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Hitze in Deutschland :Brennend heißes Wüstenland

Ein Sommerabend aus der Vogelperspektive

Das Blau im Sommer: Badende im Stichkanal in Hildesheim.

(Foto: dpa)

Während die Bauern ihr geplagtes Vieh duschen, geht auf den Autobahnen der Beton kaputt - und in Hamburg verteilen sie Trinkwasser an die Fahrgäste. Meldungen aus der hitzegeplagten Republik.

Von Peter Burghardt, Hamburg, Ulrike Nimz, Leipzig, und Max Sprick

Dass die Tropenhitze mit ihren Temperaturen den sonst so kühlen Norden Deutschlands überrascht, kommt natürlich wenig überraschend. Im Rest des Landes ist man die Hitze ja doch eher gewohnt - was aber nicht heißen soll, dass nicht auch dort skurrile wie ernste Zwischenfälle passieren.

Höchster Waldbrandalarm

Am Luftstützpunkt Lüneburg sind zur Wochenmitte Propellerflugzeuge gestartet. Spezialisten kontrollieren das Gebiet aus der Luft - maximale Brandgefahr. Vor allem in Niedersachsen und in Ostdeutschland gilt die höchste Alarmstufe fünf, Violett. Schon eine glimmende Zigarettenkippe oder eine heiß gelaufene Maschine genügen, um einen Brand zu entfachen. Die Bewohner von Fichtenwalde, Brandenburg, werden gebeten, sich auf eine Evakuierung vorzubereiten, dort stehen Dutzende Hektar Kiefernwald in Flammen. Sogar die A 9 zwischen Berlin und Leipzig muss gesperrt werden. Bei Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern müssen 30 Feuerwehrleute einen Mähdrescher löschen. In Rostock löst ein Vogel auf der Oberleitung einen Kurzschluss aus, fällt brennend zu Boden - und entzündet ein Feld.

329 Behandlungen, nur

Das Konzert von Ed Sheeran auf der Trabrennbahn in Hamburg-Bahrenfeld, der vorläufig heißeste Abend des Jahres. Kurz zuvor geht ein Regenguss über der tropischen Hansestadt nieder, der erste hier seit Urzeiten, aber er verpufft. Bei mehr als 30 Grad Celsius spielt und singt Sheeran dann bis in die Nacht, 80 000 Menschen singen mit, schmusen und schwitzen. Die Feuerwehr meldet, Sanitäter hätten danach lediglich 329 Menschen behandeln müssen, die meisten wegen Kreislaufbeschwerden, das gilt als Erfolg. Das traditionelle Feuerwerk am Hamburger Dom: abgesagt, wegen der Hitze. Erinnert sich noch jemand an den grässlich verregneten Hamburger Sommer 2017?

Wasserwerfer statt Gießkannen

Und erinnert sich noch wer an G 20 oder den Abstieg des HSV? Auch da rückten Wasserwerfer der Polizei an, gegen Demonstranten und Hooligans. Jetzt fahren die Wasserwerfer gemütlich durch den Stadtpark. Sie gießen Bäume. Mit 35 000 Litern Wasser in den Tanks. Das Personal der Hochbahn, also Hamburgs Version der U-Bahn, verteilt derweil Wasser an Fahrgäste, sehr aufmerksam. Ernster ist die Lage in Essen: Dort müssen 300 Fahrgäste aus einem auf der Strecke stehen gebliebenen, überhitzten Zug befreit werden.

"Bombenstimmung"

An den Stränden der deutschen Flüsse, Seen und Meere ist natürlich die Hölle los. Urlauber auf Sylt, Usedom oder Rügen wähnen sich in der Karibik. Und an der Ostsee gibt es längst Strandorte namens Brasilien und Kalifornien. Gesundheitsämter aber warnen angeschlagene Badefreunde vor Bakterien und Blaualgen, vor fiesen Vibrionen und Saugwürmern. Auch die Zahl der tödlichen Badeunfälle steigt. Das Wasser: zu warm. Die Elbe: 25,2 Grad. Der Rhein: mehr als 27 Grad, zu viel für die Fische. In Bremerhavens Wulsdorfer Baggerkuhle findet ein Sommerfrischler eine verrostete Weltkriegs-Handgranate. Titel der Polizeimeldung: "Bombenstimmung am See".

Guerilla-Gießen

23 Zentimeter ist die Chemnitz noch tief. Dieser lebendige Fluss, der mehr als einmal sein Bett verlassen hat, um die gleichnamige Stadt zu fluten - er reicht einem Erwachsenen kaum mehr ans Knie. Nicht, dass noch viele hineinwaten würden, denn die Chemnitzer Stadtverwaltung hat ein Schöpfverbot erlassen. Wer auch nur einen Eimer fortträgt, um Beete zu benetzen, in der benachbarten Kleingartenanlage "Sachses Ruh" etwa, der muss mit Strafen rechnen - zwischen 1000 und 50 000 Euro. Nirgendwo hat es zuletzt so lange so wenig geregnet wie in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In Magdeburg, Leipzig und Dresden sehen die Parks aus, als hätte jemand einen abgewetzten Teppich ausgerollt. Bürger sind zum Guerilla-Gießen aufgefordert: vor allem die betonumschlossenen Stadtbäume, am besten mit Regenwasser. Nur wird auch das inzwischen knapp. Zum Beispiel in Artern, Deutschlands trockenstem Ort, 60 Kilometer von Erfurt entfernt. "Den letzten Regen gab es bei uns im April", sagt Bürgermeisterin Christine Zimmer. Schon jetzt sei abzusehen, dass Rasen neu ausgesät, Bäume neu gepflanzt werden müssen. Immerhin spült das Freibad Geld in die Kassen. Im Gegensatz zu den Regentonnen ist es seit Wochen immer voll.

Viehduschen

Landwirte macht das irre Tropenwetter ganz krank, sofern sie keine Südfrüchte anpflanzen oder Wein oder, wie die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, an ausgewählten Bäumen den Klimawandel beobachten. Viele Felder sind verdörrt, die Ernteausfälle schlimm, Tiere leiden. Was tun? Stall, Schatten, Duschen und Kühlen. Manche Bauern, wie zum Beispiel in Osnabrück, verwenden Sprinkleranlagen, um ihr Vieh zu bewässern.

Dehnungsfugen im Beton

Der Beton wölbt sich. "Blow-up" nennt sich das. Die Platten heben sich auf mehreren Autobahnen, unter anderem auf der A1 bei Bremen. Am Dienstag hat es bereits die Nordbahn des Flughafens in Hannover getroffen. Etwa 80 Starts und Landungen fielen aus. Passagiere schliefen auf Feldbetten. Warum das in Hannover passiert, nicht aber in Katar? Am Golf seien die Dehnungsfugen im Beton für Temperaturen bis zu 60 Grad gedacht, so heißt es. In Deutschland eher für Regen und Frost.

Grablichtverbot

Selbst die Trauer wird durch die Hitze beschränkt. Auf Friedhöfen kann inzwischen jeder Funke gefährlich werden. In Bielefeld hat am Montag eine Grabkerze einen kleineren Brand ausgelöst. Seitdem bittet die Stadt, auf Kerzen zu verzichten. Köln verbietet Grablichter vorerst gleich ganz.

Begehrte Schattenplätze

Im unklimatisierten Festspielhaus zu Bayreuth lauschen die edlen Eröffnungsgäste den Wagner-Festspielen kaum entspannter als in Hamburg-Bahrenfeld bei Ed Sheeran. Lohengrin lebt seine sadistischen Leidenschaften an seiner geliebten Elsa aus, ohne dass ein Zuschauer umkippt. In den Pausen aber wird es hektisch: Da sind die Schattenplätze im Park rund ums Festspielhaus nun ja: heiß begehrt.

Hitzefrei für Beamte

Ämter und Behörden in Nordrhein-Westfalen ändern ihre Öffnungszeiten. Eine Beratung in nicht klimatisierten Räumen sei Kunden bei Raumtemperaturen von mehr als 35 Grad nicht zuzumuten, heißt es. Rainer Weber beispielsweise, Bürgermeister in Uedem am Niederrhein, hat aufgegeben: "Sie können lüften, wie Sie wollen, Sie kriegen die 34 Grad nicht mehr aus dem Gebäude raus." Seine Mitarbeiter müssen deshalb jetzt schon von 7.30 Uhr an ran.

Nummer gegen Hitzekummer

In Berlin gehen sie auf Nummer sicher: Die Hauptstadt hat nun eine kostenlose Hotline für Notfalltipps und Fragen rund um die Hitze. Ob sich auch Rainer Weber aus Uedem melden darf, ist nicht bekannt.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hatten wir das mecklenburg-vorpommersche Pasewalk fälschlicherweise nach Brandenburg verortet.

© SZ vom 27.07.2018/olkl/cat
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