Sprühkreide zu markieren, regt sich der Mann. Die Felgen dürften ja keine Sprühfarbe abbekommen.

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