Süddeutsche Zeitung

Hochwasser:"Wir rechnen mit dem Schlimmsten und hoffen auf das Beste"

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Nach dem Hochwasser der vergangenen Tage sinken im Saarland die Pegel der Flüsse. Aber am Dienstag drohen erneut Unwetter und Starkregen in vielen Regionen.

Von Gianna Niewel, Frankfurt

Im Saarland scheint die Sonne. Das ist das Erste, was einem Menschen am Pfingstmontag erzählen, dass die Sonne scheint, dass sie Zeit gewinnen, denn nach dem Hochwasser der vergangenen Tage sinken die Pegel an Saar und Prims, an Blies und Theel wieder. Die Einsatzkräfte können ihre Pumpen sauber machen, die Menschen den Schlamm aus ihren Kellern schippen. Einmal durchatmen.

Nur: Wie lange?

Von Freitag bis Samstag hatte es im Südwesten Deutschlands - vor allem über dem Saarland und Teilen von Rheinland-Pfalz - so stark geregnet, dass viele Orte geflutet wurden. In Ensheim meldete der Deutsche Wetterdienst 107 Liter auf den Quadratmeter, in Tholey 103 Liter, damit regnete es dort in nicht einmal 24 Stunden deutlich mehr als im gesamten Monat April. Die Folge: Hänge rutschten ab, Keller liefen voll, ein Kraftwerk musste heruntergefahren werden. Der Saarländische Rundfunk tickerte ab Freitag live.

15.05 Uhr: In Fechingen müssen mehrere Gebäude evakuiert werden.

15.24 Uhr: In Brebach müssen mehrere Gebäude evakuiert werden. Es gilt: nur das Notwendigste mitnehmen, insbesondere Ausweispapiere und Bargeld.

16.15 Uhr: Ein Meteorologe spricht davon, dass "im Extremfall" ein 100-jähriges Hochwasser möglich sei.

16.51 Uhr: Die Landeshauptstadt Saarbrücken hat die Großschadenslage ausgerufen. Es bestehe Gefahr für Leib und Leben.

So ging das Ort um Ort, Stunde um Stunde, die Chronologie eines Ausnahmezustands.

"Es ist erneut in aller Dramatik fassbar geworden, welche Gewalt die Natur hat, welche Zerstörung sie anrichten kann und wie sehr wir uns immer wieder auf solche Ereignisse vorbereiten müssen", sagte Bundeskanzler Olaf Scholz am Samstag. Der Kanzler wollte an diesem Tag ursprünglich zum Wahlkampf an die Saar kommen, nun stand er in Gummistiefeln neben Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (beide SPD) im Matsch. Gemeinsam dankten sie den Einsatzkräften - Feuerwehr, THW und Rotes Kreuz waren mehr als 4000 Mal ausgerückt - und sicherten den Betroffenen Unterstützung zu. Eine konkrete Summe nannten sie nicht.

Nun also vorsichtige Entspannung? Eher nicht.

Am Sonntagabend starb eine Frau im Krankenhaus in Saarbrücken, sie war bei einem Rettungseinsatz verletzt worden. Die materiellen Schäden sind in all dem Schutt und Schlamm noch nicht absehbar. Und auch der Blick nach vorne macht vielen Menschen Sorge: Der Deutsche Wetterdienst geht davon aus, dass an diesem Dienstag ein Tief über den Südwesten Deutschlands ziehen könnte. "Gebietsweise erneut kräftige Regenfälle" könnten "möglicherweise über ähnliche Regionen" niedergehen.

"Wir rechnen mit dem Schlimmsten und hoffen auf das Beste", sagte ein Sprecher des saarländischen Innenministeriums am Montagmittag am Telefon. Die verschiedenen Wettermodelle zeigten noch nicht ganz genau, wie viel, wie lange und wo es regnen werde - aber viele Böden sind vollgesogen und können kaum noch Wasser aufnehmen. Die Landesregierung jedenfalls hat schon gewarnt: Aktuell gingen sie nicht davon aus, dass sich die Situation vom Wochenende am Dienstag wiederhole, "erneute Überflutungen" aber könnten nicht ausgeschlossen werden. Auch deshalb bereiteten sich die Einsatzkräfte vor, ein Teil fülle Sandsäcke ab, ein anderer schone sich, um dann wieder ausrücken zu können.

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