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Hunderte Tote nach Hauseinsturz in Bangladesch:Gewaltsame Proteste erreichen die Hauptstadt

Bangladesch Haus eingestürzt

200 Überlebende wurden unter den Trümmern des eingestürzten Hauses in Savar geortet. Wie viele Menschen sich noch in tieferen Etagen befinden, ist unklar.

(Foto: dpa)

45 Menschen sind in der Nacht aus einem eingestürzten Gebäude in Bangladesch gerettet worden. Weitere 200 Überlebende wurden geortet, konnten aber noch nicht befreit werden. Ein Hoffnungsschimmer für die Rettungskräfte, doch auch die Zahl der Toten steigt stetig weiter. In der Hauptstadt Dhaka haben Textilfabriken wegen gewalttätiger Proteste Tausender Arbeiter die Produktion eingestellt.

Zwei Tage nach dem Einsturz eines Gebäudes in Bangladesch sind erneut 45 Überlebende aus den Trümmern gerettet worden. Allein in einem Raum im vierten Stock seien in der Nacht 41 Menschen gefunden worden, sagte der nationale Feuerwehrchef der Nachrichtenagentur AFP. An anderen Stellen seien 200 weitere Überlebende in den Trümmern geortet worden. Es sei jedoch teilweise sehr schwierig, sie zu befreien.

Die Rettung der Überlebenden gibt Hoffnung, doch Behördenangaben zufolge wurden auch bereits mehr als 290 Tote geborgen - und die Zahl der Todesopfer steigt stetig weiter. Zur Zeit des Einsturzes befanden sich bis zu 2000 Menschen im Rana Plaza, einem Gewerbegebäude in Savar nahe der Hauptstadt Dhaka, in dem sich örtlichen Medien zufolge fünf Textilfabriken, ein Einkaufszentrum, sowie eine Bankfiliale befanden.

Hunderte weitere Arbeiter, Kunden und Passanten könnten noch unter den Trümmern verschüttet sein - zumal die Helfer bisher noch nicht in die untersten Etagen des achtstöckigen Gebäudes vorgedrungen sind. Brigadegeneral Mohammad Siddiqul Alam Sikder, der die Rettungsoperation leitet, sagte, die Behörden befürchteten bis zu 1600 Verschüttete.

Schwierige Rettungsaktion

Die Rettungsarbeiten an der Unglücksstelle liefen die ganze Nacht hindurch. Neben vielen Freiwilligen befinden sich Hunderte Feuerwehrleute und Soldaten vor Ort. Die Rettungskräfte setzen bei der Bergung schweres Gerät ein, soweit das in dem eng bebauten Gebiet möglich ist.

"Wir bohren Löcher durch die Decken und gehen hinein", sagt Brigadegeneral Alam Sikder. Die Rettungskräfte müssten aber extrem aufpassen, da jederzeit weitere Teile der kreuz und quer liegenden Betonplatten herunterbrechen können. Bilder zeigen die dramatischen Rettungsversuche: Hunderte versuchen, den Schutt mit den bloßen Händen wegzuräumen, über Stoffbahnen der Textilfabrik lassen sich die Überlebenden aus den oberen Stockwerken herunter. Die Helfer reichen den Menschen, die noch in den Trümmern festsitzen, durch Risse und Spalten Wasser. Auch versuchen sie, Luft in die Hohlräume unter dem Trümmerberg zu blasen.

Der Donnerstag ist von der Regierung zum offizieller Trauertag erklärt worden, die Fahnen hängen an den Regierungsgebäuden auf halbmast. In Moscheen und Tempeln beteten die Menschen für die Opfer. Die Regierung versprach, sofort jeder Familie eines Toten umgerechnet etwa 200 Euro zukommenzulassen, die Familien von Verletzten sollen etwa 30 Euro erhalten.

Proteste für bessere Arbeitsbedingungen

Trotzdem hat der Einsturz zu Protesten Tausender Textilarbeiterinnen gegen die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen geführt. Die wütenden Arbeiter fordern, die Verantwortlichen der Tragödie zur Rechenschaft zu ziehen. "Verhaftet sie! Hängt sie!", schrien sie. Tausende zogen durch Savar, wo das Gebäude stand, und Ashulia, wo im November bei einem Fabrikbrand 112 Menschen ums Leben kamen. Sie blockierten große Straßen und zerstörten nach Polizeiangaben mehrere Fahrzeuge. Die Polizei schoss Tränengas und scharfe Munition auf die Demonstranten, als diese zur Unglücksstelle vordringen wollten.

Bangladesch

Mehr als hundert Tote bei Gebäudeeinsturz

In der Hauptstadt Dhaka schlossen zahlreiche Textilfabriken ihre Produktion wegen der gewalttätigen Proteste Tausender Arbeiter. Viele Besitzer hätten ihre Fabriken am Freitag geschlossen, nachdem die Textilarbeiter in einige Unternehmen eingedrungen seien, sagte Atiqul Islam, Präsident des Verbandes der Textilproduzenten und -exporteure in Bangladesch.

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass das Gebäude Rana Plaza Risse hatte. Überlebende berichteten, sie seien dennoch zur Arbeit gezwungen worden. Bangladeschs Innenminister Muhiuddin Khan sagte, das Gebäude sei illegal errichtet worden. Die Ermittlungen seien bereits angelaufen. Nach Informationen des Online-Nachrichtenportals bdnews24 wurden am späten Mittwochabend zwei Klagen gegen den Besitzer des Gebäudes und die Betreiber der Textilfabriken eingereicht. Beim Bau des achtstöckigen Gebäudes sollen demnach Fehler gemacht und minderwertiges Material verwendet worden sein.

© Süddeutsche.de/dpa/AFP/webe/feko/bavo
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