Prozess gegen Niels Högel Litanei des Horrors

Niels Högel: Verantwortlich für die größte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte.

(Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung für den Massenmörder. Das Plädoyer übertrifft deutlich das, was Högel zugegeben hat.

Von Peter Burghardt, Oldenburg

Jetzt steht also das Urteil bevor gegen Niels Högel, den Massenmörder. Am 6. Juni will das Landgericht Oldenburg verkünden, welche Strafe im größten Mordprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte gegen den ehemaligen Krankenpfleger verhängt wird. 2008 war er das erste Mal verurteilt worden, 2009 zu lebenslänglicher Haft, seit zehn Jahren sitzt der 42-Jährige im Gefängnis.

Am Donnerstag, dem 21. Verhandlungstag, haben die Plädoyers begonnen. Das erste Wort hat die Staatsanwaltschaft, und ihre Anklage übertrifft sehr deutlich das, was Niels Högel zugegeben hatte.

97 Morde wirft ihm die Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann vor, drei weitere könne man ihm nicht nachweisen. Sie geht alle Fälle dieses Verfahrens durch, nur derer zwei, sagt sie, seien ihm nicht zur Last zu legen.

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Wegen 100 mutmaßlicher Taten sitzt Högel seit Ende Oktober 2018 immer wieder in diesem Saal der Weser-Ems-Halle, 100 Patienten soll er nach der ursprüngliche Klage zwischen 2000 und 2005 in den Krankenhäusern Oldenburg und Delmenhorst mit Medikamenten getötet haben. 100 tote Männer und Frauen, 34 bis 96 Jahre alt. 43 der ihm vorgeworfenen Taten gestand er bei seiner Einlassung, bei weiteren 52 konnte oder wollte er sich nicht erinnern, fünf stritt er ab.

In all den Jahren nie eine Pause gemacht

Die Ankläger dagegen sprechen ihn nur in ganz wenigen Fällen frei und halten nach Exhumierung und toxikologischen Gutachten die allermeisten dieser 100 Tode für seine Schuld.

Frau Sch., 7. Februar 2000. Herr M., 23. Juli 2000, Frau A., 26. Juli 2000, so geht es viele Stunden. Bei fast allen kommt die Anklage zu dem Schluss, dass Niels Högel der Täter war. Bei einigen seiner Opfer hatte er sich nach der lebensbedrohlichen Gabe der Mittel als Retter profilieren wollen und eine Reanimation versucht. Möglicherweise setzte er sogar noch viel mehr Todesspritzen. Das ließ er selbst durchblicken, als er vor Monaten vor Gericht erklärte, dass er in all den Jahren nie eine Pause gemacht habe bei dem, was er "manipulieren" nennt.

Auch an diese Aussage erinnerte die Justiz, als nun das Finale in dieser seit Oktober 2018 verhandelten Causa begann. Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann erläuterte den Angehörigen, Zuschauern und Journalisten außerdem, dass jede einzelne Straftat beurteilt werden müsse, aber es anders als in anderen Rechtssystemen eine Gesamtstrafe gebe: "Es gibt nicht dreimal lebenslänglich für drei Morde, weil ein Mensch nur ein Leben hat." Die von Högel ermordeten Menschen hatten auch nur ein Leben, die Staatsanwältin Schiereck-Bohlmann nennt sie in ihrem Plädoyer Name für Name, Tod für Tod, Ursache für Ursache. Eine Litanei des Horrors aus Högels Dienstzeit.

Er mordete bevorzugt in Nachtschichten

Sie weist auch gleich darauf hin, dass es mit diesem Prozess nicht getan sein wird. Hauptverfahren gegen Klinikpersonal aus Oldenburg und Delmenhorst werden folgen, denn Högel hatte zwar nach bisheriger Erkenntnis allein gemordet, bevorzugt in Nachtschichten.

Aber er flog trotz allen Verdachts offenbar auch deshalb so spät auf, weil so lange niemand ganz genau hinsehen wollte. Bis heute präsentieren manche Kollegen vor den Richtern Gedächtnislücken oder Widersprüche. Gegen einige von ihnen wird ermittelt, andere sind schon wegen Meineids angeklagt.

Die Staatsanwaltschaft trug vor, wie während Högels Einsätzen die Sterberate auf den von ihm betreuten Stationen in die Höhe schnellte und der Verbrauch bestimmter Substanzen. Es geht um Kalium oder Herzmittel wie Lidocain, die falsch eingesetzt oder dosiert tödlich sind. Die Anklägerin schildert, wie Högel im Zuge der Ermittlungen nur stückweise zugab, was kaum zu leugnen war.

Högel lauscht stoisch

Einem Mitgefangenen zum Beispiel soll er erzählt haben, dass eine Überdosis Kalium zum Tode führe und 24 Stunden später nicht mehr nachweisbar sei. Die Staatsanwältin würdigte seine Geständnisse, die sie für glaubhaft hält. Aber sie zitierte auch Gutachten, die bei ihm ansonsten von Lügenmodell sprechen, von Lügenbereitschaft, von Lügenkompetenz.

Und sie sagt, dass er noch schlechter dastehe denn als mordender Krankenpfleger, "noch herzloser", als er in seiner Befragung etwa eine todbringende Manipulation so erklärt hatte, dass er "das Hochgefühl" nach der Geburt seiner Tochter erhalten wolle.

Der Serienmörder Högel lauscht stoisch. Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

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