Süddeutsche Zeitung

Psychologie:Mach mich nicht hangry!

Wenn der Magen knurrt, ist meist auch die Stimmung nicht freundlicher. Wissenschaftler wollen nun einen Beleg dafür gefunden haben, dass hungrige Menschen schneller gereizt sind.

Von Alexander Menden

Eine Situation mitten aus dem Leben: Ein Gespräch beginnt harmonisch, rutscht dann aber in einen verbalen Konflikt ab, weil der Gesprächspartner unversehens überempfindlich, zickig und streitlustig wird und am Ende wütend zum Mittagessen abrauscht. Man zerbricht sich noch Stunden später den Kopf, was man denn wohl Schlimmes gesagt haben könnte? Dabei ist so ein plötzlicher Stimmungsumschwung oft gar keine Reaktion auf einen kontroversen Gesprächs-, sondern auf den mangelnden Mageninhalt des Gegenübers. Der rechtzeitige Verzehr einer Handvoll Nüsschen oder ein Gesprächstermin nach dem Mittagessen hätte die Auseinandersetzung womöglich verhindert.

Hangry nennt man im englischen Sprachraum die miese Laune, die entsteht, wenn man zu lange nichts gegessen hat. Das Adjektiv ist ein Kofferwort aus hungry und angry, also hungrig und wütend. Dafür, dass dieser Zusammenhang zwischen Hunger und Wut besteht, gab es bereits reichlich anekdotisches Beweismaterial und vor ein paar Jahren eine erste Studie von Psychologinnen der University of North Carolina. Jetzt scheint eine neue Arbeit den Hangry-Effekt abermals wissenschaftlich zu belegen.

Umfrage per Handy-App

"Je hungriger man ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass man auch Reizbarkeit und Wut verspürt und dass man ein geringeres Glücksempfinden hat", zitiert der New Scientist den Sozialpsychologen Professor Viren Swami von der Anglia Ruskin University. Swami und sein Team ließen eine Gruppe von 64 Probandinnen und Probanden in Deutschland, Österreich und einigen anderen Ländern mittels Telefon-App drei Wochen lang fünfmal täglich kurze Umfragen zu ihren Emotionen und ihrem Hungergefühl ausfüllen. Die Daten dieser - nach wissenschaftlichen Maßstäben kleinen - Stichprobe deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Hungergrad einerseits und selbst attestierter Reizbarkeit und Wut andererseits gibt. Rund 56 Prozent solch negativer Empfindungen führten die Teilnehmer jeweils unmittelbar auf Hunger zurück.

Wissenschaftliche Studien über den Zusammenhang von Hunger und Wut beim Menschen - ja, es gibt bereits solche Untersuchungen - wurden bisher nur unter Laborbedingungen vorgenommen. Sie ergaben, dass niedriger Blutzuckerspiegel infolge mangelnder Nahrungszufuhr zur Freisetzung von Hormonen wie Adrenalin und Cortisol führt. Adrenalin löst die sogenannte Kampf-oder-Flucht-Reaktion aus, Cortisol erhöht den Stresspegel. Zudem wird bei niedrigem Blutzucker eine organische Verbindung namens Neuropeptid Y ausgeschüttet, die Menschen dazu treibt, sich ihrer Umgebung gegenüber aggressiver zu verhalten. Wer auf solche chemischen Stressfaktoren empfindlich reagiert, wird anscheinend auch besonders leicht hangry.

Laut Viren Swami können "potenziell negative kontextuelle Reize" eher das Stimmungsbarometer beeinflussen, wenn jemand erst mal hangry ist. Solche Reize können zum Beispiel Faktoren wie schlechtes Wetter oder versehentliche Rempeleien in einem überfüllten Raum sein. Swami räumt im Gespräch mit dem New Scientist allerdings auch ein, dass Handystudien wie die vorliegende möglicherweise genau das beeinflussen, was sie zu messen versuchen. Sprich: Fünfmal am Tag per Kurznachricht aufgefordert zu werden, eine Umfrage auszufüllen, könnte ebenfalls ein bisschen Wut auslösen. Besonders direkt vor dem Mittagessen.

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