Homophobie in Russland Wo Händchenhalten gefährlich ist

Mehr als fünf Millionen haben dieses Video bereits gesehen: Zwei russische Youtuber laufen händchenhaltend durch Moskau. Die Reaktionen der Passanten sind erschreckend.

Ein Mann rempelt die beiden jungen Russen an, ein anderer läuft direkt in sie hinein und baut sich drohend vor ihnen auf. Dann bricht das Video ab. Das Problem? Die beiden jungen Männer halten auf der Straße Händchen. Auf der Straße in Moskau, wo die "Propaganda von nicht traditionellen Beziehungen" verboten ist und Menschenrechtsorganisationen immer wieder homophobe Übergriffe anprangern.

Die Macher sehen den ihren nach eigenenen Aussagen authentischen Film als soziales Experiment: "Wir haben uns entschlossen zu schauen, wie die Menschen in Moskau auf ein schwules Paar reagieren", erzählt einer der beiden Männer von ChebuRussiaTV, ein Youtube-Kanal mit knapp 300 000 Abonnenten, zu Beginn des Films, der inzwischen mehr als fünf Millionen Mal angesehen wurde.

Passanten fluchen über russisches Paar

Bei dem Experiment begleitete die beiden eine versteckte Kamera. Mal sieht man die beiden Männer in dem dreiminütigen Film händchenhaltend vor dem Kreml, mal auf einer Moskauer Brücke. Immer wieder ist ein Piepton zu hören - die meisten Passanten reagierten offenbar mit Fluchen auf das Paar. "Von euch gibt es zu viele", sagt einer. "Verlasst Russland", ein anderer.

Die Idee, Reaktionen von Passanten auf der Straße mit einer versteckten Kamera festzuhalten, ist nicht neu: Im Oktober sorgte ein Video für Furore, in dem eine Schauspielerin in New York 100 Mal in zehn Stunden angemacht wird. Auch sie hätten solche Experimente schon häufiger gemacht, erzählte einer der Macher aus Moskau dem russischen Oppositionssender Radio Swoboda - zum Verhältnis zwischen Russen und Ukrainern oder über die Sicherheit an Moskauer Bahnhöfen.

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Warum ausgerechnet der Film mit den homophoben Beleidigungen ein Millionenpublikum im Netz erreicht hat? Vielleicht, weil er zeigt, wie alltäglich solche Szenen in Russland sind. Dabei sind die Reaktionen nicht einmal besonders drastisch. Beleidigungen, Angriffe, Angst - für Homosexuelle in Russland ist jeder Tag ein Risiko. Und öffentliches Händchenhalten ist vielen schlicht zu gefährlich.