Hurrikan "Irma" in Florida Mit 170 Kilometern pro Stunde über die Keys

Das Auge von "Irma" über der Inselgruppe vor Florida: Bild der National Oceanic and Atmospheric Administration

(Foto: AFP)
  • Hurrikan "Irma" erreicht die Florida Keys, eine Inselkette vor Florida. Die Böen werden stärker, das Wasser steigt.
  • Das US-Hurrikanzentrum warnt vor einer Sturmflut mit bis zu 4,5 Meter hohen Wellen.
  • Der Wirbelsturm wurde auf Hurrikan-Stufe 4 hochgestuft. Die höchste Kategorie ist 5.
  • Weil "Irma" anders über Florida zieht als vorhergesagt, werden die Vorbereitungen an der Westküste zum Wettlauf mit der Zeit.
Von Johanna Bruckner, New York

Die Worte von Floridas Gouverneur Rick Scott sind deutlich: "Lebensbedrohliche Sturmflut erreicht die Keys", twittert er. Die Keys sind rund 200 Koralleninseln, die Florida vorgelagert sind. Der nationale Wetterdienst meldet Windböen von mehr als 170 Kilometer pro Stunde. Es werde der stärkste Hurrikan seit 1960, der auf die Keys treffe, sagen Meteorologen.

US-Medien bezeichnen "Irma" als "Monster-Sturm", der Zerstörungen hinterlassen könnte, wie sie seit Generationen nicht beobachtet wurden. Er hat einen Durchmesser von 700 Kilometern, allein das Auge ist so groß wie Berlin. Experten befürchten, dass die Keys nicht mehr dieselben sein werden, wenn "Irma" sie überflogen hat. Manche Inseln könnten demzufolge von den Sturmfluten verschluckt werden. Windböen von bis zu 200 Kilometer pro Stunde könnten von Natur und Häusern nicht viel übrig lassen. Gouverneur Scott hatte gewarnt, "Irma" werde schlimmer sein als Hurrikan "Andrew", bei dem 1992 insgesamt 65 Menschen ums Leben gekommen waren. Ob diese Befürchtungen zutreffen, ist zur Stunde noch nicht absehbar.

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"Fünf Tage lang sagen sie uns, dass er an der Ostküste sein wird"

Während aus den ersten Städten im Süden schon starker Regen und Stromausfälle gemeldet werden, nutzen die Behörden und Einwohner einige hundert Kilometer nordwestlich die letzten Stunden vor Ankunft des Sturms, um sich auf "Irma" vorzubereiten. Die Städte Naples, Fort Myers, St. Petersburg und Tampa wurden kurzfristig in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Denn der Hurrikane hat eine andere Bahn als gedacht: Statt mit voller Wucht auf Miami zu treffen, sind nun die Städte an der Westküste von Florida in größter Gefahr.

Randall Henderson, der Bürgermeister von Fort Meyers, spricht von einem Worst-Case-Szenario für seine Stadt. Die Gegend mit ihren drei Millionen Einwohnern wurde seit fast einem Jahrhundert nicht mehr direkt von einem großen Hurrikan getroffen. In St. Petersburg hatten am Samstag nur wenige ihre Fensterfronten verbarrikadiert. "Fünf Tage lang sagen sie uns, dass er an der Ostküste sein wird, und jetzt, 24 Stunden, bevor er uns trifft, wird uns gesagt, er kommt die Westküste rauf", sagt der 52-jährige Anwohner Jeff Beerbohm. Er ist verärgert über die Prognosen.

Bis zur letzten Minute werden Schulen und andere befestigte Gebäude in Notunterkünfte umgewandelt. Die Washington Post berichtet von überfüllten Einrichtungen, teilweise fahren die Menschen in die nächste Stadt, um dort Unterschlupf zu finden. Die 68-jährige Betty Sellers aus Naples steht vor einer Notunterkunft im eine halbe Autostunde entfernten Estero an - in der Hoffnung, dort unterzukommen. Sie stützt sich auf einen Gehstock, an ihrer Seite ist ihr Sohn. Ob sie wirklich reinkommen, wissen sie nicht. Vor ihnen sind noch etwa hundert Menschen. Es ist nur eine von unzähligen Geschichten des Hoffens und Bangens in diesen Tagen.

Es gibt aber auch Leute, die den "Sunshine State" auf keinen Fall verlassen wollten: Adam Gersten aus Miami etwa, der Inhaber einer Bar ein paar Blocks von Downtown entfernt, will nach dem Hurrikan so schnell wie möglich wieder eröffnen. Er hat seine Tochter und seine Mutter nach Portland in den Nordwesten des Landes geschickt, genug Lebensmittel besorgt, dazu zwei Generatoren und 70 Gallonen Benzin, mehr als 260 Liter. Für wie lange das reicht? Könne er nicht genau sagen, erzählte Gersten dem TV-Sender CNN. "Aber ich bin ziemlich hoffnungsvoll, dass es das Bier kalt halten wird."

Insgesamt waren in Florida 6,3 Millionen Menschen zum Verlassen ihrer Häuser aufgerufen - fast ein Drittel der Bevölkerung. Miami Beach mit seinen normalerweise 100 000 Einwohnern gleicht zuletzt einer "Geisterstadt", sagt Bürgermeister Phil Levine. Floridas Gouverneur Rick Scott mahnt evakuierte Küstenbewohner schon jetzt zu Geduld. Sie sollten nicht sofort in ihre Heimat zurückkehren, wenn "Irma" vorbeigezogen sei, so Scott. Es sei wichtig auf die Genehmigung der Behörden vor Ort zu warten, weil das Ausmaß der Schäden vermutlich sehr groß sein werde.

Das US-Militär hat in Erwartung des Hurrikans Tausende Soldaten mobilisiert. Dem Verteidigungsministerium zufolge sind insgesamt fast 14 000 Angehörige der Nationalgarde in Alarmbereitschaft. Damit sollen Such- und Rettungsmissionen sowie Evakuierungen unterstützt werden. Mehrere große Marineschiffe bereiten sich außerdem auf Hilfseinsätze vor.

Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 256 Stundenkilometern war "Irma" zuvor über Kuba hinweggefegt. Der Hurrikan verursachte dort Überschwemmungen, schwere Schäden und Stromausfälle. Angaben über Opfer lagen vorerst noch nicht vor. In der Karibik sind mindestens 25 Menschen gestorben.

Notfallnummern für deutsche Urlauber

Das Auswärtige Amt in Berlin hat wegen "Irma" Notfallnummern für Betroffene eingerichtet. Für Anrufer aus Deutschland ist die Berliner Telefonnummer (030) 500 030 00 geschaltet. Für Anrufer aus den USA ist die deutsche Botschaft in Washington unter +1 (202) 2984 000 zu erreichen.

Die Bundesregierung stehe in engem Kontakt mit den US-Behörden und habe vor Ort ihre Krisenkapazitäten hochgefahren, erklärte das Auswärtige Amt. An der Botschaft in der Hauptstadt Washington sei ein Krisenstab eingerichtet worden, in Atlanta gebe es einen regionalen Krisenstab. Am Sonntagnachmittag werde der Krisenstab in Berlin tagen.

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