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Corona-Trend:Ich wollt', ich hätt' ein Huhn!

Garten

Hühner im Garten? Warum nicht, da sind die Eier wenigstens garantiert regional und bio.

(Foto: Lukas Barth)

Durch die Corona-Krise ist die Nachfrage nach jungen Legehennen geradezu explodiert. Früher Fleisch- und Eierlieferanten, verkörpern sie heute ein Lebensgefühl, das ähnlich schwer zu fassen ist wie flüchtendes Federvieh.

Babyalarm bei Judith Rakers! Henne "Schatzi" und Hahn "Giovanni" haben vier Küken bekommen. Und die "Tagesschau"-Sprecherin lässt die Öffentlichkeit teilhaben am Geflügel-Glück: "Ich hätte nie gedacht, dass ich Hühner einmal so toll finden würde", schreibt sie auf Instagram, "ich fand sie eigentlich immer etwas zu hektisch und auch nicht besonders niedlich." Seit einigen Wochen aber versorgt die Fernsehmoderatorin ihre Fans regelmäßig mit Chicken-Content: Was sie füttert (Möhre, Ei, Brennnessel und Löwenzahn), wie flauschig die Küken sind (sehr), wer Namenspatron für den Gockel war (Moderatorenkollege Giovanni di Lorenzo).

Wenn Rakers Livevideos aus dem Stall sendet, schauen bis zu 100 000 Fans zu. Aber nicht nur bei ihr, sondern generell: Hühnerliebe scheint anzustecken. Ohnehin seit einigen Jahren im Trend, ist die Nachfrage nach jungen Legehennen durch die Corona-Krise geradezu explodiert. Preise für Geflügel steigen, besonders beliebte Rassen sind oft ausverkauft. Wer einen vorgefertigten Stall kaufen will, muss sich auf monatelange Lieferzeiten einstellen.

"Der Lockdown hat offenbar dazu geführt, dass viele Leute ihren latenten Wunsch, Hühner zu halten, endlich in die Tat umgesetzt haben", sagt Michael von Lüttwitz, langjähriger Rassegeflügelzüchter und Autor des Ratgebers "Hühner halten". Die Pandemie sei aber nicht der einzige Faktor, sagt Christoph Günzel, Präsident des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter. Hinzu kämen Lebensmittelskandale, Vogelgrippe und die steigende Nachfrage nach regionalen Bio-Lebensmitteln. "Das Ei aus dem eigenen Garten ist aktuell sehr gefragt", sagt Günzel, "private Hühnerhaltung ist eben garantiert regional und öko." Doch Hühner werden heutzutage nicht mehr nur als Fleisch- und Eierlieferanten angesehen, sie verkörpern ein Lebensgefühl, das ähnlich schwer zu fassen ist wie flüchtendes Federvieh.

Hähne wecken einen früh morgens mit ihrem Kikeriki, was nicht jeder Nachbar begrüßt. Hühner wecken aber auch Erinnerungen - an Hühner haltende Großeltern, Urlaube auf dem Land und auf Bauernhöfen. "Meine 94-jährige Mutter sitzt jeden Tag vor dem Hühnerstall, wie vor einem Fernseher", sagt Peter Steinberg, der im Münchner Vorort Oberhaching einen bunten Haufen unterschiedlicher Legehennen hält. Die Hühner im Garten geben Steinbergs Mutter Geborgenheit und eine leichte Aufgabe.

Hühner brauchen nur etwas Auslauf, einen Platz zum Scharren und einen sicheren Stall. Zur Not funktioniere das sogar auf dem Balkon, mit kleinen Rassen wie Zwerg-Seidenhühnern, sagt Züchter von Lüttwitz. Die Pflichten eines Hühnerhalters sind simpel, aber müssen täglich erledigt werden: füttern, Wasser geben, Stall sauber halten, darauf achten, dass die Tiere gesund sind und nicht von Habichten, Füchsen und Mardern massakriert werden. Futterautomaten, per Zeitschaltuhr gesteuerte Stalltüren und anderes Zubehör können die Versorgung erleichtern.

Je nach Rasse kostet ein geimpftes und entwurmtes Junghuhn zwölf bis 15 Euro, seltene Rassen auch mal mehrere Hundert Euro. Bei Anfängern beliebt sind robuste Rassen wie Araucana, Vorwerk und Barnevelder, oder alte Rassen wie Sulmtaler und Altsteirer. Strupphühner, Seidenhühner und Druffler Hauben werden vor allem wegen ihres schicken Federkleids gehalten und seien besonders bei Frauen beliebt, sagt Michael von Lüttwitz. Wichtig sei generell, mindestens drei Hennen zu nehmen, rät Lüttwitz, sonst fühlen sich die Tiere nicht wohl.

Zum Ausprobieren gibt es auch Miethühner. Für wenig Geld können sich Kindergärten, Altenheime oder Privatleute eine kleine Hühnergruppe in den Garten holen. Bei "Miethuhn Nordhessen" gibt es zum Beispiel für 90 Euro pro Woche das Komplettset mit Zaun, Futter, Tränke, Sandbad und transportablem Stall - sowie fünf Bewohnern. Die Corona-Pandemie hat das Geschäftsmodell von Oliver und Mona Zeuner erst ausgebremst, dann befeuert. Zwar sei die Vermietung an Einrichtungen komplett zum Erliegen gekommen, dafür gebe es sehr viele Anfragen von Familien, sagt Oliver Zeuner. Bis Mitte September sind seine vier Ställe ausgebucht: "Kurzfristig ein Corona-Huhn mieten ist unmöglich."

Im Gegensatz zum Miethuhn, das sang- und klanglos wieder abreist, stellt sich bei eigenen Hühnern irgendwann die Frage: Suppe oder Gnadenbrot? Früher endeten betagte Hennen meist im Kochtopf, denn ihre Legeleistung nimmt nach ein paar Jahren ab. Heute sehen private Halter Federvieh eher als Haus- und nicht als Nutztier, sagt Lüttwitz. Das ist natürlich Geschmackssache. Aber für Neulinge hat er einen wichtigen Tipp: "Keine Namen geben! Wenn man ihnen Namen gibt, wird es fast unmöglich, sie zu schlachten." Gute Aussichten also für Schatzi und Giovanni.

© SZ/ick

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