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Hund im Kinderwagen:Gassi fahren

Animal Lovers Converge On Pet Fair

Sitzen statt laufen: Dass Hundewagen immer beliebter werden, ist auch eine Folge der Überzüchtung.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Der Verkauf von Hunde-Buggys boomt. Für alte Tiere sind solche Gefährte eine große Hilfe, für Kritiker ist der Trend ein Zeichen der Vermenschlichung.

Von Titus Arnu

Der "Crea Wagon" ist der Mercedes unter den Buggys. Er verfügt über schwenkbare Vorderräder, Schutzdach und Feststellbremse, eine absenkbare Rampe erleichtert das Einsteigen. Das Gefährt der Marke Piccolo Cane kostet 695 Euro. Es sieht exakt so aus wie ein Luxus-Kinderwagen - ist aber ein Hunde-Buggy. Die zulässige Zuladung von 90 Kilo ermöglicht den Transport eines Bernhardiners oder, grob umgerechnet, von 45 Chihuahuas.

Hundehalter, die ihre Lieblinge in speziellen Wauwau-Wägelchen durch die Stadt schieben, sieht man immer öfter. Der Verkauf der Buggys boomt. "Der Markt wächst seit Jahren", sagt Birgit Damaschke, Inhaberin des Deutschland-Vertriebs der Firma Innopet, die neben der Eigenmarke noch Hundewagen von zwei anderen Herstellern vertreibt. Aus Taiwan kommt die Meldung, dass die Zahl der Hunde erstmals die Zahl der Kinder unter 15 Jahren übertrifft. Dementsprechend seien Hundewagen auf den Straßen Taipehs häufiger zu sehen als Kinderwagen. Selbst tolerante Tierfreunde fragen sich, was schiefgelaufen ist, wenn Hunde nicht mehr Gassi gehen, sondern Gassi gefahren werden.

"Der Hund ist ein Teil des Menschen", schrieb Alfred Brehm. Da ist viel Wahres dran. In den Jahrtausenden der Domestizierung haben Hunde und Menschen sich einander angenähert, meistens hatten beide etwas davon. Hunde halfen bei der Jagd, trieben Viehherden zusammen und bewachten Bauernhöfe. Menschen gaben ihnen dafür Fressen und ein warmes Zuhause. Aber tut man einem Wolfs-Nachfahren etwas Gutes, wenn man ihm eine Geburtstagstorte backt, Stoppersocken anzieht, Plüschtiere schenkt und im Buggy durch die Gegend schiebt - ihn also wie ein Kleinkind behandelt?

Sich beschnüffeln, anwedeln, anknurren, das Revier markieren: Im Buggy geht das nicht so gut.

(Foto: imago stock&people/imago stock&people)

"Hunde sind mit vier Beinen geboren worden, die bis zum Boden reichen", sagt die Hundetrainerin Petra Köhler, "und diese sollen sie auch benutzen dürfen." In ihrem Trainingszentrum in Sulzbach bringt sie Frauchen und Herrchen den artgerechten, sozialverträglichen Umgang mit Hunden bei. Wenn Menschen ihre Hunde in vermeintlich bedrohlichen Situationen auf den Arm nehmen und in einen Buggy setzen, etwa wenn ein größerer Hund auf sie zukommt, sei das meistens ungünstig, sagt sie: "Auf diese Weise nimmt man dem Hund jede Chance, sich artgerecht zu verhalten." Hunde wollen sich beschnüffeln, anwedeln, anknurren, ihr Revier markieren. Im Buggy geht das schlecht.

"Viele Leute wollen ihren Hund eben immer dabeihaben, auch wenn es sich um einen Welpen oder um ein altes oder krankes Tier handelt - und das ist mit einem Buggy möglich", so sieht es dagegen naturgemäß Birgit Damaschke von Innopet. Die Motivationen, vierbeinige Gefährten in vierrädrige Gefährte zu verfrachten, sind recht unterschiedlich. Die einen wollen den Mops zu einem Stadturlaub nach Rom mitnehmen und muten ihm keine langen Spaziergänge auf heißem Pflaster zu, andere wollen dem altersschwachen Labrador noch einmal eine Freude machen und schieben ihn zum Badesee, weil ihm der Weg dorthin aus eigener Kraft zu schwerfällt.

Für 40 Euro bekommt man Plastikschrott, für 800 Euro den Hunde-SUV

Dass Hundewagen immer beliebter werden, ist auch eine Folge der Überzüchtung. Kurzschnauzige und stummelbeinige Moderassen wie Mops, Pekinese und Französische Bulldogge entsprechen optisch dem Kindchenschema, oft leiden sie unter Kurzatmigkeit, Herz-Kreislauf-Problemen und Übergewicht. Da die Halterinnen und Halter solcher Hündinnen und Hunde ihre unfitten Tierchen trotzdem gerne auf Shoppingtouren, Wanderungen und in den Urlaub mitnehmen, muss ein passendes Gefährt her. Es gibt geländetaugliche Outdoor-Modelle, klappbare Karren, die in den Kofferraum von Kleinwagen passen und Fahrradanhänger für Hunde. Für 40 Euro bekommt man Plastikschrott, der am nächsten Bordstein zerschellt, für 800 Euro den Hunde-SUV mit Vollfederung.

Gut oder nur gut gemeint? Für Hundetrainer ist das Tier im Kinderwagen ein sicheres Zeichen einer nicht artgerechten Behandlung.

(Foto: BENJAMIN CREMEL/AFP)

Nicht alles in diesem erstaunlichen Segment der Haustierindustrie ist ein Symptom der Vermenschlichung. Mobilität im Seniorenstadium ist auch bei Hunden ein Thema. Durch hochwertige Ernährung und gute medizinische Versorgung werden die Tiere statistisch gesehen immer älter. Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes und Hüftschäden sind die Folge. Für Hunde-Opas mit Arthritis sei es sicher hilfreich, ab und zu Buggys zu benutzen, sagt Hundetrainerin Petra Köhler, "es ist aber aus meiner Sicht nicht in Ordnung, junge und gesunde Hunde nur aus Vorsicht in den Wagen zu setzen." Denn das entspreche nicht ihrer Natur.

In den USA sind Hunde-Hochzeitsfeiern populär

"Wir machen unsere Haustiere zu Opfern", schreibt der Berliner Tierpathologe Achim Gruber in seinem Buch "Das Kuscheltier-Drama": "Sie werden so vermenschlicht, dass wir ihnen ihre Natur nehmen." Diese Haltung führt zu immer absurderen Erscheinungen: In den USA sind Hunde-Hochzeitsfeiern populär, bei denen die Tiere in Brautkleider und Smokings gesteckt werden. In Deutschland gibt es rund zehn Millionen Haushalte mit einem oder mehreren Hunden - eine kaufwillige Zielgruppe, für die der Fachhandel auch Quatsch-Produkte wie alkoholfreies Hundebier, Hundebikinis und Hunde-Popcorn mit Schinkenaroma bereithält. Ein Buggy für das "Fellbaby", wie manche Halter ihre Lieblinge nennen, erscheint dagegen harmlos.

Ist er aber nicht unbedingt, findet Hundetrainerin Köhler: "Wenn ein gesunder Hund in einen Wagen gesteckt wird, läuft fast alles falsch, weil er sich nicht hundegerecht verhalten kann." Aus psychologischer Sicht stellt sich die Frage, ob man eine Kinder- oder Partnerrolle auf das Tier projiziert, der es niemals gerecht werden kann. Wenn Menschen ihren vierbeinigen Schatz in Mäntelchen zwängen, ihm Schühchen anziehen und ihn im Wägelchen durch die Gegend schieben, mag das als nett gemeinte Ersatzhandlung interpretierbar sein. Doch der Hund leide ziemlich sicher unter so einer Behandlung, glaubt Petra Köhler: "Dem Tier schadet das in den meisten Fällen mehr, als es nutzt."

© SZ/min
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