Hameln Gewalttat in Hameln: "Ich werde ihm nie verzeihen"

Hameln, Kaiserstraße, gegenüber dem Kosmetikstudio Le Visage. An dieser Stelle riss das Seil, Kader K. blieb schwer verletzt liegen.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Kader K. wäre fast gestorben, als ihr Ex-Mann sie mit dem Auto durch Hameln schleifte. Die Mutter des Opfers fragt sich: "Warum hat man den nicht weggesperrt, als klar wurde, was das für einer ist?"

Von Tim Neshitov, Hameln

Mutter Hayriye fragt sich, wozu sie vor vier Jahren nach Deutschland kam. Mit einem gefälschten Pass, in einem Schlepper-Lkw. "Wir mussten aussteigen, durch Bäche laufen, Wasser bis zur Brust. Im Dunkeln." Sie geht auf die sechzig zu, kauert sich auf eine Matratze am Boden hin, umarmt ihre Knie, schließt die zugeweinten Augen. Die Haut an ihren Händen glänzt ledern, das schwarze Kopftuch ist fest gebunden. Hayriye K. wohnt nun in dieser Dachgeschosswohnung in Hameln mit schräg angeschnittenen Wänden.

Sie hat sieben Kinder auf die Welt gebracht, vier von ihnen leben seit 2001 in Deutschland. Sie wuchsen ohne Mutter auf. "Das wollte ich endlich nachholen", sagt sie, kaum hörbar, als spräche sie mit ihren Knien. "Ich wollte sie an mich drücken. Nicht mehr weinen müssen beim Essen." Nach all den Jahren Telefon und Skype und: Mama, bei uns schneit's, Mama alles gut bei euch? Es war nicht alles gut bei Mama und Papa, ihr Dorf in der türkischen Provinz Şırnak unweit der syrischen und der irakischen Grenze geriet ins Visier des Militärs. Papa wurde mehrmals verhaftet, ein Bauer, der auf Demonstrationen prokurdischer Parteien ging.

Kriminalität Opfer hatte Ex-Freund vor Gewalttat in Hameln angezeigt
Niedersachsen

Opfer hatte Ex-Freund vor Gewalttat in Hameln angezeigt

Eine 28-Jährige wird an ein Auto gebunden und 250 Meter weit mitgeschleift. Täter soll ihr früherer Lebensgefährte sein. Zwei Tage vor der Tat war die Polizei noch eingeschritten, weil er der Frau gedroht hatte.

Ein Stich in die Lunge, einer in die Milz

Mutter Hayriye schlug sich nach Deutschland durch und beantragte Asyl. Eine ihrer Töchter heißt Kader. Betonung auf dem "E", Kader bedeutet "Schicksal". Kader, 28 Jahre alt, wohnte im Zimmer nebenan und kochte in einem kurdischen Lokal in Coppenbrügge. Nun liegt sie auf einer Intensivstation in Hannover.

Am Abend des 20. November wurde Kader K. auf der Straße von ihrem Ex-Mann niedergestochen. Ein Stich in die Lunge, einer in die Milz. Der Mann, auch er kurdischer Flüchtling, band ihr danach ein Seil um den Hals und schleifte sie hinter seinem Auto her. Ein Möbelarbeiter aus Eimbeckhausen, zehn Jahre älter als sie. Über Asphalt, über Kopfstein, 250 Meter weit, mit Tempo 80 durch die Innenstadt, bis sich in der zweiten Kurve, gegenüber dem Kosmetikstudio Le Visage, das Seil löste.

Sie haben einen gemeinsamen Sohn, den lockigen, milchbackigen Cudi, genannt nach einem hohen Berg in der Provinz Şırnak. Cudi wird bald drei Jahre alt. Er reicht schon zur Begrüßung die Hand. Am 20. November saß er mit im Auto. Mutter Hayriye guckte an dem Abend kurdische Nachrichten am großen Flachbildschirm. Und auf einmal füllte sich der enge Flur mit Polizisten. Sie weint nun auf ihrer Matratze. "Dafür bin ich nach Deutschland gekommen?"

Während der Schwangerschaft trat er ihr in den Bauch

Je mehr Zeit seit der Tat verstreicht, desto mehr Fragen hat sie. Die Stadt Hameln hat eine Mahnwache abgehalten, der Oberbürgermeister fühlte sich an "mittelalterliche Hinrichtungen" erinnert. Die Bild-Zeitung hat ihr obligatorisches Opferfoto abgedruckt, sogar mit Beatmungsschläuchen, wofür Kaders älterer Bruder auf der Intensivstation sein Handy zücken musste ("Ich war verwirrt, wie im Nebel, und die sagten noch, so ein Foto würde Kader nützen"). Der Täter - hier ist nicht der Bild-Journalist gemeint - hat sich gestellt und sitzt in Untersuchungshaft. Er heißt Nurettin B., aber in der Familie K. nennt man ihn nur noch "der". Es läuft wohl auf eine Anklage wegen versuchten Mordes hinaus.

Wie konnte der, das fragt sich Mutter Hayriye, ausgerechnet der unsere Kader heiraten? Es ist eine selbstkritische Frage. Die Ehe war arrangiert. Durch einen Freund der Familie, über den man heute lieber schweigt. Kader K. und Nurettin B. heirateten nach islamischem Ritus, ohne Standesamt. Die große Familie K. fand an dem Mann damals nichts auszusetzen, man "gab" sie ihm, wie es in der Familie heißt. Zumal der Mann Kader buchstäblich bekniete, ihn zu heiraten, mit Tränen in den Augen. Das raubt Mutter Hayriye heute den Schlaf.

Sie fragt sich auch: Warum hat man den nicht weggesperrt, als klar wurde, was das für einer ist? Bereits während der Schwangerschaft hatte er ihrer Tochter in den Bauch getreten. Nachdem Kader mit dem Neugeborenen zu ihr gezogen war, kam er aus Eimbeckhausen und brach ihr, der Mutter, die Nase. Zwei Tage vor der Bluttat zischte er Kader zu: Ich bringe dich um. Er hatte sogar ihre Anwältin bedroht, wegen der Unterhaltsklage.

Die Suche nach Antworten verläuft in losen Runden

Und da er trotz alldem noch frei herumlief - warum musste sie bloß diese Sechs-Uhr-Nachrichten anschalten, anstatt auf ihre Tochter aufzupassen? Sie zieht sich zum Gebet in Kaders kaltes, enges Zimmer zurück, kniet neben dem Kinderbett, am Fenster sitzen ein Plüschelefant, ein Hase, ein Bär, eine Kuh. Im Spiegelschrank spiegelt sich die nackte Glühbirne. Nach dem Gebet raucht die Mutter am Küchenfenster eine Supermarktzigarette.

Dieses Fenster. Von hier hat sie immer beobachtet, wie der den kleinen Cudi zurückbrachte. Freitags holte er ihn ab, sonntags brachte er ihn zurück, sein VW Passat stand unterm Baum vor dem Haus. Normalerweise. Diesmal parkte er hundert Meter weiter. Als er kurz nach dem Abendgebet ankam, klingelte wie immer Kaders Handy, sie ging wie immer hinunter.

Die Suche nach Antworten verläuft in losen Runden, bei der Mutter sind oft Nichten, Cousinen, Schwägerinnen, Enkel zu Besuch, im Treppenhaus kühlen viele Schuhe aus und aus der Wohnung riecht es nach Gebäck. Kaders älterer Bruder - der seine Schwester für die Bild abgelichtet hat - versucht, zu sich zu kommen. Er ist in Abwesenheit des Vaters eine Art Familienoberhaupt. Der Vater lebt in Izmir und versucht gerade, einen Pass zu beantragen.