Horn von Afrika "Es geht jetzt nicht um Politik, es geht ums Überleben"

Kinder trinken Wasser, das von einer Hilfsorganisation in ein Dorf nahe Hargeisa in Somaliland geliefert wurde.

(Foto: REUTERS)
  • Am Horn von Afrika grassiert derzeit die schlimmste Dürre seit 2011. Nach UN-Angaben sind von drei Millionen Menschen von Hunger bedroht.
  • Durch den Wassermangel breiten sich Krankheiten aus, die Menschen flüchten in andere Regionen. Doch dort ist die Lage kaum besser.
  • Besonders schwer trifft es Somaliland, das nicht als Staat anerkannt ist und deshalb keine Hilfe von anderen Ländern erhält.
Von Isabel Pfaff

Man kann den Hunger riechen. Irgendwo im Hinterland ist der Geruch plötzlich da, dort, wo der salzige Duft des Meeres verschwindet und die Schirmakazien ihr letztes Grün verloren haben. Es riecht nach dem Aas, das die Straßen säumt. Ziegen, Schafe, Esel, manchmal ein Kamel. Einige Kadaver sind so dürr, dass sie sich kaum vom Boden abheben, andere sehen durch die Verwesungsgase aus wie aufgeblasen.

Asmahan Ahmed hat den beißenden Geruch seit Monaten in der Nase. 80 Schafe und Ziegen hat die Nomadin einmal besessen. Doch seit zwei Jahren hat es in Somaliland bis auf wenige Tage nicht geregnet, die Sträucher sind grau, die Erde rissig. Seither stirbt ein Tier nach dem anderen. Fünf Ziegen sind Asmahan Ahmed und ihrer Familie geblieben. "Ich habe eine solche Dürre noch nie erlebt", sagt sie.

Der Klimawandel trifft die Menschen in Somaliland besonders hart

Ein heißer Märzmorgen in Somaliland, jener Region am Horn von Afrika, die sich Anfang der 1990er von Somalia abgespalten hat. Viel Niederschlag gab es hier noch nie, in guten Jahren regnet es zwei Mal ein paar Wochen lang, im April und im Oktober. Die knapp vier Millionen Somaliländer kamen damit aus. Etwa drei Viertel von ihnen leben von der Viehzucht. Sie haben sich angepasst, ziehen mit ihren Tieren in immer neue Weidegründe und leben monatelang von dem Regenwasser, das sie in Auffangbecken sammeln.

Doch die Regenzeiten fallen immer öfter aus. Der Klimawandel trifft die Menschen hier so hart wie kaum irgendwo. Anders als im Südsudan oder in Jemen ist die Not in Somaliland nicht menschengemacht, im Gegenteil. Obwohl die internationale Gemeinschaft die Unabhängigkeit des Landes nicht anerkennt, haben die Bewohner hier in 26 Jahren einen recht gut funktionierenden Staat aufgebaut. Es gibt Wahlen, manchmal sogar einen Machtwechsel. Und es herrscht, im Gegensatz zum Rest Somalias, Frieden. Doch das Klima belohnt die Leistung der Somaliländer nicht. Es bedroht stattdessen ihr Leben.

Asmahan und ihre Familie leben vom Mitleid der Dorfbewohner

Asmahan Ahmed ist eine kräftige Frau, 36 Jahre alt, raue Stimme. Seitdem sie denken kann, zieht sie mit Ziegen und Schafen durch die staubigen Ebenen, auf der Suche nach dem bisschen Grün, das die Pflanzen hier hervorbringen. Sie liebt das Umherziehen, das Fleisch, die Milch, die Butter. Das Gefühl, auf eigenen Füßen zu stehen. "Jetzt müssen wir um Wasser und Essen betteln." Sie sitzt müde auf einem leeren Kanister, im Schoß ein winziges schlafendes Baby, manchmal rauscht hinter ihr ein Lastwagen vorbei. Vor einem Monat haben sie und ihr Mann entschieden, dass es nicht mehr geht. Ihre Vorräte waren aufgebraucht, die Tiere konnten kaum noch laufen, Asmahan war hochschwanger mit dem sechsten Kind.

Jetzt steht ihr mobiles Gehöft - vier Zelte, umgeben von einem Zaun aus Dornenzweigen - in Yirowe, einem Dorf im Zentrum von Somaliland, direkt an einer Straße. Außer ihren Ziegen haben sie nichts mehr, sie leben vom Mitleid der Dorfbewohner. Und sie sind nicht die einzigen, die vor dem Hunger fliehen. Täglich, erzählt Asmahan, kommen mehr Nomaden nach Yirowe. 1300 Familien leben normalerweise hier. In den vergangenen Monaten sind fast 500 dazugekommen.

Die Hungersnot 2011 kostete Hunderttausende Menschenleben

Auf den Karten der Vereinten Nationen (UN) ist die Region um Yirowe seit Februar orange eingefärbt - Hungerphase 3, Krisengebiet. Nur im schwer zugänglichen Osten von Somaliland geht es den Menschen noch schlechter, dort ist die Karte rot, Phase 4, "emergency". In ganz Somalia sind laut UN fast drei der zwölf Millionen Menschen akut vom Hunger bedroht. Vor Kurzem meldete die Regierung in Mogadischu die ersten Toten.

Daud Hersi, ein drahtiger Mann in weißem Kittel, schüttelt den Kopf. "Gestorben ist in Yirowe noch niemand", sagt er. Der Krankenpfleger leitet die kleine Klinik im Dorf, einen Arzt gibt es hier nicht. "In den letzten Wochen habe ich aber einige Kinder gesehen, die dem Tod nahe waren." An den Wänden der Klinik hängen Jahresübersichten, die Pfleger notieren mit schwarzem Filzstift, wie viele Kinder zu ihnen kommen und in welchem Zustand sie sind: 370 Kinder mit Anzeichen von Mangelernährung im Jahr 2016. 2017 waren es schon in den ersten beiden Monaten fast 300. "Die Lage ist schlimmer als 2011", sagt der Klinikchef. 2011, das war die bisher letzte Hungersnot am Horn von Afrika, in Somalia kostete sie etwa 260 000 Menschen das Leben.

Die Kinder, die zu Daud Hersi in die Klinik kommen, sind nicht nur schlecht ernährt. Viele leiden auch an Lungenentzündung, Hautkrankheiten oder Durchfall.