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Zauberkunst:Geteilte Freude

Vandredi Magic Revue (Poster), 1923. Artist: Anonymous

Die Nummer mit der "zersägten Jungfrau" machte nach ihrer ersten Aufführung im Jahr 1921 weltweit Karriere. Hier ein Plakat des deutschen Magiers Vandredi aus dem Jahr 1923.

(Foto: Fine Art Images/picture alliance / Heritage Images)

Vor genau 100 Jahren wurde in einem Londoner Theater erstmals der Trick mit der "zersägten Jungfrau" gezeigt. Es dauerte lange, bis auch mal ein Mann zerteilt wurde. Über den Klassiker der Zauberkunst und seine erstaunliche Geschichte.

Von Martin Zips

Bei dieser Annonce, die im Jahr 1984 in der Süddeutschen Zeitung erschien, dreht sich dem modernen Feministen natürlich der Magen um: "Junger Magier sucht Jungfrau zum Zersägen für Kreuzfahrt. Gage DM 2000." Nun, keine Ahnung, ob die Suche damals erfolgreich war. Sicher ist, dass hauptberufliche Zauberkünstler die Nummer mit der "zersägten Jungfrau" in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich zehntausendfach aufgeführt haben. Nicht nur auf Kreuzfahrtschiffen.

An diesem Wochenende feiert der britische "Magic Circle", ein Zusammenschluss von Illusionisten, den 100. Geburtstag der Attraktion. Erstmals wurde sie am 17. Januar 1921 von dem Zauberer P.T. Selbit im Theater "Finsbury Park Empire" in London öffentlich gezeigt.

Betty Barker (im Bild) war die erste Frau, die sich öffentlich zersägen ließ. Der britische Illusionist P.T. Selbit zeigte den Trick mit seiner Assistentin erstmals am 17. Januar 1921.

(Foto: Alma Collection/State Libory of Victoria)

Über Selbit weiß man eine Menge. Zum Beispiel, dass er eigentlich Percy Thomas Tibbles hieß, gelernter Silberschmied war und als Erster den bereits vom französischen Magier Jean Robert-Houdin im Jahr 1858 beschriebenen Trick auf die Bühne brachte. Die Frau, die Selbit gefesselt in die von ihm präparierte Holzkiste bat, trug den Namen Betty Barker und war seine Assistentin. Mehr ist über sie, eine wahre Pionierin der modernen Zauberkunst, nicht bekannt.

Der amerikanische Illusionist und Autor Jim Steinmeyer schrieb einmal, das Klischee "von hübschen Damen, die von Magiern gehänselt und gefoltert wurden", sei bereits vor Selbits Trick alles andere als ein Klischee gewesen. Insofern habe es sich bei "Sawing a woman in half" um eine konsequente Weiterführung dieses Themas gehandelt. So verwundert es auch kaum, dass während des Livestreams, den der britische Zauberverband zum runden Geburtstag der Nummer plant, neben weltbekannten Illusionisten wie David Copperfield auch die Gleichstellungsbeauftragte des "Magic Circle" zu Wort kommen soll.

In Deutschland brauchte es 90 Jahre, bis sich erstmals eine Solokünstlerin an die Zersägung eines Mannes wagte. Die Bochumer Magierin Amila war es, die im Jahr 2011 damit Geschichte schrieb. "Ich habe einen hauptberuflichen Tänzer dafür genommen", erzählt die gelernte Schreinerin. "Tänzer sind am wendigsten und präsentieren mich als Star der Show sehr gut."

Amila war nach eigenen Angaben die erste deutsche Solo-Zauberkünstlerin, die in ihrer Show einen Mann zersägte. Das war im Jahr 2011.

(Foto: Privat)

Man kann die Geschichte natürlich auch so sehen: Unter den Zwängen der viktorianischen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts leidend, wäre es einer in unbequeme Kleider gehüllten Frau noch völlig unmöglich gewesen, sich in Selbits Nummer - in eine Holzkiste gezwängt - galant um eine Handsäge herumzuwinden. Betty Barker aber trug, das zeigen Bilder aus dem Jahr 1921, eine Art sehr modernen, sportlichen Morgenmantel. Das faszinierte das von alten Hütchenspielertricks und Hasen im Zylinder gelangweilte britische Varieté-Publikum.

Somit stand Barker für ein völlig anderes Frauenbild als das, welches die britische Suffragette Christabel Pankhurst verkörperte. Diese hatte Selbit auch einmal frech zu sich in die Show geladen, "um sie zu zersägen". Das höhnische Lachen des männlichen Publikums war dem Magier damit gewiss. Doch Pankhurst lehnte dankend ab.

Dame Christabel Pankhurst 1880 1958 daughter of Emmeline Pankhurst and militant suffragette Loca

Sie wollte sich auf der Bühne nicht veralbern lassen: Die militante britische Suffragette Christabel Pankhurst (1880 - 1958).

(Foto: imago/United Archives)

So oder so war, wie ein Blick in das von Michael Sondermeyer sorgsam gehütete Archiv der deutschen "Stiftung Zauberkunst" in Nottuln beweist, der Erfolg der Nummer so groß, dass sie in Windeseile weltweit Karriere machte. Nur wenige Wochen nach Selbits Premiere perfektionierte der Amerikaner Horace Goldin die Nummer und ließ sie sich unter verschiedenen Bezeichnungen schützen.

Eine Schmach für Selbit, dem bereits sein Kollege Harry Houdini den Trick "Wie ein Mensch durch eine Mauer geht" geklaut hatte (den der Brite im Gegensatz zum großen Houdini übrigens ebenfalls mit einer Frau aufführte). Verzweifelt mühte sich Selbit, seine Urheberschaft beider Nummern juristisch zu beweisen. Ohne Erfolg. Eine Schmach, die er später unter anderem durch die vertikale Teilung von Frauen auf der Bühne wettzumachen versuchte.

Goldin hingegen ließ publikumswirksam einen Krankenwagen vor jenen Theatern parken, in denen er "Die zersägte Jungfrau" weiter horizontal aufführte. Mit dem Schild: "Für den Fall, dass die Säge ausrutscht!" Seine Patentiersucht hatte auch einen Nachteil: Erst verriet eine Tabakfirma, die sich Geheimunterlagen beschafft hatte, den Trick in einer Zeitungsanzeige. Wenig später tauchten Zeichnungen in der Berliner B.Z. am Mittag auf. Um seine Nummer noch spektakulärer zu machen, setzte Goldin von 1931 an eine elektrische Kreissäge zur Zerteilung ein und erklärte, wenn es mit dem Geheimnisverrat so weitergehe, werde er in seiner Show künftig "Türken mit dem Elektrobohrer" durchstechen.

Der amerikanische Zauberer Horace Goldin perfektionierte die Nummer durch den Einsatz einer riesigen Kreissäge.

(Foto: Milbourne Christopher/Wiki Commons)

Heute, so meint der Berliner Zauberartikelhändler Tesmar Stegmaier, spiele die Nummer, die von 1926 an auch auf dem Münchner Oktoberfest präsentiert wurde, kaum noch eine Rolle, "da große Showproduktionen und Revues immer seltener gefragt sind". Statt der angestaubten Sägenummer mit wahlweise zwei Personen in einer teilbaren Kiste, einer besonders biegsamen Person in nur einer Kiste oder einem Kreissäge-Tisch mit Hohlraum, sind mittlerweile andere Varianten gefragt: In der Version von Steve Fearson etwa werde ein stehender Mann mit einem Laserstrahl so bearbeitet, dass sein Oberkörper schließlich neben seine Beine fällt.

Was Selbit mit der Frauenrechtlerin Pankhurst nicht gelang, das gelang dem Schauspieler und Hobbymagier Orson Welles übrigens mit Marlene Dietrich. Als er die Filmdiva einmal bat, sich von ihm auf offener Bühne zersägen zu lassen, sagte sie sofort zu. Für Dietrich als selbstbewusste Frau überhaupt kein Problem.

Für weitaus mehr Entsetzen allerdings sorgte eine Fernsehübertragung der BBC im Jahr 1956. Als die Sendezeit vorbei war, verabschiedete sich der Moderator ohne ein einziges Lebenszeichen der zuvor Zersägten. Unzählige Zuschauer meinten deshalb, Zeugen eines infamen Mordes geworden zu sein.

© SZ/nas
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