Vorwürfe gegen Kommandanten:Kapitän in schwerer Not

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Er steuerte die "Costa Concordia" auf einen "absonderlichen Kurs", schlug zu spät Alarm und verließ das sinkende Schiff, als längst noch nicht alle Passagiere von Bord waren: Die Vorwürfe gegen Kapitän Francesco Schettini wiegen schwer. Wollte er nach der Katastrophe in einem Taxi flüchten?

Kathrin Haimerl

Es geschah am Freitag kurz vor 22 Uhr. Viele der Passagiere saßen noch beim Abendessen - als ein dumpfer Schlag durch das Kreuzfahrtschiff ging. Das Schiff neigte sich zur Seite, die Lichter gingen aus. Überlebende berichten von Panik, chaotischen Szenen, unzureichender Sicherheitsausrüstung. Ungeübtes Personal habe die Evakuierungsarbeiten durchgeführt.

Im Fokus der Vorwürfe: Kapitän Francesco Schettino, der Berichten zufolge bereits kurz nach dem Unglück das Schiff verlassen haben soll. Mehrfach soll ihn die Küstenwache aufgefordert haben, wieder an Bord zu gehen, um die Evakuierung seines Schiffes zu koordinieren.

Es ist nicht die einzige schwere Anschuldigung gegen den 52-Jährigen, der momentan im Gefängnis von Grosseto einsitzt - unter anderem wegen Fluchtgefahr. Der Kapitän gilt als Hauptverantwortlicher für die Havarie der Costa Concordia vor der italienischen Küste, die mindestens sechs Todesopfer gefordert hat.

Die Vorwürfe gegen Schettino im Einzelnen:

[] Die Costa Concordia soll viel zu nah an die Küste der Insel Giglio herangefahren sein. Das Schiff habe sich "sehr ungeschickt" der Insel genähert und sei daraufhin auf einen der "Le-Scole"-Felsen aufgelaufen, erklärte Staatsanwalt Francesco Verusio. Die Kreuzfahrtgesellschaft European Cruiser Association (Eucras) sprach von einem "absonderlichen Kurs", den der Kapitän genommen habe.

[] Der eigentliche Alarm sei erst sehr spät ausgelöst worden: Der Black Box zufolge sei das Schiff um 21:58 Uhr auf Grund gelaufen. Daraufhin hätten Passagiere die Küstenwache und die Polizei alarmiert, berichten italienische Medien. Doch als sich diese bei Kapitän Schettino meldeten, habe dieser immer wieder abgewiegelt. Es handle sich lediglich um einen Stromausfall, soll er gesagt haben. Er habe die Sache unter Kontrolle. Erst um 22:30 Uhr sei nach Angaben der Staatsanwaltschaft der internationale Notruf "Mayday" bei der Küstenwache von Livorno eingegangen.

[] Schettino soll das Schiff verlassen haben, als ein Großteil der Passagiere und Besatzung noch darauf wartete, von Bord zu kommen. Ein Vertreter der Küstenwache sagte der Nachrichtenagentur AP, der Kapitän sei bereits zu einem Zeitpunkt an Land gesehen worden, als die Evakuierungsaktion noch in vollem Gange gewesen sei.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Schettino unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und Verursachung eines Schiffbruchs. Bei einer Verurteilung drohen dem Kapitän bis zu 15 Jahre Haft.

Die Vorwürfe gegen den Kapitän wiegen so schwer, dass sich die Betreibergesellschaft "Costa Crociere" mit Sitz in Genua am Sonntag in einer Erklärung von dem eigenen Kommandanten distanzierte und ihm schweres menschliches Versagen vorwarf: "Es scheint, dass der Kommandant Beurteilungsfehler gemacht hat, die schwerste Folgen gehabt haben und es scheint, dass seine Entscheidungen im Notfall-Management nicht den Verfahren der Costa Crociere entsprachen", heißt es in der Erklärung.

Schettino selbst ist sich dagegen keiner Schuld bewusst: In einem Fernseh-Interview wehrte er sich gegen die Anschuldigungen. Auf die Frage der Reporter, wer als Letztes das Schiff verlassen habe, sagte er: "Wir haben als Letzte das Schiff verlassen." Zudem sei der Felsen in der Seekarte nicht markiert gewesen, diese habe vielmehr gezeigt, dass das Schiff an der Stelle über ausreichend Tiefgang verfügt habe.

Experten kommen zu einem anderen Ergebnis: "Wir haben die Navigationsdaten der Costa Concordia ausgewertet. Sie zeigen, dass das Schiff nicht geradeaus durch die Meeresenge an der Isola del Giglio vorbeisteuert, sondern direkt auf die Insel zu", teilte Stefan Jäger, Präsident der Kreuzfahrtgesellschaft Eucras, in einer Erklärung mit. "Wäre das Schiff gerade durch die Meeresenge gesteuert, wäre nichts passiert", so Jäger weiter. Der sogenannte AIS-Track zum Zurückverfolgen des Kurses der Costa Concordia ist online verfügbar über die Webseite Marinetraffic.com.

Dass der Felsen auf Schettinos Karte nicht eingezeichnet war, hält Jäger für eine Ausrede, da das Gebiet für seinen felsigen Untergrund bekannt ist. Nur: Warum hat das Sicherheitssystem des Schiffes nicht Alarm geschlagen? Auch dafür hat Jäger eine Erklärung: Der Kreuzer sei mit einer Reisegeschwindigkeit von 15,3 Knoten nicht gerade langsam unterwegs gewesen gewesen. "Zwar messen die Sensoren eines Kreuzfahrtschiffs auf den Zentimeter genau", erklärt Jäger auf Anfrage von Süddeutsche.de. Doch es könnte sein, dass die Warnung einfach zu spät kam und keine Zeit mehr für ein Ausweichmanöver geblieben sei.

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