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Meinung am Mittag: Großbritannien:Die Monarchie muss sich erneuern

Königin Elizabeth II.

Königin Elizabeth II.

(Foto: Chris Jackson/AFP)

Noch hält die Queen den Laden zusammen, aber der Wunsch nach einer Modernisierung des Königshauses wird immer drängender. Das letzte Wort werden irgendwann die Wähler haben.

Kommentar von Stefan Kornelius

Nun hat die Queen gesprochen - aber hat die Queen auch das letzte Wort? In der britischen Staatstragödie um Zustand und Zukunft der Monarchie erklärt das Oberhaupt die Analyse des abtrünnigen Enkels und seiner amerikanischen Frau, vorgetragen in einem Interview mit Oprah Winfrey, zur Familiensache. Königin Elisabeth II. zeigt in 64 bestens polierten Wörtern Empathie für die Sorgen und Nöte des Paares. Aber sie sagt durch die Kürze ihrer Mitteilung auch, was sie von einer Auseinandersetzung vor zig Millionen Zuschauern hält: reichlich wenig.

Denn hier geht es nicht nur um mögliche rassistische Äußerungen im Familienkreis, um Psychoterror und Verhaltensauffälligkeiten. Die britische Monarchie weiß seit Jahrzehnten, dass es in diesen Familienkonflikten immer auch um ihren Bestand geht, um die zeitgemäße Adaption eines feudalen Systems - und am Ende um die Frage, ob der genetische Zufall über die Besetzung der Staatsspitze entscheiden darf.

Die Frage ist so berechtigt, wie die Antwort unbefriedigend ausfällt: Wie reformiert man eine Institution, die auf einer tausendjährigen Geschichte ruht? So leicht lässt sich die Monarchie eben nicht wegwischen, wie das ihre Gegner wünschen. Im Kern bleibt sie dennoch anachronistisch: Ein Staat kann sich einer Idee unterwerfen, aber nicht einer Person, die per Geburt zur Führung erkoren ist.

Nun hat Meghan, Herzogin von Sussex, diesen Anachronismus in die Gegenwart getragen, die sich schon wieder ganz anders anfühlt als die Wirklichkeit, die ihre verstorbene Schwiegermutter Diana erfahren musste. Wer die Monarchie heute infrage stellt, tut dies in Zeiten außergewöhnlicher Spannungen in Großbritannien. Der Brexit hat das Land in zwei Lager geteilt, die Landesteile Schottland und Nordirland liebäugeln mehr denn je mit der Abspaltung. Die Mitglieder des Commonwealth diskutieren die Lossagung von der Krone und zeitgemäße Verfassungskonstruktionen mit einem gewählten Präsidenten an der Spitze.

Harry und Meghan haben die konstitutionelle Kulisse ins Wanken gebracht

Großbritannien wird außerdem gezwungen, sich mit den komplexen Fragen seiner bislang glorifizierten Vergangenheit als Kolonialmacht zu befassen. Integration, Rassismus und Geschichtsverständnis gehören in diesen Katalog der Modernisierung ebenso wie das Klassenverständnis, auf dem der Staat und vor allem die Monarchie ruhen. Die Staatskonstruktion mit der Königin an der Spitze wird also mit einem Modernitätsverständnis konfrontiert, dem sie nicht entsprechen kann. Wird Elisabeth eines Tages nicht mehr sein, könnte das Konstrukt zusammenbrechen.

Dies ist die konstitutionelle Kulisse, die Meghan und Harry mit ihrem Interview ins Wanken gebracht haben. Die Kulisse mag dem Sturm momentan noch standhalten. Aber sie bleibt eine Kulisse. Die Familie, die in ihr wohnt, kann keinen Neubau schaffen. Das ist Aufgabe der britischen Wähler und ihrer gewählten Vertreter.

© SZ
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