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Hochwasser in Dessau-Roßlau:Greifen, abwerfen, falten

Hochwasser Sachsen-Anhalt - Dessau-Roßlau

Hochwasser in Sachsen-Anhalt: Das steigend Wasser der Mulde hat Parzellen von Kleingärten in Dessau-Roßlau geflutet

(Foto: dpa)

Sachsen-Anhalt könnte das Hochwasser schlimmer treffen als 2002. In Dessau-Roßlau treffen Mulde und Elbe aufeinander, in der Innenstadt müssen einzelne Brücken gesperrt werden. Freiwillige Helfer sind zum Sandsackfüllen den ganzen Tag auf den Beinen - und haben dabei ihren Humor nicht verloren.

Von Saskia Aleythe, Dessau-Roßlau

Greifen, abwerfen, falten, ordnen - die Abläufe sind für Roswita Seidl immer die gleichen. Sie steht auf einer stillgelegten Landebahn in Dessau-Rosslau und bekommt von der Menschenkette hinter ihr Sandsäcke gereicht. Greifen, abwerfen, falten, ordnen - so füllt sich eine Palette, und die nächste und die übernächste, bis keine mehr da ist oder die leeren Säcke ausgehen. "Ich guck mal da hinten, ob da noch welche liegen", sagt die kleine Frau und ist schon wieder verschwunden. Am nächsten Transporter wird sie fündig, schäkert kurz mit einem Helfer aus Weißenfels und schleppt einen Batzen Jutesäcke zum Sandhaufen.

Um 9 Uhr ist Seidl zum Flugplatz gekommen, um zu helfen. Nun ist es Mittag, die Hände werden allmählich rau von den zahlreichen schweren Plastiksäcken. "Direkt betroffen vom Hochwasser bin ich noch nicht", sagt sie, "aber ich musste einfach helfen kommen." Die 52-Jährige wurde von ihrer Arbeit für den Einsatz freigestellt, wie viele andere der etwa 400 Sandsack-Helfer am Flugplatz. Die Deutsche Bahn schickte bereits Montagabend Mitarbeiter aus dem Bahnwerk dort hin, das THW ist vor Ort, Jugendliche einer Berufsschule haben frei bekommen und helfen mit, einige bringen selbstgeschmierte Brote für die Gemeinschaft mit. Sogar eine Touristengruppe aus Fernost schreibt sich am Sandsackplatz zum Unterstützen ein.

Die Sonne kommt raus an der Landebahn, Seidl wird noch aufgeweckter als zuvor. "Vielleicht verliere ich hier ein paar Kilos", sagt sie und greift sich an den Hosenbund. Da kommt schon der nächste Sandsack angeflogen. Nicht alle gehen mit der Gefahr, die vom Hochwasser ausgeht, so locker um wie Seidl. Ihre Freundin Stefanie wohnt wie sie am bisher trockenen Stadion in der Innenstadt, sie zuckt immer zusammen, wenn das Wort "Evakuierung" durch die Menschenketten wandert. "Wir gucken gleich mal zum Stadion", sagt Seidl, die auch am Mittwoch wieder helfen will.

"Das hier ist meine Heimat, da helfe ich natürlich mit"

Hinter dem Stadion fließt die Mulde entlang, die zum Teil schon über die Ufer getreten ist. 100.000 Säcke sollen von der alten Landebahn bereits in die Innenstadt transportiert worden sein. Am Nachmittag schickt das THW Hilfswillige dort hin, um hundertmeterlange Hilfsdeiche zu errichten. Eine Fußgängerbrücke ist bereits vom Wasser umschlossen, die Mulde tritt an manchen Stellen bis auf zehn Meter an die noch befahrene Straße heran. Das Rathaus ist davon nicht mehr als 300 Meter entfernt.

Als der nächste Transporter die Säcke von der Landebahn ankarrt, muss Sascha Westerkamp zugreifen, abwerfen, falten, ordnen - er ist für den Deichbau an der Friedensbrücke in der Innenstadt gekommen. "Das hier ist meine Heimat, da helfe ich natürlich mit", sagt er. Immer wieder versucht er, Löcher in der Mauer aus Säcken zu stopfen. Die bleiben nicht aus, wenn ungeschult gestapelt wird. "Das ist klar, das sind alles Freiwillige, die sind nicht vom Fach", sagt der 25-Jährige. Auch er hat von seiner Wohnung aus in Dessau Nord noch kein Wasser im Blick. "Aber wenn der Deich bricht", so der Student, "bin ich auch betroffen."

Die Prognosen für Dessau klingen dramatisch, schlimmer als 2002 soll es werden, als vor allem umliegende Ortschaften und -teile unter Wasser standen. Ob die verstärkten Deiche die Situation relativieren, muss sich zeigen. Der Scheitelpunkt der Mulde wird für Mittwoch erwartet. Die Stadtteile Wasserstadt, Mildensee und Waldersee sind schon jetzt nur noch schwer zu erreichen, weil die stadtverbindende Brücke für Autos gesperrt ist. Die angrenzende Autobahn kann stadteinwärts nur noch einspurig befahren werden, Staus sind vorprogrammiert.

"Wir brauchen Helfer in Kühnau", schreit ein Mann des THW aus einem Linienbus heraus, in einem benachbarten Stadtteil wird nun die Elbe zur Gefahr. Sie trifft in Dessau auf die Mulde, was die Lage zusätzlich verschärft. Der Hilfsdeich in der Innenstadt ist auf 1,50 Meter angewachsen, in Grüppchen entschließen sich die Menschen, in den Bus zu steigen und auch an der Elbe auszuhelfen. Greifen, abwerfen, falten, ordnen - so wird es auch an der Elbe weitergehen. Vermutlich die ganze Nacht.

© Süddeutsche.de/lala

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