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Hameln:Kader K. ist aus dem Koma erwacht, kann aber noch nicht sprechen

Der große Bruder heißt Maruf. Er zog Kader K. in Hameln groß und nun ist er wieder ihr offizieller Vormund. Ein müder Mann in Nike-Schuhen, mit kurzem, schütterem Haar. Ein Koch, wie seine Schwester. Fünffacher Vater.

"Weißt du, wie sich das anfühlt? Deine Schwester so zu sehen, mit den Schläuchen?" Maruf K. greift mit der Hand nach einer imaginären Paprika. "Unheimlich scharf, du brennst, dir kommen die Tränen. Und nun stell dir vor, du isst tausend Chilis auf einmal. So fühlt sich das an."

Maruf K. setzt sich auf den Teppich, auf den Matratzen rechts und links trinkt die Verwandtschaft Tee. Seine Mutter nestelt an ihrer Gebetskette. Der kleine Cudi rammt den Onkel mit der Stirn. Sie haben ein Handyvideo für Mama aufgenommen, auf Kurdisch. Ich vermisse dich. Komm nach Hause. "Als sie Cudis Stimme hörte, hat sie tiefer geatmet. Sie hat verstanden, dass er in Sicherheit ist." Kader K. ist nach zwei Not-OPs (insgesamt zehn Stunden) und dreifachem Herzstillstand aus dem Koma erwacht, kann aber noch nicht sprechen, sie hat einen Schlauch im Mund.

Der Täter soll seiner Frau die ganze Aussteuer abgenommen haben

Was war sie für ein Mensch, vor dem Überfall? "Sehr emotional", sagt Maruf K. Sie habe Geld in die verwüsteten Kurdengebiete überwiesen. Und schlagfertig. "Der war am Anfang öfter bei mir, hat sich beschwert, sie würde ihm Kontra geben. Ich habe ihm gesagt: Misch dich bei ihr nicht ein, weder in der Küche noch beim Einkaufen. Es bringt nichts."

Und er, was war Nurettin B. für ein Mensch? "Sehr geizig", meint Maruf K. Die Verwandtschaft verfällt in zustimmendes Murmeln. Er habe versucht, Kader das Rauchen zu verbieten, weil es zu viel koste. Er habe ihr irgendwann ihren ganzen Goldschmuck, die ganze Aussteuer wieder abgenommen. "Sie konnte sich nicht mal hübsch machen, als sie auf eine Hochzeit eingeladen waren."

Wenige Tage vor der Tat habe Nurettin B. ein Amtsschreiben erhalten, das ihn endgültig zu Unterhaltszahlungen verpflichtete. Er hatte jahrelang dagegen geklagt. Das sieht Maruf K. als Hauptursache der Tragödie. "Er hat es einfach nicht verkraftet, dass er zahlen muss."

Nurettin B. war schon einmal verheiratet

Nur deswegen ist er so ausgerastet? "Er ist nicht ausgerastet", sagt Maruf K. "Ich denke, er hat das geplant. Du hast ein Messer dabei, gut, aber ein Seil?" Aber wozu ein öffentlicher Mord, all die Zeugen? Und danach ein Leben hinter Gittern? "Er wollte zeigen, was er für ein starker Mann ist", erwacht Mutter Hayriye.

Maruf schüttelt den Kopf. "Ich glaube nicht, dass das mit Männlichkeit zu tun hat. Es war mal tatsächlich so bei uns Kurden, mein Opa hatte fünf Frauen. Finde ich gar nicht gut. Aber nun ist der Stellenwert der Frau ein anderer." Er spricht von einem "ideologischen Wandel". Kurdische Frauen kämpfen ja auch gegen den IS.

Vor Kader war Nurettin B. schon einmal verheiratet, aber sie wissen nicht, woran die Ehe zerbrach. Nach Kader holte er sich eine Frau aus der Türkei, sie flog nach einem Monat zurück. Zuletzt sei er mit einer Syrerin zusammen gewesen. "Seine Mutter hat sich umgebracht", sagt jemand. "In einem Fluss, glaube ich."

"Ich werde ihm nie verzeihen", sagt die Mutter

Als Nurettin B. seiner Schwiegermutter die Nase brach, zog sie Cudi zuliebe die Anzeige zurück. "Wir wollten nicht, dass Cudi einen vorbestraften Vater hat." Nach seiner letzten Drohung führte die Polizei eine sogenannte Gefährderansprache durch, Nurettin B. soll sich einsichtig gezeigt haben. "Ich werde ihm nie verzeihen", sagt Mutter Hayriye. Es hat sich bis jetzt aber auch keiner entschuldigt bei der Familie K. Weder Nurettin B. noch sein Vater noch sonst wer.

Wenn Maruf K. seine Mutter besucht, fährt er die Strecke ab, auf der seine Schwester gefoltert wurde. Königstraße, Prinzenstraße, Kaiserstraße. Die Blutflecken sind weg. Um zu zeigen, was passiert ist, beschleunigt er nun extra und fährt im Zickzack. "So hat er sie hergeschleift, damit sie mit dem Kopf aufschlug."

An der Stelle, wo das Seil riss, brennen Kerzen. Plakate am Rasenzäunchen: "Warum??? Unfassbar." "DU schaffst das, wir sind bei DIR." "Gewalt gegen Frauen ist kein Kavaliersdelikt." 200 Meter weiter ist eine Polizeistation. "Wollte er sie an der Polizeistation vorbeischleifen? Zum Fluss fahren? Oder was wollte der?"

Nein, er versteht den nicht.

© SZ vom 06.12.2016

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