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Haushalt:Die Deutschen haben das Wischen und Wienern verlernt

Salesperson demonstrates a vacuum cleaner to a housewife  in her home

Oh, Mann! Einer Befragung zufolge putzen 68 Prozent der Frauen ihr Eigenheim am liebsten selbst - allen Gender-Bewegungen zum Trotz.

(Foto: Everett Collection/picture alliance)

Die uralte Kulturtechnik des Putzens geht verloren. Stattdessen verlässt man sich heute auf Haushaltsroboter, chemische Keulen - und auf die Verdrängung.

Das "Staubschwert" sieht aus wie eine Laserwaffe aus "Star Wars", gefährlich neongrün leuchtet das Ding im grauen Feindesgebiet, Griff und Klinge sind aus flexiblem Plastik, die Putzfläche ist mit dichtem Mikrofasertuch bewaffnet. Der "Dampfbesen Aqua Eco" wiederum sieht aus wie eine Erfindung von Daniel Düsentrieb, wahrscheinlich kann man damit auch fliegen, und das "Staubmagnet-Kit" verspricht "dreimal weniger Staub". Unklar bleibt: dreimal weniger als was? Egal, Hauptsache Magnet.

In der Haushaltsabteilung des Drogeriemarktes gibt es kuriose Produkte, von denen man nicht mal ahnte, dass sie existieren, geschweige denn, wie man sie verwendet. Braucht man einen "Küchenfrontenreiniger", oder gehen Fettflecken auch mit normalem Spülmittel weg? Hilft Apfelduft-Raumspray dauerhaft gegen Haustiergeruch, oder wäre es nicht effektiver, das Haustier abzuschaffen oder mit Apfelshampoo zu waschen? Soll man einen elektrischen Fensterreiniger benutzen, um endlich wieder durchzublicken?

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Über Schmutz wird in unserer Konsumgesellschaft viel zu wenig nachgedacht. Die Reinigungsmittelindustrie suggeriert, dass Sauberkeit auch ohne lästige Handarbeit zu haben sei, durch Zauberschwerter, Wischroboter und Wundermittel. Am Arbeitsplatz erledigen Putzkolonnen die Drecksarbeit, ohne dass man etwas mitbekommt. Wenn aber der Schmutz zu Hause zu viel wird, können anstrengende Diskussionen aufgewirbelt werden, was die Putzerei noch unsympathischer macht. "Gesellschaftlich wird das Putzen verdrängt", beklagt Nicole Karafyllis, Professorin für Philosophie an der TU Braunschweig, in ihrem Buch "Putzen als Passion".

Zwei Drittel der Deutschen stellen sich selbst ein eher schlechtes Putz-Zeugnis aus. In einer Untersuchung des britischen "Hygiene Council" zum Putzverhalten von zwölf Ländern landeten die Bundesbürger im unteren Drittel. Der Studie zufolge grübelten die Deutschen zu oft darüber, ob sie überhaupt zum Lappen greifen sollten. "Bei der Mehrheit der Bevölkerung ist eine deutliche Abneigung gegenüber Putzen und Hygiene zu spüren", urteilte der Londoner Virologe John Oxford. Warum die Deutschen weltweit immer noch als Vorbild in Sachen Ordnung, Reinlichkeit und Organisation gelten, ist mit Blick auf die Studienergebnisse schleierhaft.

Psychologisch gesehen ist die Art des Putzens wahrscheinlich Charaktersache. Karafyllis, die selbst gerne putzt, teilt die Menschheit in vier Putztypen ein: 1. den Hygieniker, der sich sisyphusartig an der keimfreien Reinheit abarbeitet, 2. den auf oberflächlichen Glanz fixierten Ästheten, 3. den pragmatischen Funktionalisten, 4. den Schmutz durchdringenden Psychoanalytiker. Insgesamt, abgesehen vom Waschzwang-Neurotiker, nehme die Bereitschaft zum Selbstputzen ab, hat die Forscherin festgestellt. Weil immer mehr Menschen alleine oder zu zweit leben, entsteht in den Wohnungen weniger Schmutz. Wenn der Dreck doch bekämpft werde, dann mit der Chemie-Keule aus Behältern mit Pistolenaufsatz, mit Staubschwertern und ähnlichen Geheimwaffen. "Das hat eine militaristische Komponente bekommen", findet Karafyllis.

Eine Kombination aus gesellschaftlichen Entwicklungen und technischem Fortschritt hat das Putzen verändert. Früher wurden Teppiche wenigstens zum Frühjahrsputz draußen aufgehängt und mit dem Teppichklopfer bearbeitet; früher war Gardinenwaschen, Flusen unter Möbeln hervorholen, Spinnweben mit dem Eckenbesen aus den hintersten Winkeln kratzen das typische Programm im April und Mai. Heute? Sind Staubsauger und Wischroboter im Einsatz, das entsprechende Know-how ist wie weggewischt. "Es fehlt an grundlegender Putz-Erziehung", betont Philosophin Karafyllis.

Autos für 100 000 Euro, aber am 30-Euro-Wischmopp sparen

Elke Wieczorek, Geschäftsführerin des Berufsverbands der Haushaltsführenden, bestätigt diese Beobachtung. Sie beklagt grundlegende Defizite: "Die Leute gehen durch den Drogeriemarkt und kaufen sich planlos irgendwelche Reinigungsmittel." An Wissen über Dosierungen, geeignete Produkte für Fettschmutz in der Küche oder Kalk im Bad sowie die Eignung von Reinigern für Materialien fehle es aber. Zudem mangele es Haushalten an fachgerechter Ausstattung: "Die Leute kaufen sich Autos für 100 000 Euro, sparen aber an einem Wischmopp für 30 Euro."

Weil neben technischen Putzhelfern aber auch menschliche Haushaltshilfen an Beliebtheit in Familien gewinnen, lernen Kinder nicht mehr die grundlegenden Reinigungstechniken. Und da Putzen auch nicht mehr unbedingt als weibliche Kernkompetenz angesehen wird, wie noch vor einigen Jahrzehnten, wird das Haushaltswissen nicht mehr traditionell von Mutter an Tochter weitergegeben; auch nicht von Vater an Sohn oder Tochter, sondern meistens überhaupt nicht mehr. Die Zeiten, in denen Hausfrauen Fibeln geschenkt bekamen, in denen der fachgerechte Einsatz von Heizungsbesen und Mopp beschrieben wurden, sind vorbei. Zum Glück.