Ein Anruf bei ...:... Friedrich von Borries, der ein Stipendium für Nichtstun vergibt

FRANCE - LIFESTYLE AND LEISURE - LA ROCHELLE 02 JUNE 2020 A man in a hammock, and two other people walking under trees.

Gezielt nichts tun. Das ist die Bedingung, um an die 1600 Euro Stipendium von Friedirch von Borries zu kommen.

(Foto: Hans Lucas/Imago)

Dreimal 1600 Euro hat der Professor einer Hamburger Kunsthochschule ausgelobt. Aber Achtung: Bewusst etwas nicht zu tun, ist mehr als nur Faulenzen.

Interview von Moritz Geier

Achtung, hingehört! Die Hamburger Hochschule für bildende Künste hat ein Stipendium ausgeschrieben: 1600 Euro für drei Bewerberinnen oder Bewerber. Was muss man tun? Nichts. Projektinitiator ist Friedrich von Borries, Professor für Designtheorie.

SZ: Herr von Borries, so schönes Wetter heute, am liebsten läge man irgendwo am Wasser.

Friedrich von Borries: Würde ich auch gerne, aber ich muss Ausstellungstexte machen. Kein Faulenzen möglich.

Wundern Sie sich nicht, ich möchte heute gar keine Fragen stellen.

Soll ich einfach was erzählen?

Bitte.

Ich hatte gerade ein Radiointerview, bei dem ich dem Moderator vorgeschlagen habe, dass wir beide mal fünf Minuten schweigen. Und er hat dann gekontert, dass er mal eine Stunde eine Sendung moderieren will, ohne zu sprechen. Deswegen weiß ich gerade gar nicht, ob Ihr Vorschlag, keine Fragen zu stellen, ein konzeptioneller ist oder ein impulsiver.

Eher ein Versuch, an Ihr Stipendium zu kommen, Herr von Borries.

Na ja, für das Stipendium muss man vier Fragen sehr präzise beantworten. Die erste: Was möchte ich nicht tun? Dabei geht es nicht um Faulenzen. Sondern um die Frage, was man aktiv unterlassen möchte - von den vielen Dingen, die man macht und bei denen man weiß, dass sie sinnlos sind, dass sie umweltzerstörend sind, dass sie anderen Menschen nicht guttun.

Ah.

In der zweiten Frage soll man das erläutern. Die dritte Frage ist: Warum ist man der Richtige, um das Jeweilige zu unterlassen? Ich etwa könnte jetzt als Hochschullehrer sagen, ich halte mal eine Vorlesung, ohne etwas zu sagen, unabhängig wie sinnvoll das ist. Sie könnten einen Blindtext machen und schauen, wie die Leser reagieren.

Friedrich von Borries

Friedrich von Borries, 46, ist Architekt und Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Ab 6. November ist seine Ausstellung "Schule der Folgenlosigkeit" im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen.

(Foto: Thomas Schweigert)

Oder ein Interview ohne Fragen führen!

Genau. Die vierte Frage wäre, wann und wie lange man es unterlassen möchte. Wenn jemand sagt, er möchte versuchen, mal nicht zu schlafen, dann wäre wohl alles über drei Tage nicht wirklich gesund. Wenn jemand sagt, er möchte kein Fleisch mehr essen, kein Auto mehr fahren, dann kann das auch mal ein Monat sein. Ich begrüße es, wenn Sie sich bewerben wollen!

Erzählen Sie ruhig weiter.

Das Ganze ist Teil der "Schule der Folgenlosigkeit", einer Ausstellung, die ich im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zeigen darf. In der Schule kann man Übungen machen, um seine eigene Folgenlosigkeit kennenzulernen, und man kann eintauchen in 3000 Jahre Kulturgeschichte der Folgenlosigkeit. Man kann sich auch alle Bewerbungen für das Stipendium ansehen, die wir erhalten. Und sich inspirieren lassen mit Ideen, was man alles nicht tun könnte.

Aha.

Das Ziel ist es, das Thema zu platzieren: dass ein Nichtstun, ein Unterlassen heute vielleicht oft wichtiger ist als Erfolgsstreben, Technikversessenheit, auch in der Nachhaltigkeitsdiskussion. Dass viele Menschen sich fragen: Was hieße das in meiner Lebenspraxis? Dass sie es ausprobieren, so wie Sie Ihr Interview.

Folgenlosigkeit ist, wenn man keine Fragen stellt und trotzdem ein Interview dabei rauskommt.

Das ist eine sehr effiziente Form von Folgenlosigkeit! Ich bin natürlich leider in dem Paradoxon gefangen, dass ich will, dass diese Ausschreibung erfolgreich ist und durchaus Folgen hat.

© SZ/zip
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