Sie sind ein gewohntes Bild an den Stränden des Mittelmeers: die oft aus Afrika stammenden Menschen mit stapelweise Hüten auf dem Kopf, wehenden Tüchern über dem Arm und einem Dutzend Sonnenbrillen in der Hand. „Hello, my friend“, sagen sie, oder „guter Preis“.
Derzeit sind auch Fußballtrikots im Angebot. Mitunter werden Getränke oder Massagen feilgeboten. Die geneigte Käuferschaft, Millionen Strandurlauber, hat mittlerweile zwei Dinge verstanden: dass die angebliche Markenware nachgemacht ist. Und dass man den unter brütender Sonne arbeitenden Händlern mit Respekt begegnet, selbst wenn man gerade kein Handtuch und kein Trikot erwerben will.
Doch an einem der beliebtesten Urlaubsorte des Mittelmeers soll nun Schluss sein mit „Hello, my friend“. Das Rathaus von Sant Josep de sa Talaia im Süden von Ibiza verbietet von kommendem Samstag an den unautorisierten Warenverkauf auf dem Gemeindegebiet – so auch an populären Stränden wie der Playa von Ses Salines. Nicht nur sollen die dortigen Händler sanktioniert werden, sondern auch die Käufer. 150 Euro Strafe können fällig werden, wenn zum Beispiel eine Sonnenbrille den Besitzer wechselt. Massagen können noch teurer kommen.
Dabei geht es den Behörden nach eigenem Bekunden nicht darum, die einzelnen Händler zu bestrafen. Das Verbot sei vielmehr eine Kampfansage an die kriminellen Netzwerke hinter dem lukrativen Geschäft mit Strandwaren.

Auf dem anderthalb Kilometer langen Sandstreifen der Playa von Ses Salines seien permanent um die 20 Händler unterwegs, hat die Zeitung Diario de Ibiza beobachtet. Der fliegende Einzelhandel sei professionell organisiert, so werden die Verkäufer aus versteckten Lagern in Strandnähe fortwährend mit neuer Ware versorgt. Doch ein offenes Geheimnis ist auch: Den größten Profit heimsen erstens die in Fernost ansässigen Hersteller gefälschter Markenware ein und zweitens Hintermänner der Strandverkäufer, kriminelle Banden, die letztlich von beiden kassieren, vom Urlauber und vom Strandverkäufer.
Eine Massage am Strand wird sogar mit 500 Euro Bußgeld geahndet
Das will die Gemeindeverwaltung von Sant Josep mit ihrer neuen „Verordnung zum bürgerlichen Zusammenleben“ unterbinden. Diese gesteht allen Menschen „das Recht auf freie Bewegung, Freizeit und Begegnung unter Achtung der Würde anderer“ zu. Touristen seien jedoch zugleich verpflichtet, Respekt gegenüber anderen Personen, Institutionen und Bräuchen zu wahren. So können diskriminierende, rassistische, sexistische oder homophobe Handlungen mit bis zu 3000 Euro bestraft werden.
Ähnliches gilt für Alkoholkonsum im öffentlichen Raum, das Beschmieren von Wänden oder das Baden in öffentlichen Brunnen. Artikel 49 der Verordnung regelt, etwas versteckt, den Kauf von Waren von nicht autorisierten Händlern und die entsprechende Strafe für eine „leichte Ordnungswidrigkeit“ von 150 Euro. Gemäß Artikel 53 werden für unlizenzierte Massagen sogar 500 Euro fällig.
Das ethische Dilemma liegt auf der Hand: Verbessert man das Leben der Menschen, die vermutlich mit viel (enttäuschter) Hoffnung aus ihrer Heimat gekommen sind, indem man ihnen an den Stränden Europas auch noch die letzte Lebensgrundlage entzieht? Oder ist es moralisch geboten, der an moderne Sklaverei grenzenden Ausbeutung von Migranten den Kampf anzusagen?

