Nach der gewaltigen Sturzflut im Himalaja ist die Zahl der Toten in Nepal und Tibet auf mehr als 1000 gestiegen. Die Polizei in Kathmandu meldete allein in Nepal bis zum Nachmittag (Ortszeit) 1058 Tote, darunter 65 Kinder und 390 Leichen, die bisher nicht identifiziert werden konnten. China hatte zuletzt von 16 Opfern auf der tibetischen Seite berichtet.
Die Lage bleibt aber unübersichtlich – und die Zahl der Vermissten wächst immer noch, auf jetzt mehr als 5100, 4600 in Nepal und 550 in Tibet. Allerdings seien die Zahlen der Vermissten immer noch vorläufig, sagte Polizeisprecher Abi Narayan Kafle der Deutschen Presse-Agentur. Die meisten Informationen stammten von Angehörigen und Freunden, die Erstellung einer vollständigen Liste werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Viele Leichen sind den Behörden zufolge bei ihrem Fund völlig entstellt und teilweise schon stark verwest. Die Zahl der Todesopfer dürfte in den kommenden Tagen und Wochen noch weiter steigen.
Auch zu Hunderten Ausländern fehlt seit der Katastrophe vom vergangenen Mittwoch jede Spur, darunter mehrere Deutsche. Eine vierköpfige deutsche Familie war hingegen in den Tagen nach der Flut gerettet und mit einem Hubschrauber in Sicherheit gebracht worden.
Rettungskräfte erreichen langsam abgelegene Gebiete
In Betrawati, einer der am schwersten betroffenen Städte im Distrikt Nuwakot, wurden in einem einzigen Gebäude insgesamt 24 Leichen gefunden. Das ist eine der höchsten Zahlen von Leichen, die während der laufenden Bergungsaktionen in einem einzigen Gebäude entdeckt wurden. „Wir haben bereits acht geborgen, aber 16 weitere Tote müssen noch geborgen werden“, sagte der stellvertretende Polizeichef des Distrikts Nuwakot, Iqbal Hawari.
Derweil erreichen die Rettungskräfte zunehmend auch auf dem Boden stark betroffene Gebirgsgegenden. Bisher waren die Such- und Rettungsmannschaften hauptsächlich auf den Lufttransport angewiesen, wie Vertreter der Polizeizentrale in Kathmandu mitteilten. Nach und nach könnten nun auch abgelegene Gebiete erreicht werden.
Wie die New York Times berichtet, beziffert ein hochrangiger nepalesischer Regierungsvertreter die Kosten für die Bewältigung der Schäden auf fünf Milliarden US-Dollar. Er teilte der Zeitung zufolge mit, dass sein Land bei dem Sonderfonds der Vereinten Nationen zum Ausgleich von Klimaschäden dringende finanzielle Unterstützung beantragt hat.
Maheshwar Dhakal, der Leiter der Abteilung für Klimawandel im nepalesischen Landwirtschaftsministerium, betonte demzufolge, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel eine Rolle bei dem verheerenden Gletscherabbruch und den Überschwemmungen der vergangenen Woche gespielt habe. Er bezeichnete das Ereignis als Ausdruck einer Ungerechtigkeit: „Diejenigen, die am wenigsten dazu beigetragen haben, leiden am meisten.“ Genau dieses Argument hatte 2023 zur Einrichtung des UN-Sonderfonds geführt.
Eine verheerende Sturzflut aus Wasser, Schlamm, Eis und Geröll hatte vor wenigen Tagen im Grenzgebiet zwischen Nepal und China alles mit sich gerissen, was ihr im Weg stand. Experten zufolge soll ein massiver Gletscherabbruch auf der tibetischen Seite die Flut ausgelöst haben. Viele Dörfer sind völlig zerstört, die Bewohner dort haben alles verloren.
Tausende Einsatzkräfte suchen weiter in den Erdmassen und in verschütteten Tunneln nach Vermissten. Die Such- und Rettungsarbeiten werden immer wieder von weiteren drohenden Sturzfluten und schlechtem Wetter beeinträchtigt.


