Science-Fiction konstruiert aus dem wissenschaftlich Möglichen eine spekulative Realität, die vielleicht plausibel, aber wenig wahrscheinlich ist. Das Konzept zur Bergung und zum Rückbau des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi mutet immer mehr an wie Science-Fiction.
Am Sonntag beging Japan wie jedes Jahr am 1. September den Jahrestag des großen Erdbebens von Tokio 1923 als "nationalen Katastrophen-Verhütungs-Tag": 1,3 Millionen Menschen, vor allem Polizisten und Feuerwehrleute, halfen fiktiven Opfern; Straßen wurden gesperrt, Bahnhöfe evakuiert, die Regierung setzte sich zur Stabsübung zusammen. Die Katastrophe von Fukushima blieb bei alldem jedoch seltsam unerwähnt.
Die Regierung von Premier Shinzo Abe klammert sich an die Fiktion, mit ihrer Hilfe werde der Kraftwerksbetreiber Tepco die Ruine nun in den Griff kriegen. Doch aus Fukushima kamen am Wochenende neue Hiobsbotschaften. Tepco musste zugeben, die Strahlung um die Wassertanks, aus denen vorige Woche 300 Tonnen verseuchten Wassers in den Pazifik flossen, sei mit 1800 Millisievert pro Stunde 18- mal höher als bisher gemeldet. Man habe mit einem anderen Gerät gemessen, das bisherige reichte nur bis 100 Millisievert pro Stunde; so viel zeigte es vorige Woche an, und man nahm an, die Strahlung betrage also 100 Millisievert pro Stunde. Die Arbeiter, die das Leck mit Schutzanzug und Gasmaske von Hand abdichten mussten, waren somit einer wesentlich höheren Strahlung ausgesetzt als angenommen. 1800 Millisievert pro Stunde gelten über die Dauer von vier Stunden für jemanden ohne Schutzanzug als tödlich.
Immer mehr verseuchtes Wasser
Außerdem hat Tepco ein neues Leck entdeckt, an dem 230 Millisievert pro Stunde gemessen werden. Man muss damit rechnen, dass von den vielen Dutzend Wassertanks, die Tepco aus minderwertigem Material hinter der Ruine aufstellen ließ und weiter aufstellen lassen wird, noch weitere undicht werden. 300.000 Tonnen verstrahltes Wasser werden auf dem Gelände bereits gelagert, bis zum Jahre 2016 soll die Kapazität auf 800.000 Tonnen erhöht werden.
Dieses verseuchte Wasser fällt an, weil die drei durchgeschmolzenen Reaktoren einerseits ständig mit Wasser gekühlt werden müssen und weil andererseits Grundwasser unter die Ruine dringt und abgepumpt werden muss. Üblicherweise lässt man verstrahltes Wasser verdampfen und entsorgt die danach zurückbleibenden Feststoffe als Atommüll. Aber eine industrielle Methode, derartig große Mengen verstrahlten Wassers einzudampfen, wie sie in Fukushima anfallen, gibt es höchstens im Science-Fiction-Roman.
Das verseuchte Grundwasser unter dem Kraftwerk dringt mit vier Metern pro Monat Richtung Meer. Um es aufzuhalten, will Tepco den Boden zwischen Kraftwerk und Ufer über eine Länge von 1,4 Kilometern auf minus 20 Grad gefrieren. Beim Aushub tiefer Baugruben und im Tunnelbau hat sich dies bewährt. In Fukushima jedoch müsste über Jahre hinweg gekühlt werden. 14 Kühlaggregate mit je einer Leistung von 400 Kilowatt will Tepco dafür aufstellen. Selbst wenn es keine neuen Lecks gäbe und der künstliche Permafrost das Wasser aufhält, könnte ein größeres Erdbeben den Tankpark so beschädigen, dass Tausende Tonnen verstrahlten Wassers doch in den Pazifik geschwemmt würden.
Oberflächliche Dekontaminierung
Im Bereich des Fantastischen bewegen sich bisher auch die Vorstellungen, wie die geschmolzenen Reaktorkerne entsorgt werden sollen. Im amerikanischen AKW Three Miles Island begann man 1985, sechs Jahre nach dem Unfall, den Schmelztiegel im Reaktorinneren zu zerkleinern, um ihn dann zu bergen. So ähnlich werde das auch in Fukushima gehen, heißt es, nur weiß man noch nichts über den Zustand der geschmolzenen Reaktorkerne.
Als wenig wissenschaftlich bemängeln japanische AKW-Kritiker auch die großflächige Dekontamination der Gegend hinter dem Kraftwerk, bei der Häuser und Asphalt mit Druckwasser abgespritzt und die oberste Schicht des Naturbodens abgetragen wird. Dabei fällt viel radioaktiver Müll an, der in riesigen schwarzen Plastiksäcken an den Straßenrändern liegt, bis man ihn irgendwo zwischenlagert. Mit dieser Dekontaminierung wird die Strahlung nur geringfügig und oft nur vorübergehend reduziert. Indirekt hat die Regierung das vor einigen Tagen eingeräumt. Die Dekontaminierung soll vielerorts wiederholt werden.