Ungewöhnliche Hobbys:Die Welt ist eine Bastelecke

Ungewöhnliche Hobbys: 50 Perücken und eine Wand voller Manga: Miriam, Cosplayerin.

50 Perücken und eine Wand voller Manga: Miriam, Cosplayerin.

(Foto: privat)

Ein Hobby hatte man früher, um Zeit totzuschlagen. Heute kommt es auf andere Dinge an. Vier Menschen erzählen, womit sie ihre Freizeit verbringen - von Wollgraffiti bis zum Tanzen in Cowboystiefeln.

Protokolle: Philipp Bovermann

Alte Menschen, die aus dem Fenster schauen, tun nicht einfach nichts. Sie gehen einem Hobby nach, zumindest nach den Maßstäben der Fünfzigerjahre. Laut damaligen Umfragen war aus dem Fenster zu schauen die drittbeliebteste Freizeitaktivität, noch populärer waren nur Verwandtenbesuche und mit den Kindern zu spielen. Heute gelten Hobbys vor allem als Distinktionsmerkmal, das einen von anderen unterscheidet und - am liebsten auf sozialen Medien - veranschaulicht, wie hingebungsvoll, zielstrebig und kreativ man ist. Doch gibt es sie noch, die klassischen Steckenpferde, für die man sich früher in den Hobbykeller zurückgezogen hat, um ganz allein mit sich zu sein? Und wie gehen Menschen heute an Hobbys heran? Vier Personen erzählen.

Ungewöhnliche Hobbys: 50 Perücken und eine Wand voller Manga: Miriam, Cosplayerin.

50 Perücken und eine Wand voller Manga: Miriam, Cosplayerin.

(Foto: privat)

Miriam*, 31, Mediengestalterin, verkleidet sich als Mangafigur

"Angefangen hat es, als ich ein kleines Mädchen war. Nachmittags auf RTL 2 liefen Serien wie 'Pokémon', 'Digimon', 'Dragonball' und 'Sailor Moon', das war meine erste Berührung mit Anime, also japanischem Zeichentrickfilm. Kurz darauf kamen Manga dazu, japanische Cartoons. In einem Manga-Magazin, das ich damals gelesen habe, bin ich auf Cosplay gestoßen. Das Wort setzt sich aus costume und play zusammen, den englischen Wörtern für Kostüm und Spiel. Man bastelt sich also Kostüme seiner Anime-Lieblingsfiguren und schlüpft in ihre Rolle, wenn man sich auf den Fanmessen, den Conventions, trifft.

Meine erste Convention habe ich 2002 besucht, bei der Frankfurter Buchmesse. Trotz meines 'Kleiderschrank'-Cosplays erkannten die Leute, welche Figur ich darstellte - wahrscheinlich, weil ich mir ein Auge auf die Stirn gemalt hatte: Ich war Pai aus dem Manga '3x3 Augen', ein Mädchen, das zu einem mythischen Volk mit drei Augen gehört. Ich cosplaye immer noch regelmäßig auf Conventions. Man kommt dort mit anderen Leuten sofort ins Gespräch, der Umgang ist nicht so gezwungen wie sonst, sondern total herzlich, alles ist lustig, laut und bunt. Sogar während der Corona-Ausgangsbeschränkungen fanden Conventions statt, online natürlich, da haben die Leute ihre Cosplays halt zu hause vor der Kamera getragen und gemeinsam Vorträge zu nerdigen Themen gestreamt.

Zu Hause habe ich mittlerweile 20 bis 30 Kleider und um die 50 Perücken, außerdem eine Wand voller Manga und eine Sammlung von etwa 40 japanischen Mangapuppen mit speziellen Kugelgelenken. Jede von ihnen kostet um die 300 Euro. Wenn man alles zusammenrechnet, könnte ich mir sicher einen Kleinwagen davon kaufen."

*Die Protagonistin hat die SZ gebeten, nur ihren Vornamen zu nennen.

Ungewöhnliche Hobbys: Ohne festen Partner tanzen und doch nie allein: Romana Ramml, Line-Dancerin.

Ohne festen Partner tanzen und doch nie allein: Romana Ramml, Line-Dancerin.

(Foto: Stephan Rumpf)

Romana Ramml, 61 Jahre, tanzt in Cowboystiefeln

"Angeblich kommt Line Dance daher, dass Cowboys, die keine Frauen zum Tanzen hatten, alleine in Reihen tanzten. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt, aber ich finde es sehr angenehm, so zu tanzen. Selbst wenn sich ein Paar gut versteht und zusammen ausgeht, will manchmal nur einer zu einem Stück tanzen, der andere will vielleicht lieber in Ruhe sein Bier trinken oder mag den Song nicht. Beim Line Dance bin ich nur auf mich selbst angewiesen und kann das ganz für mich allein entscheiden.

Die meisten Schrittfolgen bestehen aus 32 oder 64 Counts, also Taktschlägen. Ein Cha-Cha-Schritt besteht zum Beispiel aus zwei Counts - einer links, einer rechts. Einen Schritt gehen ist ein Count, dann vielleicht ein Wiegeschritt, zwei Counts. Dann ein Kick, ein Stomp und so weiter, bis man alle Counts in einer Richtung getanzt hat. Nach einer Vierteldrehung oder einer halben geht es wieder von vorn los.

Toll finde ich, dass man überall gleich Anschluss hat. Man findet überall auf der Welt Line-Dance-Klubs, in die man einfach reingehen kann, und schon tanzt man mit. In Kaprun gibt es auf der Mauer des Stausees jedes Jahr eine große Line-Dance-Veranstaltung, bei der Hunderte Menschen in einer Reihe tanzen, alle in Cowboystiefeln und mit Hut. Es gibt sogar spezielle Line-Dance-Kreuzfahrten, bei denen ein eigener Choreograf an Bord ist. Auf einer war ich mal dabei. Wir sind nach St. Petersburg gefahren und haben viel getanzt.

Vor Corona bin ich dreimal die Woche in den Klub gegangen, das geht immer noch nicht. Viele Vereine sind in den Nebenräumen von Kirchen, Gaststätten oder Alten- und Servicezentren, die brauchen jetzt entweder selbst mehr Platz oder trauen sich noch nicht, uns reinzulassen. Ich habe auch versucht, zu Hause zu tanzen, aber das ist ganz schrecklich. Allein macht's einfach keinen Spaß."

Ungewöhnliche Hobbys: Nach unten gehende Abschwünge: Timo Strauß, Freund des Handletterings.

Nach unten gehende Abschwünge: Timo Strauß, Freund des Handletterings.

(Foto: privat)

Timo Strauß, 29, malt Schriftzüge

"Mein erster Schriftzug war Believe in yourself vor etwa drei Jahren: Believe und yourself bilden zusammen einen Kreis, geschlossen durch die Schreibschrift-Bögen am Anfang und Ende der Wörter, das in steht in der Mitte. Ich habe es auf Instagram gepostet, wie später fast alle meine Arbeiten.

Allgemein ist Handlettering ein recht großes Thema geworden. Viele Jugendliche, aber auch viele ältere Menschen suchen einen analogen Ausgleich, nachdem sie den ganzen Tag digital unterwegs waren und auf einen Bildschirm geguckt haben. Es ist ja erstaunlich, wie schlecht viele Leute inzwischen mit der Hand schreiben. Irgendwann merken sie: Oh, das kann man ja tatsächlich verlernen. Und dann entdecken sie Handlettering für sich.

Man geht dabei vom Schreiben weg und gelangt in ein Denken in Strichen. Jeder Buchstabe besteht aus bestimmten Strichführungen, darauf konzentriert man sich. Es ist ein bisschen wie Mandalas malen, man vergisst erst mal alles andere, ist richtig versunken. Aber man malt eben nicht nur aus, man folgt nicht wie in der Kalligrafie nur möglichst genau fixen Vorgaben. Natürlich hält man sich trotzdem an Grundlinien, damit die Buchstaben gleich groß sind und auf einer Ebene stehen. Man beachtet den Neigungswinkel und lernt den Umgang mit Brush Pens, den Pinselstiften. Je nachdem, wie viel Druck man ausübt, erhält man dickere Striche für die nach unten gehenden Abschwünge und dünnere für die Aufstriche. Aber letztlich kommt es auch darauf an, diese Regeln ein bisschen aufzuweichen, um mehr Charakter in die Schrift zu bekommen.

Für mich ist Handlettering eine kreative Tätigkeit, die trotzdem kurzweilig ist. Ich male nicht acht Stunden lang an einem Ölgemälde herum, sondern komme schnell zu schönen Ergebnissen. Es hat etwas sehr Ursprüngliches, ein Blatt Papier anzufassen und einen Stift."

Ungewöhnliche Hobbys: Politisches Stricken als Botschaft: David Wasser, Yarnbomber.

Politisches Stricken als Botschaft: David Wasser, Yarnbomber.

(Foto: privat)

David Wasser, 60, macht aus Wolle Graffiti

"Meine Mutter hatte einen Handarbeitsladen, in einem kleinen Städten an der amerikanischen Ostküste. Von ihr habe ich häkeln, stricken und nähen gelernt. Inzwischen bastle ich außerdem Kostüme, renoviere mein Haus, webe Bändchen, verziere Gürtel - ich erschaffe einfach gern Dinge. In meinem Beruf baue ich Software, das ist Kopfarbeit, abends habe ich dann gern etwas in der Hand.

Am liebsten mag ich große Strickprojekte mit vielen unterschiedlichen Garnen. So kam ich zum Guerillastricken, oder wie man auch sagt: zum Yarnbombing. Es gibt in Frankfurt jedes Jahr ein sogenanntes Yarn Camp, auf dem sich Leute wie ich treffen, die schon sämtliche Bekannte mit Schals, Mützen und Pullis versorgt haben. Bei einem der Workshops ging es darum, ein Projekt im öffentlichen Raum zu machen, etwas einzustricken. Anders als Graffiti mit der Spraydose ist Yarnbombing keine Sachbeschädigung, hat aber häufig politischen Charakter, wenn man zum Beispiel einen Panzer einstrickt.

Die Teilnehmer des Workshops gründeten nach dem Yarn Camp eine Whatsapp-Gruppe und planten den Yarnbomb. Es sollte ein Miniaturstraßenzug werden, eine Frankfurt-Szene mit Hochhäusern: kleine Autos, Hunde und Straßenschilder, alles aus Wolle. Die Leute haben ihre Teile zu Hause gestrickt und gehäkelt, in der Nacht auf den ersten November vergangenen Jahres haben wir die Teile montiert. Ein Geländer und mehrere Pfeiler in der Frankfurter Innenstadt sind jetzt damit eingestrickt.

Vor Kurzem haben wir spontan ein Projekt zum Thema 'Black Lives Matter' beschlossen, daran arbeiten wir zurzeit, jeder für sich zu Hause. Die persönlichen Treffen haben wir wegen Corona abgesagt, aber der Austausch findet hauptsächlich online statt."

© SZ//min
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